Umweltforscher

Leidenschaftlicher Kämpfer für die Schöpfung

Fritz Imhof Walter Ernst machte Schlüsselerlebnisse in Afrika und in den USA, die sein Leben nachhaltig verändert haben. Eine Hirnblutung hätte ihn vor 10 Jahren beinahe lahmgelegt. Doch er kämpft trotz seiner Aphasie1 weiter für den Erhalt der Schöpfung und eine wirtschaftliche Entwicklung auf ökologischen Grundlagen in den Ländern des Südens. Zurzeit bewegen ihn besonders die ökologischen Folgen unserer heutigen Esskultur.

 

Gleich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn wirkte Walter Ernst am Bau des Atomkraftwerkes Gösgen mit. Eine interessante und herausfordernde Aufgabe für den frischgebackenen Bauingenieur. Seine Karriere hätte ihre Fortsetzung im Bau des AKWs Kaiseraugst gefunden, wäre dieses nicht aus politischen Gründen gestoppt worden. Walter Ernst musste sich neu orientieren. Weil das AKW Kaiseraugst zusammen mit einer US-Firma gebaut wurde, wollte er mit einem Amerikaaufenthalt sein Englisch verbessern und gleichzeitig Erfahrungen in einem YMCA2 Jugend Camp sammeln. Er half mit, Kinderlager zu leiten und lernte auf einer YMCA-Busreise das Land kennen. Doch ein tiefes Erlebnis sollte ihn für die weitere Zukunft prägen.

 

Jetzt braucht es neue Lösungen 

Einige Jahre nach seinem US-Aufenthalt ereignete sich am 28. März 1979 ein Unfall im Kernkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg/Pennsylvania, bei dem es im Reaktorblock 2 zu einer teilweisen Kernschmelze kam.

Für Walter Ernst zeigte der Unfall, dass das Risiko eines AKW-Unfalls bisher als zu gering eingestuft worden war. Er realisierte aber auch, dass keine Versicherung bereit und in der Lage war, dieses Restrisiko finanziell abzudecken. Auch das bis heute nicht gelöste Entsorgungsproblem und seine Kosten wurden ihm bewusst. Deshalb wollte er dazu beitragen, risikoärmere und langfristig günstigere technische Lösungen für die Stromversorgung zu entwickeln und den Energieverbrauch effizienter zu gestalten, sowohl in den westlichen wie auch in weniger entwickelten Ländern.

Für Walter Ernst bedeutete dies die berufliche Wende. Ein erster Einsatz für seinen neuen Arbeitgeber führte ihn nach Nigeria und prägte ihn stark. Er baute dort Gasturbinenkraftwerke, in denen das vorhandene Gas zu Strom verarbeitet wurde, statt nutzlos verbrannt zu werden. Aus geplanten drei Monaten Afrika-Aufenthalt wurden schliesslich mehr als drei Jahre. Dabei musste er allerdings realisieren, dass es den Einheimischen nicht gelang, den Betrieb und Unterhalt der technisch modernen Kraftwerke langfristig sicherzustellen. Auch die Herstellerfirmen kümmerten sich kaum um die dringend benötigte Ausbildung, nachdem der Auftrag erledigt war. 

Walter Ernst wurde immer klarer, wie wichtig die Ausbildung von Fachkräften in den Entwicklungsländern ist und dass Entwicklungshilfe unbedingt auch hier einsetzen muss. Er sah zudem, wie viele Menschen aufgrund von unsauberem Wasser an Mangelernährung und Krankheiten litten und deshalb viel zu früh starben. Gleichzeitig erlebte er, wie mit relativ wenig Aufwand vielen Menschen, gerade auch Kindern, geholfen werden konnte. Doch oft fehlte es den lokalen Spitälern an technischen Geräten und genügend ausgebildetem Personal – oft auch an so elementaren Dingen wie einer sicheren Wasser- und Stromversorgung. 

 

Eine Entwicklungskette schmieden

Es wurde ihm immer klarer, dass eine Entwicklungskette geschmiedet werden musste: von der Sicherung der Lebensgrundlagen – beispielsweise durch den Brunnenbau – über einfache und ökologisch verträgliche Energietechniken bis hin zu guten Schulungs- und Ausbildungskonzepten. 

Für die kommenden Jahre sollte diese Einsicht für Walter Ernst lebensbestimmend werden. Es drängte ihn, diesen Menschen zu helfen, sich mit umweltschonender Technik eine bessere Lebensqualität zu schaffen. Bereits in Nigeria half er mit, Stromgeneratoren und Solaranlagen für zwei lokale Spitäler zu installieren und auch zu finanzieren. 

 

Erste Früchte in Indonesien

Nach dem Afrikaeinsatz erhielt Walter Ernst einen Projektauftrag in Indonesien: den Aufbau einer neuen Wasser- und Abwasserversorgung für die Stadt Yogjakarta in Zentral-Java. Die Stadt mit heute rund drei Millionen Menschen und ihre Umgebung ist kulturell sehr interessant und bei Touristen beliebt. 

Hier konnte er – in Zusammenarbeit mit dem Deza3 – auch bei der Ausbildung von einheimischen Mitarbeitern helfen, welche die Anlagen weiter aufbauen und warten konnten. Es gelang ihm, Deza-Vertreter und Schweizer Firmen mit lokalen Partnern zusammenzuführen. Damit konnten die Kosten des geplanten Projekts fast halbiert werden. Dadurch wurde es möglich, nicht nur eine sichere Wasserversorgung zu bauen und zu unterhalten, sondern auch ein funktionierendes und sauberes Abwassersystem aufzubauen. Auch lokale Berufsschulen und die Technischen Universitäten von Yogjakarta und Bandung wurden dank seiner Bemühungen ins Projekt einbezogen. Walter Ernst erinnert sich gerne daran: «So konnte ich in Zusammenarbeit mit lokalen Firmen, den Technischen Schulen und Unis mithelfen, wo immer möglich lokal angepasste Technologie aufzubauen und weiter zu entwickeln.»

 

Pionier unter den Umweltingenieuren 

Nach dem Indonesieneinsatz konnte er sein Wissen durch ein Nachdiplomstudium in der Schweiz an der ETH Zürich in den Bereichen Wasser, Abwasser und Abfall erweitern. Von der Schweiz aus konnte er mit Projekt- und Forschungsarbeit das indonesische Projekt für eine langfristige Wasserversorgung in Gegenden mit lokal oft schwierigen Böden weiter entwickeln und unterstützen. 

Ein Jahr später ermöglichte ihm die ETH ein damals neues Studium als Umweltingenieur in den USA. Dort konnte er im Rahmen der Masterarbeit, unterstützt von der Weltbank, ein Planungs-Handbuch für die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung von mittelgrossen Städten in China schreiben und dabei seine Erfahrungen aus Afrika und Asien einbringen.

Helfer beim Giftmüll-Debakel

Zurück in der Schweiz, erhielt Walter Ernst einen unerwarteten Job. Seine neuen Kenntnisse waren für die Sanierung der Sondermülldeponie Kölliken gefragt, um die – anfangs nicht erwarteten – Risiken für das Grundwasser und die drohende Gasentwicklung zu reduzieren. Parallel dazu erhielt er die Gelegenheit, als Dozent jungen Ingenieuren in den Fachhochschulen Bern und Luzern zu zeigen, wie man die aktuellen Umweltprobleme erkennen und anpacken kann. 

Typisch für Walter Ernst war, dass er immer wieder versuchte, seine beruflichen Einsichten und Erfahrungen in christlichen Organisationen wie den Vereinigten Bibelgruppen (VBG) einzubringen. Er unterstützte ein Spital der Schweizerischen Allianzmission (SAM) in Afrika und wirkte beim Aufbau der evangelischen Entwicklungsorganisation Tearfund in der Schweiz mit, davon fast 20 Jahre im Vorstand. Ebenfalls wurde er in den Vorstand der Schweizerischen Evangelischen Allianz gewählt, wo er die Sensibilität für die Situation der Entwicklungsländer sowie das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Umwelt und Entwicklung einbrachte. 

Die VBG-Ferienzentren im Tessin wurden massgeblich durch sein Engagement in den Baukommissionen der beiden Häuser zu guten Beispielen für eine ökologische Energieversorgung. Zusammen mit dem Energiefachmann Werner Hässig und den Architekten Beat Nievergelt und Cyril Bischof wurden in der Casa Moscia und im Campo Rasa Solarkollektoren bzw. eine moderne Holzheizung für die Warmwasserversorgung eingebaut. 

Die VBG ging oft mit dem guten Beispiel voran. Ein Anliegen, das auch dem Fachkreis Architektur der VBG wichtig wurde. 

 

Die ETH an Bord

In den 90er-Jahren war Walter Ernst als Dozent und Vorstandsmitglied am Aufbau des Nachdiplom-Studiums für Erneuerbare Energie und Energieeffizienz an der Fachschule Burgdorf/Bern beteiligt. «Dabei versuchte ich,
zusammen mit Kollegen und Studenten aktuelle und
zukünftige Energie-Probleme anzupacken.» Er gab Studierenden4 die Gelegenheit, neue Solar-, Biogas- und Geothermie-Anlagen sowie Kleinwasserkraftwerke zu planen, die in der Schweiz und in Entwicklungsländern möglichst effizient aufgebaut – und finanziert – werden konnten. Ebenfalls erhielt er die Möglichkeit, in der ETH Studierende im Rahmen von YES5 und der Alliance of Global Sustainability (AGS) zu beraten und zu begleiten. 

Im Rahmen dieser Tätigkeit baute er zusammen mit zwei ETH-Professoren und einer Studentengruppe die Klimaorganisation «myclimate» auf und wirkte einige Zeit als deren Vizepräsident. Die Absicht dieser Organisation war und ist es, Menschen zu sensibilisieren auf ihren Energie- und CO2-Verbrauch – insbesondere beim Fliegen – und ihnen zu zeigen, wie sie die Umweltbelastung mit
einem «myclimate»-Ticket kompensieren können. Die
finanziellen Mittel dienen dann dazu, in Entwicklungsländern angepasste Techniken wie effiziente Solaranlagen, Biogasanlagen oder Kleinwasserkraftwerke aufzubauen und so Umweltbelastungen durch CO2 zu vermeiden. Ferienorganisationen und Fluggesellschaften wie die Swiss und die Lufthansa unterstützen heute «myclimate», sodass pro Jahr rund drei Millionen Franken für Projekte zur Verfügung stehen. Für Walter Ernst ist klar: Energiepolitik ist auch Klimapolitik6.

1990 wurde Walter Ernst wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Umweltschutz und Energie des Kantons Luzern und später Leiter des kantonalen «Aktionsprogramms Energie und Umwelt». 

 

Neue Initiativen

2002 wurde seine Laufbahn jäh durch eine Hirnblutung unterbrochen. Das Leben ist für Walter Ernst seither viel schwieriger geworden, und er musste seine Dozenten-tätigkeit einstellen. Umso intensiver kümmert er sich seither um die Sensibilisierung von christlichen Kreisen und den Aufbau entsprechender Gruppen und Organisationen. 

«Dank der Unterstützung eines ETH-Kollegen und der VBG konnte ich mithelfen, die beiden Organisationen ‚Grüner Fisch’ und ‚careforclimate’7 mit aufzubauen», freut sich Walter Ernst. Er ist froh, dass es ihm gelungen ist, ehemalige Studierende aus VBG-Bibelgruppen für die Mitarbeit zu gewinnen. Sein Ziel ist aber auch, eine enge Zusammenarbeit der christlichen mit nichtkirchlichen Entwicklungsorganisationen aufzugleisen. Walter Ernst ist sich bewusst, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, die ökologischen Probleme rechtzeitig anzugehen. Die von der ETH durchgeführten Studien zeigen, dass wir die Atmosphäre heute eigentlich nur noch mit etwa einer Tonne CO2 pro Person und Jahr belasten dürfen – statt mit den heute in der Schweiz verursachten rund elf Tonnen pro Person8.

Diese Belastung geht vor allem auf die Mobilität, Heizung und den privaten Konsum zurück. Eine steigende Rolle spielt dabei die Ernährung, die heute in der Schweiz für rund 30% des CO2-Ausstosses verantwortlich ist. Mit Hilfe von Internet-Rechnern auf den Webseiten der erwähnten Organisationen kann der eigene Verbrauch ungefähr berechnet werden. Ein genauerer Rechner ist auch beim WWF verfügbar. Dort finden sich auch Tipps, wie der Energieverbrauch und CO2 Ausstoss reduziert werden können.

Walter Ernst erklärt dazu: «Am schnellsten und wirksamsten können wir uns im Bereich Ernährung verbessern.» Und er ist auch um gute Tipps nicht verlegen: «Wenn wir daran denken, dass ein erheblicher Teil der in unserer Nahrung steckenden Energie durch Transporte verursacht wird, ist es naheliegend, dass wir möglichst Produkte aus dem Dorf oder der Region kaufen. Wir sollten nach Möglichkeit auf Nahrungsmittel aus andern Erdteilen verzichten, da nur schon ihr Transport viel Energie verbraucht.» Weiter kann der Energieverbrauch gesenkt werden, wenn wir Biofleisch aus der Region kaufen. Besonders energieverschwendend sei das Essen im Restaurant.

Zu empfehlen sei generell Nahrung aus biologischer Produktion. Nicht nur weil sie gesünder ist, sondern auch weil sie wesentlich weniger graue Energie enthält, die in Düngern und Chemikalien steckt. Ausserdem mache es Sinn, mehr Frischwaren als Tiefkühlprodukte zu konsumieren. Es gelte daher, Nahrungsmittel möglichst intelligent einzukaufen und zu essen.

 

Ein Fünfliber pro Woche 

Walter Ernst hat es berechnet: Wenn wir 5 Franken pro Woche sparen, indem wir weniger Fleisch, Fisch oder Käse essen, kann mit dem gesparten Geld über den «Grünen Fisch» oder «myclimate» der persönliche CO2-Verbrauch9 so weit kompensiert werden, dass er nur noch eine Tonne pro Jahr (statt 11 t) beträgt. 

Der «Grüne Fisch» und «careforclimate» haben in Zusammenarbeit mit der ETH, Swissaid, StopArmut-2015 und weiteren kleineren Entwicklungsorganisationen Projekte ausgewählt und dann berechnet, wie viel CO2 damit reduziert werden kann. Für Walter Ernst ist klar: «Christen sollten nachhaltig und längerfristig denken. Dafür müssen aber auch die christlichen Hilfswerke noch mehr offen werden.»  ◗


1  Eine Aphasie ist eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer
Läsion (Schädigung) in der dominanten, meist der linken Hemisphäre des Gehirns. Sie ist oft Folge einer Gehirnblutung

2  Christlicher Verein Junger Männer (CVJM) in den USA

3  Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit der Eidgenossenschaft

4  Studierende an der ETH haben u.a. das folgende Projekt aufgegleist: http://archiv.ethlife.ethz.ch/articles/tages/AGSSchweine.html 

http://yesalumni.org/index.php?option=com_content&task=view&id=13&Itemid=58  

6  Studierende an der ETH haben u.a. das folgende Projekt aufgegleist: http://archiv.ethlife.ethz.ch/articles/tages/AGSSchweine.html 

7  Siehe dazu die Webseiten von www.gruenerfisch.ch - www.careforclimate.ch sowie die internationale Organisation A Rocha: www.arocha.org 

8  Um das Anliegen zu fördern, hat sich das Netzwerk http://eaternity.ch gebildet. Es besteht aus jungen, werteorientierten Menschen, die ehrenamtlich für das Projekt arbeiten. Eaternity zeigt Lösungen auf, bei denen jede/r selbst die eigenen Essgewohnheiten klimafreundlich gestalten kann.

9  Meist können wir laut Walter Ernst beim Essen von weniger Fleisch nicht nur mithelfen, CO2 zu reduzieren, sondern dabei auch Kosten sparen. Mit diesem Geld können drei wirksame Ziele erreicht werden: 

  • CO2 kann relativ effizient reduziert werden, indem primär Projekte in der dritten Welt realisiert werden, wo mit viel weniger Geld viel mehr erreicht wird. 
  • Aufbau und Finanzierung von angepasster Technologie im Süden, um erneuerbare Energien zu nutzen und unabhängig von Öl und Gas zu werden (kleine Wasserkraftanlagen, Solaranlagen, Biogas ...).
  • Lokal können Arbeitsplätze geschaffen werden. Firmen erhalten die Chance, eine funktionierende Stromversorgung zu bekommen und Schüler bekommen das nötige Licht, um abends die Hausaufgaben zu machen. So können Kinder ausgebildet werden und sie haben grössere Chancen, später einen Job zu bekommen. 

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