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Mehr als nur ein bisschen Frieden

Hanspeter Schmutz Das Grossreich China kann nur mit eiserner Faust regiert werden, behauptet die chinesische Regierung und unterdrückt jeden Widerstand. Auch zwischen Israel und Palästina gefährden Bomben und Raketen immer wieder den zaghaften Friedensprozess. Unser Beitrag zum Frieden beginnt hier und jetzt: mit ungeschminkten und fairen Debatten über die Brennpunkte dieser Welt und dem Einsatz für Lebensräume, in denen zwischenmenschliche Nähe noch möglich ist.

 

Das Kornhaus Bern machte im November 2012 in einer Ausstellung die Vertreibung der Palästinenser bei der Gründung des modernen Staates Israel zum Thema, die so genannte «Nakba». 

Das sei keine Aufklärung, sondern «Geschichtsklitterung»1, bemängelten einige Lehrkräfte und verschickten in der Folge ein Papier mit «Ergänzungen» an etwa 200 Schulen. Wichtige Tatsachen würden unterschlagen, «etwa die enge Beziehung des arabischen Grossmuftis zu Hitler, die Vertreibung von Juden aus arabischen Ländern oder die Okkupation palästinensischen Gebietes durch arabische Staaten». 

Nun ist Geschichtsschreibung in der Tat nie nur faktenorientiert, sondern immer auch Deutung. Das beginnt bereits bei der Auswahl der Fakten und Themen. Die «Nakba» ist eine problematische Seite der Staatsgründung Israels von 1948. Diese Seite ist – gerade unter Christen – in der Regel wenig bekannt. Insofern hat sogar eine einseitig gewichtete Ausstellung ihren Platz. 

Was aber nicht geht, ist die Ausgrenzung von Menschen, die sich in den Fragen rund um Israel und Palästina engagieren. Besonders anstössig war dabei die Kampagne gegen die Berner SP-Stadträtin Lea Kusano. Die SP-Frau hatte die Ausstellung in der SRF-Sendung «Schweiz aktuell» als «antiisraelisch» bezeichnet, und bemängelt, sie biete «keine sehr differenzierte Darstellung der Situation der palästinensischen Flüchtlinge». In der darauf folgenden Stadtratssitzung wurde die SP-Stadträtin von einer «grünen» GFL-Kollegin fotografiert, als sie sich mit dem (unterdessen abgewählten) EDU-Mann Beat Gubser unterhielt. Dessen Partei gilt in diesen Kreisen als Teil der «fundamentalistischen Israel-Lobby». Das Bild des politisch ungleichen Paares wurde in der Folge im Internet veröffentlicht, verbunden mit der Frage: «Was will uns dieses Bild sagen?»

Es sagt uns mehr als tausend Worte. Auch wenn das Bild auf Wunsch der SP-Fraktionschefin bald entfernt wurde, scheint es in links-grünen Kreisen ein Tabu zu sein, eine Israel-freundliche Position zu vertreten. Dabei wäre es an der Zeit, diese
Problematik übergreifend anzugehen. Christen aus allen Parteien könnten hier eine konstruktive Rolle spielen, zusammen mit palästinensischen und messianischen Christen. Schliesslich stehen sie in dieser Debatte weder auf der einen noch auf der andern Seite, sondern mit beiden Füssen dazwischen – als Brückenbauer und Friedensstifter. 

 

Ein anderer, noch gewichtigerer Querdenker ist der chinesische Autor Liao Yiwu, der Mitte Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat. In seiner Rede anlässlich der Preisverleihung nahm er kein Blatt vor den Mund und prangerte die blutige Machterhaltung in seinem Heimatland an. 

«Je kleiner ein Land ist, desto leichter lässt es sich regieren»2, lautet eine seiner Thesen. «Wäre ein Land nicht grösser als ein Dorf, dann könnten seine Bewohner mühelos einen Präsidenten finden, zusammen trinken und zusammen pinkeln oder gemeinsam über Politik diskutieren.» Das gegenwärtige diktatorische chinesische Grossreich habe ursprünglich aus unzähligen kleinen Splitterstaaten bestanden. Die Historiker seien sich einig, dass dies «eine Zeit einer nie dagewesenen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Blüte» gewesen sei. Obwohl es auch damals kleinere Kriege gegeben habe, «nie wieder herrschte eine derartige Rede- und Debattenfreiheit». Konfuzius, auf den sich die Chinesen bis heute so gerne beziehen, sei kein «Nationalchinese» gewesen sondern Bewohner des kleinen Staates Lu. Menschen ermorden –, das sei die Methode gewesen, um das Fundament des neuen China zu legen.

Das tönt radikal und idealistisch zugleich. Offensichtlich stellt sich aber die Frage nach der optimalen Grösse und dem Prinzip der Nähe3 nicht nur im Zusammenhang mit der werteorientierten Dorf-, Regional- und Stadtentwicklung (WDRS), sondern auch in Bezug auf Staaten. Der chinesische Preisträger brachte es in seiner Rede so auf den Punkt: «Dieses Grossreich muss auseinanderbrechen, für den Frieden und die Seelenruhe der ganzen Menschheit.»


1  Zitate aus «Der Bund» vom 17.11.12 und 21.11.12

2 «Der Bund» vom 15.10.12

3 Siehe dazu die «7 WDRS-Prinzipien» auf
www.dorfentwicklung.ch

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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