Philosophie

Barmherzigkeit in einer globalisierten Welt

Conrad Krausche Sich ethisch richtig zu verhalten, ist im Zeitalter der Globalisierung schwieriger geworden. Der Autor zeigt, dass diese Feststellung oft nicht mehr ist als eine Ausrede.

 

Das Glaubensleben der Christen sollte daraus bestehen, das zu tun, was Gott von ihnen verlangt.  Was das grundsätzlich heisst, dazu äussert sich Jesus im Matthäus-Evangelium an der Stelle, wo ihn ein Schriftgelehrter nach dem grössten Gebot fragt1. Die Antwort ist wohl bekannt: Das grösste Gebot besteht darin, Gott aus ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und mit dem ganzen Verstand zu lieben und ebenso unsere Nächsten wie uns selbst. In diesen zwei Geboten sind laut Jesus das ganze Gesetz und die Propheten enthalten. Wer diese Gebote hält, so kann man interpretieren, hält das ganze Gesetz.

Lukas2 berichtet, der Schriftgelehrte habe Jesus weiter gefragt, wer sein Nächster sei. Darauf antwortet Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dieses Gleichnis beinhaltet einige Aspekte, die uns zeigen, wie wir uns im Alltag zu verhalten haben – selbst in der modernen Welt.

 

Barmherzig handeln damals ...

Wenn unser alltäglicher Glaube da-raus bestehen soll, Gott und unsere Nächsten zu lieben, stellt sich zu Recht die Frage, wer unser Nächster sei. Besonders in einer globalisierten Welt ist diese Frage schwieriger zu beantworten. Am Ende des Gleichnisses empfiehlt Jesus dem Schriftgelehrten, ebenso zu handeln wie der barmherzige Samariter. Doch wie hat dieser gehandelt und was macht seine Handlungsweise so einzigartig?

Jesus beschreibt, wie vor dem Samariter zuerst ein Priester und dann ein Levit an einem überfallenen und verletzten Mann vorbei gehen, ohne ihm zu helfen. Das ist besonders bemerkenswert, weil der Überfallene (so können wir annehmen) Jude ist, so wie auch der Priester und der Levit. Landsmänner also. Samariter waren jedoch damals bei den Juden verpönt und galten als minderwertige Menschen. Der Samariter tut trotzdem genau das, was richtig ist, im Gegensatz zum Priester und zum Leviten – obwohl der Verwundete einer aus einem anderen Volk ist, das ihn als Samariter sogar verachtet.

 

... und heute

Für aktuelle ethische und politische Debatten sind vor allem zwei Punkte aus diesem Gleichnis wichtig: Der Samariter war erstens für das Leid des Überfallenen nicht verantwortlich und zweitens war er weder Verwandter, Bekannter noch Landsmann des Überfallenen. 

Der erste Punkt ist wichtig, weil vielfach argumentiert wird, es sei unsere Pflicht, den Opfern der Globalisierung zu helfen, weil wir durch unser Mitwirken im globalisierten Kapitalismus als Produzenten oder Konsumenten für das Leid dieser Menschen mitverantwortlich seien3. Das Gleichnis des Barmherzigen Samariters lehrt uns, dass wir tatsächlich helfen sollen, auch wenn wir nicht direkt verantwortlich sind für das Leiden Anderer. Wenn jemand leidet, so ist diese Person für uns der Nächste.

Der zweite Punkt scheint mir noch fast wichtiger. Der Samariter kennt den Überfallenen nicht, er ist nicht einmal vom gleichen Volk. Das lässt sich gut auf die heutige Zeit übertragen: Wir sollen heutzutage auch Menschen helfen, denen wir nie begegnet sind. Dort, wo wir die Möglichkeit haben, haben wir auch eine Verpflichtung! 

Was Jesus uns mit diesem Gleichnis lehren will, ist dies: Unseren Nächsten zu lieben, bedeutet, allen zu helfen, die unserer Hilfe bedürfen und denen wir sie geben können. Es ist leicht, die zu lieben, die uns lieben (und uns kennen). Doch wie handeln wir, wenn Leute leiden, die wir nicht kennen, mit denen wir vielleicht nie direkt etwas zu tun hatten? An unserer Antwort auf diese Frage zeigt sich, ob wir wirklich bereit sind, Jesus zu folgen und unsere Nächsten zu lieben. 


1   Mt 22, 34-40

2  Lk 10, 29-37

3  Zum Beispiel durch unsern viel zu hohen Ausstoss an Treibhausgasen in die Atmosphäre oder durch den Konsum von Produkten, die nicht fair produziert worden sind. 

 

Conrad Krausche studiert an der Uni Bern «Political and Econonomical Philosophy (PEP)» und engagiert sich in der Bibelgruppe für Studierende der VBG in Bern.

conrad@STOP-SPAM.krausche.org  

To top