Theologie

Nachhaltigkeit – ein wunderbares Gesetz der Schöpfung 

Peter Henning Nachhaltigkeit ist kein biblischer Begriff, sondern ein Modewort unserer Zeit. Nachhaltigkeit signalisiert ein neues Denken und Handeln in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. «Nachhaltigkeit, das ist kein auferlegter Zwang von oben mehr. Nachhaltigkeit hat sich als das Paradigma unserer Zeit etabliert. Wer ihm folgt, nimmt teil an der spannendsten Entwicklung des 21. Jahrhunderts1.» Es geht darum, auf unserer Erde die Lebensgrundlagen in ökologischer, ökonomischer und sozialer Verantwortung für kommende Generationen zu erhalten. Wer nachhaltige Strategien entwickelt und umsetzt, handelt demnach verantwortlich in weiser vorausschauender Weitsicht, was ohne Frage der biblischen Schöpfungs- und Sozialethik entspricht. 

 

Der Begriff «Nachhaltigkeit» stammt übrigens aus der Holzwirtschaft. Als Theologiestudent absolvierte ich 1967 ein Gemeindepraktikum im westfälischen Siegerland. Dort lernte ich die «Hauwälder» kennen: Jede Gemeinde hatte ihre Bergwälder in 15 Zonen eingeteilt, die je alle 15 Jahre für Brennholz genutzt wurden. Seit Jahrhunderten wurde dort so «abgehauen», dass nach 15 Jahren das, was man verbraucht hatte, wieder nachwachsen konnte. Solche Nachhaltigkeit ist angesichts zukunftsgefährdender Entwicklungen in unserer Gesellschaft ein Gebot der Stunde! Und das wird breit anerkannt, Nachhaltigkeit wird umfassend thematisiert und ist für viele Unternehmen schon längst zum Geschäftsziel geworden, weil ihre Kunden das so verlangen.

 

Christen und die Nachhaltigkeit

Trotzdem gibt es immer noch Christen, welche die Umweltproblematik und nachhaltiges Wirtschaften nicht in ihre Glaubenspraxis aufnehmen wollen. Sie meinen, die Umweltprobleme würden hysterisch übertrieben und von gewissen Wirtschaftszweigen nur aus Eigennutz hochgespielt. Die Welt nehme doch so oder so ihren endzeitlichen Lauf nach Gottes Plan, und Christen dürften den Weltuntergang nicht aufhalten. 

Diese Haltung provoziert wiederum die anderen Christen, die ihre Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft von der Bibel her ableiten und mit ihrem Lebensstil konkret praktizieren. Sie sind überzeugt, dass die Bibel das, was wir heute «Nachhaltigkeit» nennen, der Sache nach schon lange kennt: als «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung»2!

    

Die erschöpfte Schöpfung

Eine der tiefsten Ursachen der globalen Krisen ist das grenzenlose Wachstum, das Credo modernen Wirtschaftens. Die Begründung scheint plausibel: Das Recht aller Menschen auf Wohlstand könne nur erfüllt werden, wenn die Wirtschaft gewinnorientiert arbeite und mit ihrem Wachstum die finanziellen Mittel zur freien Selbstentfaltung aller Menschen bereitstellen könne. Dazu sei Konsum nötig, der durch neue Bedürfnisse gesteigert werden müsse. So weit so schlecht. Tatsächlich nehmen Konsum und Überfluss zu, aber beides verbraucht viel Energie und geschieht oft auf Kosten der Schwächeren. Mass- und rücksichtsloser Konsum aber wird in der Bibel durchgehend als sündhafte Ungerechtigkeit bezeichnet! Wo Meere überfischt, Regenwälder für die Viehzucht und spätere Fleischproduktion abgefackelt oder Nahrungsmittel zu Treibstoff gemacht werden, da wird einer gedankenlosen Konsumlust und Gewinnmaximierung gefrönt, die nur geniessen will, ohne die Nachhaltigkeit zu bedenken, ganz nach dem Motto «Nach mir die Sintflut!». 

 

Mut zur Umkehr

Umso beachtenswerter ist es, wie in letzter Zeit ein Umdenken eingesetzt hat. Vor vier Jahrzehnten wurde erstmals vom Club of Rome eine ökologische Umkehr eindringlich angemahnt. Und das war auch aus christlicher Sicht richtig, denn laut prophetischer Botschaft der Bibel gehört zu einer Umkehr auch der wirtschaftliche, politische und soziale Bereich. Umkehr wäre zu billig, wenn sie nur geistlich, nicht aber auch konkret alltäglich inmitten dieser Welt stattfinden würde! Auch die Kuh im Stall merke es, so Martin Luther, wenn sich die Magd zu Christus bekehrt habe! Die Bibel geisselt also eine Doppelmoral, die superfromm daherkommt und zugleich asoziales Unrecht toleriert, wenn nur der Lebensgenuss weiterhin garantiert bleibt3. Sich mit seiner Privatfrömmigkeit aus der Weltverantwortung wegzustehlen, ist demnach Sünde. Die «erschöpfte Schöpfung» geht gerade die Christen etwas an. Sie verlangt dringend nach einer Konsumkultur, die sich der geforderten Nachhaltigkeit nicht verschliesst! Eine Umkehr zur biblischen Sicht des Menschen als dem «Haushalter der Schöpfung Gottes» hat schon Zwingli gefordert: «Du darfst dein zeitlich Gut nicht als dein Eigentum betrachten, du bist nur Verwalter darüber...!4». Der «autonome Privatbesitzer in uns»5 ist selbstsüchtig und hartherzig! Aber auch er darf im Leben eines Christen sterben, weil ihn Christus am Kreuz getötet hat6

 

Mut zur Verwaltung der Natur 

Die Bibel betont sehr deutlich, dass die unbelebte und belebte Schöpfung in Natur und Kreatur nicht dem Menschen, sondern Gott gehören! Er übergibt sie dem Menschen zur Verwaltung auf Zeit und ausdrücklich nicht zur genüsslichen Vergewaltigung! Wenn uns Gott beauftragt, in der Schöpfung zu herrschen, meint er damit nicht eine egoistische Ausbeutung der Natur; vielmehr bevollmächtigt er uns zu ihrer sinnvollen Kultivierung und nachhaltigen Nutzung. Wir sollen demnach Prokuristen – also Für-Pfleger in Gottes guter Unternehmung, der Schöpfung, sein. Mit diesem Mandat hat uns Gott also betraut7!     

Im Alten und Neuen Testament gibt es viele praktische Anweisungen zur Bewahrung und Regeneration der Ressourcen: Das Land soll alle sieben Jahre ausruhen (Sabbatjahr)8 und alle fünfzig Jahre wieder zurückgegeben werden (Jubeljahr)9; am Sabbat sollen alle Menschen und Tiere ohne Ausnahme ausruhen10. Äcker, Olivenhaine und Weinberge sollen nicht ausschliesslich dem Eigentümer dienen, sondern auch den sozial Schwachen11 – dies im Sinne einer nachhaltigen gesellschaftlichen Gerechtigkeit. Das unterstreicht Jesus im Gleichnis von den «bösen Weingärtnern»12: Verantwortungsloses Wirtschaften nur in die eigene Tasche ist eine ökonomische und soziale Sünde und widerspricht der Absicht des Schöpfers! Wer dabei ertappt wird, steht in der Gefahr, sein schlechtes Gewissen mit der «Tötung» der Boten Gottes zu beruhigen!

Heute müssen wir wählen zwischen liebevoller Verwaltung oder räuberischer Vergewaltigung der Natur, zwischen Nachhaltigkeit oder Diebstahl! Denn die Gebote «Du sollst nicht stehlen!» und «Du sollst nicht begehren!» schützen nicht nur das Privateigentum, sondern auch die Schöpfung mit ihren Rohstoffen und Lebensgrundlagen! Gottes Gebote befreien uns von Besitz- und Konsum-ansprüchen, welche die Zukunft unserer einzigen Erde gefährden. Wer sich als Mandant Gottes versteht, wird die Natur so nachhaltig nutzen, dass keine Langzeitschäden entstehen, die den Nächsten in der nächsten Generation und in anderen Regionen der Erde bedrohen. Christus will uns durch seinen Heiligen Geist zur Lust an der Mitgeschöpflichkeit und Mitmenschlichkeit befreien! Und dann werden uns die Augen dafür aufgehen, dass die Nachhaltigkeit – das ständige Nachwachsen – ein wunderbares Naturgesetz Gottes für seine Schöpfung ist, dem wir alle unser Leben verdanken. 

 

Mut zur Genügsamkeit

Die Bewahrung der Schöpfung und unserer Lebensgrundlagen ist nicht ohne Nachhaltigkeit möglich! Denn wenn unser Konsum und Lebensstandard weiterhin eine unverantwortlich negative Ökobilanz und einen masslosen ökologischen Fussabdruck13 hinterlassen, ist der Kollaps des Ökosystems Erde nur noch eine Frage der Zeit. Nachhaltig ist «eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen14.» Dazu sind Christen befreit, denn echte Frömmigkeit hat schon immer einen nachhaltigen Lebensstil gefördert. So schreibt Paulus in 1. Timotheus 6,6-11: «Die Frömmigkeit bringt in der Tat durch Genügsamkeit grossen, reichen Gewinn. Denn wir haben nichts in die Welt hineingebracht, darum können wir auch nichts he-rausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, sollen wir uns daran genügen lassen ... Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht/Geldgier; nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Gottvertrauen abgeirrt und umgeben sich so mit vielen Schmerzen. Du aber, ein Mann Gottes, fliehe vor all dem, verfolge unermüdlich Gerechtigkeit ...». 

Die «erschöpfte Schöpfung», die ungerechte Güterverteilung und die Milliarden Menschen in Not – sind das nicht selbst verschuldete «Schmerzen»? Umso hellhöriger sollten wir die biblische Sicht für einen nachhaltigen Lebensstil verinnerlichen und umsetzen. Gott will die Christen wachrufen, wieder ihm zu gehören, statt unserem fragwürdigen Wohlstand, Luxus, Konsum und Besitz. 

 

Mut zu hoffnungsvollem Handeln

Christen tragen die Hoffnung in sich, dass Gott die Welt einmal total erneuern wird15. Das ist aber kein Grund, die Welt sich selbst zu überlassen! Im Gegenteil: Sie ist auch im heutigen Zustand noch Gottes geliebte Schöpfung, trotz menschlicher Unzulänglichkeit16! Wenn wir seine Schöpfung bewahren, ist das ein Ausdruck unserer Liebe zu Gottes Eigentum! Deswegen bleiben wir in der Pflicht, liebevoll zu verwalten, was uns anvertraut ist und nachhaltig zu handeln, bis Christus wiederkommt17 und Gott alles neu machen wird! 

 

1  Otmar Rheinhold, Nachhaltiges Fundament. TA 29.9.2012, Sonderbeilage «Nachhaltigkeit», S.4

2  Schlussbemerkungen zur Europäischen Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit». Idea Schweiz Dokumentation 115/1989

3  Besonders beeindruckend Jesu Rede dazu in Matthäus 23

4  Arthur Rich, Zwingli als sozialpolitischer Denker. In: Zwingliana 13/1(1969), 73-74

5  Vgl. Jesu Gleichnisse vom «reichen Kornbauern» und reichen Genussmenschen (Lk 12,13-21;16,19-31)

6  2 Kor 5,21 ; 8,9 und 9,6-8

7  1 Mose 1,28-29; 2,15-20

8  3 Mose 25,1-7

9  3 Mose 25,8ff

10  2 Mose 20,10; 5 Mose 5,14

11  3 Mose 19,9; 23,22; 5 Mose 24,19 

12  Mt 21,33ff

13  Siehe dazu www.wwf.ch/de/aktiv/bewusst/footprint/ 

14  Definition der UNO-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987. Lexikon der Nachhaltigkeit bei www.nachhaltigleben.ch 

15  Offb 21,1ff

16  1 Mose 8,21-22

17  Lk 19,13

 

Peter Henning, Pfr. Mag. Theol., ist Dozent am Theologisch-Diakonischen Seminar TDS in Aarau.

p.henning@STOP-SPAM.tdsaarau.ch 

To top