Naturwissenschaften

Das Forschen darf und muss weitergehen

Konrad Zehnder Arbeit und Alltag fordern uns heraus. Mit Menschen zusammen zu arbeiten führt zu Spannungen, auch in der Forschung. Doch seriöse Forscher wissen um die Grenzen ihrer Wissenschaft.

 

Wenn ich Daten sammle und interpretiere, tue ich das in der gleichen Weise wie mein Arbeitskollege, der ohne liebenden Gott durchs Leben kommen will. Natürlich unterscheiden wir uns in vielen alltäglichen Dingen, Meinungen und grundlegenden Haltungen. Doch Wissenschaft vereint. Naturwissenschaft ist ein beschränktes offenes System, um einen begrenzten Bereich der Wirklichkeit zu beschreiben. Jenen Teil nämlich, der unseren natürlichen Sinnen zugänglich ist und der systematisch untersucht werden kann, sofern er den Regeln der Naturgesetze gehorcht. Daran ändert sich grundsätzlich nichts, auch wenn wir unsere natürlichen Sinne mit den raffiniertesten Instrumenten und Techniken erweitern. 

Die Welt, die sich dem naturwissenschaftlichen Erkennen öffnet, mag unermesslich gross und vielschichtig sein. Klein ist sie dennoch – aus der ganz anderen Sicht als das Geschaffene, das in der Hand des Schöpfers liegt. Diese Sicht teilen natürlich nicht alle. Obschon Glaube und
Weltsicht unser Leben, Denken
und Handeln prägen, spielen sie in der naturwissenschaftlichen Praxis (im naturwissenschaftlichen «Handwerk») keine Rolle – solange Naturwissenschaft ihren eigenen Methoden treu bleibt. 

 

Wenn Theorien zu Dogmen werden

Spannungen zu den Feldern des Glaubens gibt es dann, wenn Naturwissenschaft zu schummeln beginnt. Und das ist leider öfters der Fall. Wenn zum Beispiel Resultate verfälscht oder verschwiegen werden, um brüchige Theorien zu stützen. Wenn Theorien zu Fakten und Dogmen uminterpretiert werden. Wenn verdrängt oder verschwiegen wird, dass erfolgreiche wissenschaftliche Theorien nur die zur Zeit besten Erklärungsversuche für beobachtete Phänomene sind. Wenn Theorien, die in einem beschränkten Geltungsbereich brauchbar sind, verallgemeinert und verabsolutiert werden. 

Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Standardmodell der Elementarteilchenphysik. Nach Meinung der
Physiker ist es die zur Zeit beste
Theorie, um Materie im atomaren Grössenbereich zu beschreiben. Im Juli 2012 gingen Gerüchte und Erfolgsmeldungen durch die Medien, es sei mit Experimenten im CERN wahrscheinlich gelungen, das sogenannte Higgs-Boson nachzuweisen. Dieses von der Theorie vorausgesagte Teilchen sorgt dafür, dass alle Objekte eine Masse haben. Ob das Teilchen wirklich entdeckt wurde, lassen die zuständigen Physiker offen, denn die Unsicherheit wegen möglicher Messfehler sei noch zu gross. Jedenfalls sei ein neues Elementarteilchen entdeckt worden, und man sei tiefer in die Geheimnisse der Materie vorgedrungen als je zuvor. So weit so gut. Die wissenschaftlich vernünftige Lesart geht so: Wenn das Higgs-Boson tatsächlich existiert, kann die Theorie vorläufig als bestätigt gelten.

 

Begeisterung für das «Gottesteilchen»

Für viele Naturwissenschafter reicht das aber nicht. Für sie gibt es gute Gründe anzunehmen, dass mit der Entdeckung des «letzten» Elementarteilchens die Materie insgesamt und somit die ganze Wirklichkeit erklärt worden ist. Aus dieser Sicht bekommt das gesuchte Teilchen eine enorme Bedeutung. Und dies erklärt auch, weshalb es den populärwissenschaftlichen Übernamen «Gottesteilchen» bekommen hat. 

Diese Bezeichnung und derlei Spekulationen haben in der seriösen Wissenschaft keinen Platz. Der 83-jährige Peter Higgs, der in den 1960er Jahren Wesentliches zur Theo-rie beigetragen hat, kommentierte den Medienrummel mit der Bemerkung, dass Laien jetzt meinen könnten, alle Probleme der Physik seien gelöst, sobald dieses Elementarteilchen als entdeckt gilt. 

Er weiss: Das Forschen geht weiter. Die Suche nach besseren Theorien ist erlaubt und erwünscht.

 

Konrad Zehnder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Schweizerischen Geo- technischen Kommission der ETH Zürich. 

konrad.zehnder@STOP-SPAM.erdw.ethz.ch  

www.sgtk.ch/kzehnder 

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