Nachhaltig leben

Ein göttlicher Auftrag mit Folgen

Interview: Hanspeter Schmutz Über Nachhaltigkeit reden ist das eine, nachhaltig leben das andere. Der Verein «Grüner 

Fisch» wurde gegründet, um beides – insbesondere unter Christen – zu fördern. Im Gespräch mit drei jungen Fachleuten aus dieser 

Gruppierung wird deutlich, warum «Nachhaltigkeit» ein Gebot der Stunde ist, gerade auch für Menschen, die im Alltag auf Gott hören möchten.

 

Magazin INSIST: Nachhaltigkeit heisst ursprünglich, dass man nicht mehr Bäume fällt als Bäume wieder nachwachsen können. Heute ist der Begriff zu einem Modewort geworden. Warum ist das so?

André Galli: Man kann heute extrem viel in diesen Begriff hineinpacken, und das ist praktisch. Auch in vielen UNO-Konferenzen wird darüber geredet. 

Menschen auf der ganzen Welt, darunter auch Politiker erkennen, dass wir heute mehr Bäume fällen als Bäume nachwachsen können. Wir verbrauchen jährlich enorm viel Erdöl – und der Vorrat geht rasch zur Neige. Wir verbauen in der Schweiz unsere Landreserven. Und weltweit wird an vielen Orten das Trinkwasser knapp. 

Wir verbrauchen von unsern Ressourcen mehr als uns zustehen würde. Damit stehlen wir den nächsten Generationen ihre Lebensgrundlage. Wenn wir den bisherigen Lebensstandard halten wollen, werden wir in den nächsten 50–100 Jahren mehr Erze fördern müssen, als dies die gesamte Menschheit seit Beginn der Menschheitsgeschichte getan hat. 

 

Christen gehen davon aus, dass Jesus Christus früher oder später auf diese Erde zurückkommt, um seine Leute abzuholen. Nachher wird Gott den Weltuntergang einleiten und eine neue Erde schaffen. Macht Nachhaltigkeit unter diesen Umständen überhaupt Sinn? Pfuschen wir Gott mit dem Anliegen der Nachhaltigkeit vielleicht sogar ins Handwerk?

Daniela Baumann: Im Gegenteil. Gott selber hat uns Menschen den Auftrag gegeben, mit der Schöpfung sorgsam und verantwortungsvoll umzugehen. Er hat uns seinen Besitz zur Verwaltung anvertraut. In der Bibel sagt er, dass wir diese Erde bebauen dürfen, sie aber auch hüten sollen. Somit geht es nicht um das Hineinpfuschen in sein Handwerk, sondern um das Wahrnehmen seines Auf-
trages. 

Nachhaltigkeit hat auch viel mit Nächstenliebe zu tun. Unser Umgang mit Ressourcen beeinflusst das Leben vieler Menschen auf diesem Planeten. In der Schweiz isst jede Person pro Woche ca. 1 kg Fleisch. Wenn alle Menschen weltweit so viel Fleisch konsumieren würden, müsste man so viel Land für Tiere und Tierfutter bereitstellen, dass mit dem verbleibenden Ackerland nur noch 5 Mia. Menschen mit pflanzlichen Nahrungsmitteln ernährt werden könnten. Mit unserm hohen Fleischkonsum rauben wir also andern die Grundnahrungsmittel. 

 

Auch idealistisch gesinnte Menschen setzen sich für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur ein. Wie unterscheidet sich die Motivation der Christen von humanistischen Beweggründen?

Flurina Hari: Christen wissen, dass sie die Welt nicht retten können. Trotzdem können sie die Haltung «Nach mir die Sintflut» angesichts ihres Auftrages zur Gestaltung der Welt nicht vertreten. Beim Auftrag an Adam und Eva, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren, wollte Gott uns sozusagen vor uns selbst schützen. Wenn wir mit der Erde unsorgfältig umgehen, zerstören wir unsere Lebensgrundlage, aber auch die unserer Nächsten und unserer Nachkommen. 

«Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen», soll der Reformator Martin Luther gesagt haben. Wer nachhaltig leben will, muss sich manchmal auch einschränken. Dazu braucht es eine tiefer liegende Motivation. Und da haben Christen einen Vorteil.

 

Es gibt nichts Nachhaltigeres als das ewige Leben. Es ist allen zugesagt, die an Jesus glauben und mit ihm leben. Müssten sich Christen von daher nicht v.a. dafür einsetzen, dass andere Menschen Jesus Christus und damit das ewige Leben kennenlernen? Könnte man Nachhaltigkeit auf diesem Wege nicht am nachhaltigsten fördern?

André Galli: Beides gehört zusammen. Wie kommen Ungläubige zum Glauben? Sie müssen in dieser Welt etwas Greifbares haben, das ihnen zeigt, wer Gott ist und was er mit der Menschheit im Sinn hat. Dafür sind die Christen und die Kirche da. Was werden Leute denken über Christen, die sich einen Deut um das Elend in dieser Welt scheren? Und über eine Kirche, die nicht einschreitet, wenn die Lebensgrundlage von Menschen und der ganzen Schöpfung vernichtet wird? Wollen diese Leute mit einem solchen Gott und mit den Menschen, die in seinem Auftrag unterwegs sind, überhaupt noch etwas zu tun haben? 

 

Wenn man von Nachhaltigkeit spricht, kommt man sehr schnell auf Energiefragen. Warum ist der Energieverbrauch ein Schlüsselbegriff der Nachhaltigkeit?

Flurina Hari: Energie ist eine bekannte und leicht verständliche physikalische Einheit, die gut zum Messen von ökologischem Verhalten herangezogen werden kann. Bei jeder Aktivität verbrauchen wir Energie und die Aufbereitung der Energie ist meist mit Umweltbelastungen verknüpft. Darum widerspiegelt der Energieverbrauch bereits einen Teil des persönlichen Ressourcenverbrauchs. Der weitere Ressourcenverbrauch kann in Energie umgerechnet werden, um eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsberechnung machen zu können. 

 

In diesem Zusammenhang spricht man von einer weltweit gerechten Verteilung des Energieverbrauches und der da-raus entstehenden Umweltbelastung. Gerecht wäre die Verteilung, so wird gesagt, wenn jeder Mensch nicht mehr als 2000 Watt Energie verbrauchen und die Umwelt mit maximal einer Tonne CO2 (Kohlendioxid) belasten würde. Wie kommt man auf diese Kennzahlen?

André Galli: Die Idee der 2000-Watt-Gesellschaft wurde an der ETH Zürich entwickelt. Man hat den gesamten Energieverbrauch der Menschheit pro Jahr ausgerechnet und diesen Wert durch die Anzahl Menschen geteilt, die zurzeit auf der Erde leben. Nach dieser Rechnung hat jeder Mensch 2000 Watt zur Verfügung. Dabei wird alles, was wir tun und verbrauchen, in Energiewerte umgerechnet: Konsum, Wohnen, Heizen, Mobilität oder auch die Energie, die zur Herstellung von Nahrungsmitteln und Kleidern benötigt wurde. Zurzeit leben wir in der Schweiz in einer 6000-Watt-Gesellschaft.

Durch das Verbrennen von Erdöl, z.B. als Benzin, belasten wir das Klima. Zurzeit tun dies die Schweizerinnen und Schweizer mit 10 Tonnen CO2 pro Kopf und pro Jahr. Physiker haben untersucht, wie stark das zusätzliche CO2 in der Atmosphäre das Klima erwärmt. Steigt der CO2-Gehalt zu stark und zu rasant an, werden die Durchschnittstemperaturen in hundert Jahren um mehrere Grade steigen und das kann nicht vorhersagbare Klimaveränderungen auslösen. Damit verbunden sind negative Folgen wie z.B. das Ansteigen des Meeresspiegels. Mit einer Abgabe von maximal einer Tonne CO2 pro Person und Jahr könnte unser Klima über Jahrzehnte hinweg einigermassen stabilisiert werden. In den letzten Jahrzehnten haben wir so viel CO2 in die Atmosphäre gebracht, wie das vorher während Jahrmillionen nicht geschehen ist. Nicht
alles CO2 bleibt in der Atmosphäre. Ein Teil wird vom Boden, den Ozeanen und von Pflanzen aufgenommen. Wenn man der Natur für diese Prozesse genügend Zeit gibt, baut sich die derzeitige zu hohe Konzentration von CO2 in der Atmosphäre wieder auf ein erträgliches Mass ab. Wir müssen also unsern CO2-Ausstoss rasch und deutlich reduzieren, wenn unsere Welt weiterhin ein Lebensraum für Menschen bleiben soll.

 

Der Kanton Bern oder auch die Stadt Zürich wollen mittelfristig die Anforderungen einer 2000-Watt-Gesellschaft erfüllen. In Zürich wurde das sogar mit einer Volksabstimmung bestätigt. Ist das ein realistisches Ziel?

Daniela Baumann: Grundsätzlich ist dieses Ziel realistisch. Es ist aber nicht von heute auf morgen zu erreichen und es genügt v.a. nicht, darüber nur zu reden. Es braucht dazu ein gewisses Mass an Genügsamkeit. Wichtig ist z.B. eine geringere Mobilität. Besonders belastend ist das Fliegen. Heute kann man mit Videokonferenzen globale Sitzungen durchführen, ohne sich am selben Ort zu versammeln.

Persönlich ziehe ich den öffentlichen Verkehr dem Autofahren vor. In Europa nehme ich den Zug statt das Flugzeug, obwohl ich nicht gerne im Schlafwagen übernachte.

 

Müsste man Wohnen, Arbeiten und Freizeit wieder näher zusammenrücken, um einen ökologisch sinnvollen Lebensstil zu fördern?

Das ist sicher wichtig. Der Arbeitsverkehr macht etwa einen Viertel des gesamten Verkehrsaufkommens aus. Und der Freizeitverkehr sogar 40%.

 

Wie kann man im Bereich Wohnen nachhaltig leben? 

André Galli: Es gibt drei wichtige Elemente. Erstens: Man sollte nahe bei der Arbeit und bei den Freunden wohnen, sodass man möglichst wenig herumreisen muss. Zweitens: Eine einzelne Person sollte nicht zu viele Quadratmeter fürs Wohnen beanspruchen. Eine kleinere Wohnung ist besser als ein grosses Haus bzw. es ist ökolo-
gischer, mit mehreren Personen zusammen zu wohnen als alleine. Das dritte Mass ist der Energieverbrauch pro Quadratmeter, wobei besonders das Heizen ins Gewicht fällt. 

Bei mir sieht das so aus: Ich wohne fünf Minuten zu Fuss von der Uni Bern – meinem Arbeitsplatz – entfernt und lebe in einer Wohngemeinschaft. Allerdings wohne ich in einer nicht sanierten Altbau-Wohnung mit einem entsprechend hohen Energieverbrauch. 

 

Wir sind alle Konsumentinnen oder Konsumenten und können auf diesem Wege die Dinge beeinflussen. Wie konsumieren Sie als nachhaltige Christen? 

Flurina Hari: Erstaunlicherweise ist ein Drittel unserer Umweltbelastung auf die Ernährung zurückzuführen. Auf Ernährung kann man aber nicht einfach verzichten. Trotzdem gibt es Steuerungsmöglichkeiten. Die Tierhaltung verursacht sehr viel CO2. Von daher ist es gut, Fleisch, Milch und Käse mit Mass zu essen. Zudem sollte man darauf achten, dass Nahrungsmittel nicht per Flugzeug in die Schweiz transportiert oder in Gewächshäusern hergestellt werden. 

Beim übrigen Konsum sollte man nicht jeden Trend mitmachen. Braucht man wirklich schon wieder ein neues Handy? Könnte man alte Geräte, Kleider oder Möbel via Second-Hand-Läden wiederverwerten? Gerade in elektrischen Geräten sind wertvolle Materialien verbaut, die früher oder später einmal zur Neige gehen. 

Um ein Minergiehaus zu bauen, muss man ziemlich viel Geld in die Hand nehmen. Beim Konsumieren kann man persönlich sehr viel bewegen, ohne viel Geld zu haben.

Es ist den Wirtschaftlern bekannt, dass der Lohn mit dem Konsum zusammenhängt: Je mehr man verdient, desto mehr konsumiert man. Deshalb würde ich sogar sagen: Je reicher desto schwerer fällt die Nachhaltigkeit. Studierende sind oft noch «grün» und leben ökologisch bewusst.

Sobald der fette Lohn auf dem Konto ist, überlegen sie sich, was sie sich damit leisten wollen – und ob nicht mal ein Auto angebracht wäre. Ist man sich dessen bewusst, kann man das Geld in etwas Sinnvolles investieren wie z.B. in ein Minergiehaus.  ◗

 

Hinweis: Dieses Gespräch ist die gekürzte Fassung der Zoom-Sendung vom 7. Nov. 2012 von Radio Lifechannel, siehe: www.lifechannel.ch 

 

Junge Fachleute für Nachhaltigkeit

André Galli, Physiker, hilft an der Uni Bern mit, einen neuen Umweltsatelliten zu bauen, der die Treibhausgase und die Luftverschmutzung über der ganzen Erde misst. 

Flurina Hari, Biochemikerin, arbeitet in der Pharmaindustrie bei einer Firma, die aus Blutplasma Medikamente herstellt; sie versucht dabei, nachhaltig mit dem Spenderblut umzugehen.

Daniela Baumann, Journalistin, ist im Bereich Information bei einem Wirtschaftsverband tätig und engagiert sich für ein nachhaltiges Wirtschaften.

 

Der Grüne Fisch

Der gemeinnützige Verein «Grüner Fisch» wurde 2008 von jungen Christen ins Leben gerufen, die über die knapper werdenden und ungleich verteilten natürlichen Ressourcen unseres Planeten besorgt sind. Durch Sensibilisierungsarbeit (u.a. Vorträge, Programm für Hauskreise, Veranstaltungen, Website, Publikationen) möchten sie Mitchristen zu einem verantwortungsvollen Verhalten gegenüber Gottes Schöpfung bewegen sowie bei der Gestaltung eines nachhaltigen Lebensstils unterstützen. Denn kleine Verhaltensänderungen im Alltag – etwa konsequentes Ausschalten nicht gebrauchter elektrischer Geräte oder der Einkauf saisonaler, regionaler Produkte – können in der Summe viel bewirken. 

Ziel des Vereins ist eine Schweiz, in der eine Person pro Jahr nicht mehr als 2000 Watt verbraucht und nicht mehr als eine Tonne CO2 verursacht. Gleichzeitig bietet der «Grüne Fisch» die Möglichkeit, ausgewählte Klimaschutzprojekte in der Dritten Welt finanziell zu unterstützen, wobei umweltschädliche durch innovative Technologien mit einem ökologischen Nutzen ersetzt werden. 

www.gruenerfisch.ch 

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