Politik

Von der Sonntagslehre zum Alltagsglauben

Philipp Hadorn

 

Diesen Sommer vertiefte ich mich anlässlich eines kurzen Sprachaufenthaltes in Nizza in das Buch des Amerikaners Gary Haugen über die Verantwortung der Christen im Angesicht der Ungerechtigkeit1.

Der Harvard-Jurist Haugen, der 1994 als Mitarbeiter des amerikanischen Justizdepartements an das UN-Center für Menschenrechte «ausgeliehen» wurde, spricht eine klare Sprache – geprägt von seinen Untersuchungen des Völkermordes in Ruanda.

Nachforschungen zu den dortigen Massengräbern, zum Verkauf von Kindern in die Prostitution und zu ungerechten Landaufteilungen liessen ihn 1997 die «International Justice Mission» gründen. Heute kämpfen in dieser Organisation 250 Juristinnen und Juristen für die Rechte von Unterdrückten und gegen Ungerechtigkeiten.

Haugen motiviert zur Hoffnung auf einen Gott der Gerechtigkeit, der Leidenschaft, der Werte und des Heils. Eindrücklich belegt er mit biblischen Geschichten, wie parteiisch Gott ist – für Benachteiligte, Verfolgte und in die Flucht Getriebene. Genau gleich sollen auch wir Partei ergreifen, uns für die Opfer einer ungerechten Politik einsetzen und so den Leib Christi sichtbar werden lassen.

Die Sommerpause ist vorbei. Mein gewerkschaftlicher und politischer Alltag hat mich wieder. Ich habe zu meiner deutschen Alltagsbibel gewechselt und lese wieder deutsche Dokumente und Bücher. In meiner Agenda stehen Verhandlungen zum Gesamtarbeitsvertrag (GAV), Einsprachen gegen ungerechtfertigte Lohneinstufungen, die Abfederung und Begleitung einer Massenentlassung, Gespräche zu den Steuerabkommen mit dem Ausland, zur Asyldebatte und zu einem geplanten Asylzentrum in unserem Dorf.

Haugen hat mich bestärkt: Christen sollen Partei ergreifen, Missstände auch einmal laut anprangern und damit Opfern Hoffnung geben. So wird die Sonntagslehre zum Alltagsglauben.

 

1  Englische Ausgabe: Good News about Injustice, Gary A. Haugen, 1999, International Justice Mission; französische Ausgabe: La résponsabilité du chrétien face à l’injustice, Gary Haugen, Übersetzung Sabine Bastin, Éditions Farel, Oktober 2006

 

Philipp Hadorn ist SP-Nationalrat und Zentralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. Er lebt mit seiner Frau und drei Jungs in Gerlafingen SO, wo er sich in der Evangelisch-methodistischen Kirche engagiert. mail@STOP-SPAM.philipp-hadorn.ch, www.philipp-hadorn.ch  

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Politik

«Daumen nach oben» für den Atheismus?

Daniel Beutler

 

In Online-Zeitungen kann man oft die eigene Meinung zu einem bestimmten Thema abgeben und dann einer Art «Benotung» unterziehen lassen. Dies gilt für Artikel, bei denen man einen Leserkommentar abgeben kann. Die erfolgten Kommentare können dann mit einem Klick auf den «Daumen nach oben» benotet werden. 

Emotional ansprechende Themen lösen oft eine Flut von kontroversen Kommentaren aus. Die Verteilung der Däumlinge spiegelt dabei die Gesinnung der Leserschaft, so weit sie sich an der Umfrage beteiligt hat. So hat die Berichterstattung über die Knabenbeschneidung innert weniger Stunden für Hunderte von Kommentaren gesorgt! Jahrhundertelang hat sich scheinbar niemand um diese Frage gekümmert, und plötzlich kommt es zu einer Eruption, die gesellschaftspolitisch gesehen die religiöse Integrität v.a. der jüdischen Glaubensgemeinschaft gefährden könnte. Das Kindswohl dürfe nicht angetastet werden, so die Argumentation, wobei dieses Kindswohl interessanterweise für ungeborene Kinder nicht zu gelten scheint. Allein dies demaskiert die vordergründige Ethik in der Argumentation der Beschneidungsgegner und legt die wahren – atheistischen und religionsfeindlichen – Motive offen. 

Für Juden ist die Knabenbeschneidung nicht nur eine «religiöse Tradition», sondern ein Gebot Gottes und daher integraler Bestandteil ihrer Religion. Ist das nicht auch ein Aspekt des Kindswohls? Anlässlich meines letzten Aufenthalts in Israel wurde mir schmerzlich bewusst, wie sehr es unserer christlich-abendländischen Kultur an Ritualen mangelt. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine atheistische Subkultur mit dem Argument einer höher zu bewertenden Ethik unsere religiösen Grundwerte auflöst. Ich habe meine Kommentare zu diesem Thema online abgegeben. Sie erzielten nur selten einen «Daumen nach oben». Mischen wir uns deshalb in die Diskussion ein, und das nicht nur online!

 

Dr. Daniel Beutler-Hohenberger ist Hausarzt und Publizist sowie Mitglied der Redaktion des «EDU-Standpunkt».

dan.beutler@STOP-SPAM.hin.ch

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