Endzeit

Baustellen am Vorabend des Weltuntergangs

Sara Stöcklin-Kaldewey Zur Zeit der ersten Jahrtausendwende war nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch unter Mönchen und Bischöfen, Königen und Fürsten die Überzeugung verbreitet, dass das Ende der Welt kurz bevorstehe. Dennoch wurden gewaltige Bauprojekte wie der Mainzer Dom in Angriff genommen – oftmals im Wissen, dass erst kommende Generationen deren Fertigstellung erleben würden. War das eine Verschwendung von Zeit und Geld oder ein frühes Beispiel für nachhaltiges Denken?


Die apokalyptische Erwartung am Ende des frühen Mittelalters spiegelt sich in theologischen Schriften, Briefen, Predigten und in der Kunst, in der Verdammnis und Höllenqualen zunehmend realistisch dargestellt werden. 

 

Es riecht nach Endzeit

Die Bilder des jüngsten Gerichts wirkten so eindrücklich, berichtet der Benediktinerabt Hugo von Farfa (973-1036/39), dass jeder Betrachter «alsbald von unglaublicher Furcht und Angst schwer erfüllt war und einige Tage nicht ohne Gedanken an den Tod sein konnte». Die in der biblischen Offenbarung vermittelten, seit Jahrhunderten interpretierten und ausgeschmückten Visionen werden unter dem Eindruck der politischen Bedrohung zunehmend auf das reale Geschehen der Zeit übertragen. Schliesslich neigt sich die durch das biblische Zeugnis nahegelegte Frist von tausend Jahren dem Ende zu oder ist gar abgelaufen. Die rheinische Herzogin Godilda macht im Jahre 939 darauf aufmerksam, dass «Strafgerichte» und sich häufende Unglücksfälle auf «das Ende des Menschengeschlechts» hindeuten: «Darum muss allerorts jeder Sterbliche aufmerksam den Weg der Ewigkeit betrachten, auf dass er das Himmelreich und die endlose Seligkeit erlange.» Auch die gelehrten Mönche aus der Abtei St-Germain d’Auxerre im Burgund sind überzeugt: «Jetzt ist die letzte Zeit des Jahrhunderts angebrochen und steht das Ende der Welt bevor.» Der Bischof von Verdun in Lothringen, der mit einem dieser Mönche in Briefkontakt steht, zeigt sich beängstigt und beeindruckt vom «Unglück der Christenheit» und dem «schweren Unheil», das wie ein Schwert über der Kirche hängt. Es herrscht Endzeitstimmung – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein geschichtlicher Mythos ist freilich die Vorstellung, die Menschen hätten am Sylvesterabend des Jahres 999 zitternd gen Himmel geschaut. Dichtende Historiker des 19. Jahrhunderts wie Felix Dahn haben mit frei erfundenen Versen solche Bilder geprägt: «Morgen um die zwölfte Stund‘, Heia, geht die Welt zugrund‘!» Zum einen ist die Jahreszählung seit Christi Geburt zu besagter Zeit noch keineswegs überall üblich. Erst um das Jahr 1060 wird sie von der römischen Kirche endgültig in Gebrauch genommen. Zum anderen sind sich die Gelehrten durchaus der Ungenauigkeit der christlichen Jahresberechnung bewusst. Weder sind die berechneten Termine für Christi Geburt und Passion unumstritten, noch ist klar, ab welchem von beiden Terminen die «tausend Jahre» bis zum Weltende zu zählen sind. 

Entsprechend endet die Angst auch nicht mit dem Ende des 10. Jahrhunderts. Das sichere Wissen um das baldige Gericht geht einher mit dem bedrohlichen Nicht-Wissen und der Spekulation um den genauen Zeitpunkt. Auch Herrscher kennen das bange Warten: «Indem wir den Untergang dieser sinkenden Welt vor uns sehen, erwarten wir mit Furcht das Ende allen Fleisches», bekennt im Jahr 1031 König Rudolf III. von Burgund. Kaiser Otto III. betont in Urkunden des Jahres 997 die Vergänglichkeit des Lebens und hält fest, dass die Zeit der frommen Werke bald von der Zeit der Belohnung abgelöst werde. 

 

Aufbruch vor dem Jüngsten Gericht

Bemerkenswerterweise führt die Endzeitstimmung jedoch nicht zu lähmendem Entsetzen oder lethargischer Untätigkeit angesichts der bevorstehenden Katastrophe. Gerade weil sich die «Zeichen von Gottes Zorn» verdichten, wird zur heiligenden Tat gemahnt. Gauzlin etwa, zu Beginn des neuen Jahrtausends Abt von Fleury an der Loire, lässt die neue Klosterkirche mit Bildern der Apokalypse schmücken und erinnert an die Notwendigkeit von Busswerken. Kaiser Otto III. übt sich in solchen, indem er Pilger- und Wallfahrten unternimmt. In England mahnt der bekannte Gelehrte Elfric: «Lasst uns die Frist nutzen, die Gott uns schenkt!» Selbstmitleid ist fehl am Platz. «Über das Weltende zu trauern, ist Sache derer, die ihres Herzens Wurzeln in die Liebe zur Welt pflanzen», wird der erwähnte Bischof von Verdun von seinem Brieffreund aus dem Kloster zurechtgewiesen, der sich dabei der Worte Gregors des Grossen bedient. «Wer sich von den Wirren der Welt erschüttern lässt, ist ein Feind Gottes.»

Das erschreckende Bewusstsein der Flüchtigkeit «dieser» Zeit, gepaart mit der Überzeugung, bald vor dem Weltenrichter zu stehen, führt zu einem eindrücklichen Aktivismus und Aufbruch. Eine Fülle neuer, immer prächtigerer Kirchen wird gebaut, etwa der Dom von Mainz (975–1236) oder der Dom von Speyer (1025 – 1106). Letzterer wird vom späteren Kaiser Konrad II. mit dem Ziel in Auftrag gegeben, die grösste Kirche des Abendlandes zu errichten. Den Abschluss der Arbeiten erleben weder er selbst noch sein Sohn. 

Freilich drängt sich die Frage auf, ob Konrad und andere Herrscher mit solchen Prestigeprojekten tatsächlich auf den Lohn im Himmel und nicht auf «irdischen» Ruhm bedacht waren. Es fällt schwer zu glauben, dass letzteres Motiv keinerlei Rolle spielte. Gemischte Gefühle treten beim heutigen Betrachter auch auf, wenn er die wachsende Beliebtheit von Pilgerreisen, Reliquien und Kruzifixen bei den Zeitgenossen des tausendsten Jahres nach Christus feststellt. Führte der Aufbruch, die von Herzogin Godilda beschworene Rückbesinnung auf den «Weg der Ewigkeit» ausgerechnet zu dem, was die Reformatoren einige hundert Jahre später als unselige Geschäftemacherei, als Handel mit der göttlichen Gnade verurteilten? 

 

Trost – auch ohne Belohnung

Einmal mehr zeigt sich hier die Schwierigkeit, historische Vorbilder für moderne Ideen und Konzepte in Anspruch zu nehmen. Christen im «finsteren Mittelalter» lassen einerseits eine faszinierende Bereitschaft erkennen, noch den letzten Tag vor der Wiederkunft des Herrn zu nutzen und keine Chance verstreichen zu lassen, um Investitionen in die Zukunft zu tätigen. Gerade die Knappheit der verbleibenden Zeit spornt sie dazu an, ihre Mittel «sinnvoll» anzulegen – bald kommt schliesslich der «Moment der Belohnung»! 

Andererseits sehen die getätigten Investitionen völlig
anders aus als das, was wir heute unter einer nachhaltigen, wertvermehrenden Anlage verstehen. Menschen wie Otto III., der ängstliche Bischof von Verdun oder Konrad II. schonen keine Ressourcen, sie verzichten auch nicht auf Kriege oder erhöhen den Etat für die Armenfürsorge. Sie und ihre Untertanen kümmern sich vielmehr um ihr persönliches Seelenheil, indem sie die ihnen auferlegten Busswerke verrichten und ihre Hoffnung auf hölzerne Reliquien oder Gegenstände aus Gold und Silber setzen. Der Nachwelt hinterlassen sie keine wegweisenden Reformen, sondern angefangene Bauprojekte und Schuldenberge. 

Wir können uns deshalb enttäuscht von ihnen abwenden und uns selbst auf die Schultern klopfen für unsere Fortschrittlichkeit: Wieviel besser wissen wir, wie die «letzte Zeit» sinnvoll zu nutzen ist! Oder aber wir lassen uns trotz allem, im Wissen um unseren eigenen «Balken im Auge», von ihrem Engagement inspirieren und gestehen ihnen vielleicht sogar zu, in den Kreuzreliquien mitunter den am Kreuz gestorbenen Gottessohn, seinen Trost und seine Vergebung gesucht zu haben. Und vielleicht erkennen wir dabei, dass auch wir genau dies brauchen, wenn wir die «modernen» Varianten von Nachhaltigkeit umsetzen wollen, ohne vor der Zeit aufzugeben. 

 

Literatur: Johannes Fried, Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende, in: Deutsches Archiv für die Erforschung des Mittelalters 45 (1989), S. 381-473.

 

Sara Stöcklin-Kaldewey hat Philosophie und Theologie studiert und ist Doktorandin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Uni Basel.

sara.stoecklin@STOP-SPAM.insist.ch

 

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