Nachhaltige Gesellschaft 

Von der Nachhaltigkeit  und ihren Voraussetzungen

Markus Müller Wie nachhaltig ist das Wort «Nachhaltigkeit»? Bereits gibt es Vorschläge, dass Nachhaltigkeit als Megatrend vom Begriff Resilienz abgelöst werden soll1. Trotzdem: Nachhaltigkeit wird für unsere Gesellschaft fundamental bleiben, denn es liegt im Wesen des Menschen, nicht nur für den Moment, sondern überdauernd, also nachhaltig, zu denken und zu wirken. Nicht zuletzt wird dies am Urwunsch, Kindern das Leben zu schenken, also Nach-kommen zu haben, deutlich. 

 

Ob wir wollen oder nicht: Nachhaltiges Denken und Handeln sind bedroht. Sowohl das ökologisch-wirtschaftliche Gleichgewicht als auch die Stabilität des Miteinanders unserer Zivilgesellschaft sind unsicherer denn je. Die Klage darüber kann schon fast nicht mehr gehört werden. Gründe für die Zerbrechlichkeit dieser Systeme gibt es genug. Insbesondere gilt: Je komplexer ein System ist, desto fragiler und kollapsanfälliger ist es. Das kann zur Zeit wohl am anschaulichsten im Bereich der Finanz-industrie gezeigt werden. Je mehr Menschen mit destruk-
tiven Interessen kurzfristigen Nutzen aus dem System ziehen wollen, desto gefährdeter ist seine Stabilität. Nachhaltigkeit ist gefragt. Doch wie kommt sie zustande? Wovon lebt sie? Worin gründet sie?

 

Nachhaltigkeit braucht grosse Erzählungen

Es gehört zu den alltäglichen Beobachtungen, dass Verzicht, insbesondere auf kurzfristig-egozentrischen Nutzen, nur dann gelebt und praktiziert wird, wenn eine übergeordnete Perspektive – die begründete Hoffnung auf ein Morgen – vorhanden ist. Es scheint aber, dass gerade diese Hoffnungsperspektive in der postmodernen Fixierung auf die Gegenwart zu verdunsten droht. Unsere Aufmerksamkeit gilt dem gegenwärtigen, meist persönlichen und kurzfristigen Nutzen. Die klassische Tugend des Masshaltens bzw. der Eleganz, wie es die Römer nannten, hat es schwer unter uns. Der Grund dafür ist einfach. Soziologisch spricht man vom «Verlust der Grossen Erzählung»: Es fehlt uns der grosse Ausgangs- und Zielpunkt und damit der Spannungsbogen, unter den sich all unser Tun und Lassen, Können und Nicht-Können, Erfolg und Misserfolg einordnen lässt.

Solche Erzählungen gab es immer wieder in der Geistesgeschichte. Drei davon seien hier beispielhaft erwähnt:

  • Der in der Bibel unübersehbare Apostel Paulus hört im Traum den Hilferuf, nach Europa zu kommen. Europa war wohl schon damals, vor rund 2000 Jahren, hilfebedürftig. Paulus folgt diesem Hilfe-Ruf in einer ganz bestimmten Weise2: Er lässt den Marktplatz als Brennpunkt des Mainstreams von Philippi, der ersten europäischen Stadt auf seinen Missionsreisen, hinter sich. Konkret: Er geht aus der Stadt «hinaus», steigt «hinab», «setzt» sich und «redet» mit den dort versammelten Menschen auf Augenhöhe. Die Folge: Gott tut der Geschäftsfrau Lydia «das Herz auf», was unmittelbar «Gastfreundschaft» zur Folge hat. Der Inhalt dieses Geschehens, das von Paulus gelebte Programm also, vermag uns auch im 21. Jahrhundert eine Perspektive zu geben.
  • Für Galileo Galilei, den Naturwissenschaftler zu Beginn der sogenannten Neuzeit, war unmissverständlich klar: Es geht darum, alles zu messen und was nicht messbar ist, messbar zu machen. Nicht Meta-Physik, sondern Physik war aus seiner Sicht entscheidend für eine lebenswerte und wünschenswerte kommende Welt. Dieses Messen erlaubt zu erklären, vorauszusagen und (technisch) zu verändern. Im Raum dieses Denkens begann das grosse «Experiment Moderne».
  • «Wohlstand für alle»: Das war das Motto von Ludwig Erhard, dem «Vater der Sozialen Marktwirtschaft»3. Dem Markt sind, so der Autor, durch die soziale Verantwortlichkeit Grenzen gesetzt, und soziale Gerechtigkeit gibt es nicht losgelöst von Markt und Leistungslohn. Es lohnt sich, so die Schlussfolgerung, einen Staat und eine Gesellschaft unter dem Dach dieser Perspektive zu gestalten (oder den Staat gegebenenfalls entsprechend umzubauen). Wo diese Perspektive verdunstet, droht der Wildwuchs, sei es in der Marktwirtschaft oder im Sozialwesen. Wir stehen dann, weil das Dach undicht ist, buchstäblich im Regen.

 

Nachhaltige Zukunftsvorstellungen

Das Anliegen der Nachhaltigkeit bedarf der Einordnung unter einen grossen Bogen bzw. in eine «Grosse Erzählung». Erst diese Erzählung gibt den Nährboden für eine tragende Hoffnung. Für uns Heutige sind die genannten Erzählungen hilfreich und letztlich unverzichtbar. Sie geben Orientierung und deuten auf einen gangbaren Weg hin. Die «Grosse Erzählung» ist allerdings nur der Ausgangspunkt. Wir können uns auf die Dauer nicht bloss an der Vergangenheit ausrichten, sondern letztlich nur an der Zukunft bzw. an den Versprechen, die ihr gelten. Es sind die Versprechen dessen, der Himmel und Erde, Ökologie und Ökonomie, Gesellschaft und Staat genauso wie Sie und mich geschaffen hat. Gott hat nicht nur in der Vergangenheit (nachhaltig) gehandelt, er hat in ganz besonderer Weise nachhaltige Vorstellungen über das künftige Leben. Diese Vorstellungen sind uns in Form von Verheissungen in der Bibel mitgeteilt. Nur zu oft werden sie aber übersehen, überlesen oder fälschlicherweise privatisiert und individualisiert. Deshalb habe ich mir in der persönlichen Bibellektüre angewöhnt, all das, was Gott zu tun verspricht, also alle seine (individuellen, gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen) Verheissungen, grün und damit in der Farbe der Hoffnung anzustreichen. So ist eine ziemlich «grüne Bibel» entstanden.

Wie wir die Zukunft anpacken, entscheidet sich an unseren Denkweisen und -mustern. Die Frage lautet ganz schlicht: Woran ist unser Denken ausgerichtet, und wovon wird es geprägt? Wer oder was also gibt unserem Denken die Richtung? Und: Genügen diese Prägungen, um damit eine übergeordnete Hoffnungsperspektive zu malen, die uns dazu motiviert, bestimmte Wünsche und Ziele zurückzusetzen und so einzuordnen, dass wir bereit werden, «nachhaltig», also u.a. auch verzichtbereit zu handeln?

Zusammengefasst: Instrumente der Hoffnung sind zum einen die «Grossen Erzählungen» oder Urgedanken, und zum andern all das, was Gott versprochen hat, seine Verheissungen nämlich. Sie sind nicht nur individuell, sondern primär gemeinschaftlich und damit auch gesellschaftlich zu verstehen. Aus dem Propheten Jesaja kommt u.a. der Gedanke, dass Schwerter zu Pflugscharen gemacht werden und dass die Menschen «den Krieg nicht mehr lernen werden»4; oder aus dem Lukas-Evangelium die Aussicht: «Sie werden kommen von Westen und Osten, Süden und Norden und sich im Reiche Gottes zu Tische setzen5.» Beide hier beispielhaft aufgeführten Verheissungen charakterisieren zweifelsohne die Zeit nach unserer jetzigen Weltzeit, sind aber zutiefst im Wesen Gottes verankert und wollen deshalb unser Denken schon im Hier und Heute ausrichten.

 

Von der Sehschule zur Herzensuniversität 

Was braucht es, um Nachhaltigkeit zu leben? Erste Voraussetzung ist die Kenntnis der «Grossen Erzählung», in die sich mein (nachhaltiges) Tun einordnet. Zweite Voraussetzung ist die Kenntnis der Vorstellungen Gottes nicht nur für die Zeit jenseits des hiesigen Lebens, sondern auch innerhalb der jetzigen Welt, in der wir leben: Gott meint nicht nur das Leben von übermorgen, sondern bereits das Leben von morgen. 

Es gibt aber noch ein Drittes, das Nachhaltigkeit möglich macht. Paulus bittet in einem seiner uns erhaltenen Gebete darum, dass wir mit den «Augen des Herzens» sehen6. Diese Bitte gilt übrigens einer Gemeinde, deren Denken trotz aller Vorbildhaftigkeit «verfinstert» war7. Ganz ähnlich werden wir im Sendschreiben an die Gemeinde von Laodizea8 geradezu genötigt, «Augensalbe» zu kaufen. Da, wo uns der Blick für Übergeordnetes abhanden zu kommen droht, gilt die Aufforderung, doch mit den Augen des Herzens zu schauen: das, was Gott längst gegeben hat, aber auch das, was Gott künftig geben wird und schon hier und jetzt bruchstück- und zeichenhaft verwirklichen will.

Die medizinischen Augenkliniken unserer modernen Welt haben oder hatten in der Regel angegliederte «Sehschulen». Hier wird gelernt, wie man – beispielsweise nach Augenoperationen – wieder richtig sehen lernt. «Sehschulen für das innere Auge» ist das, worauf nachhaltiges Wirken und Handeln in unserer Gesellschaft grundlegend angewiesen ist. Der Ökologe braucht diese Schulung genauso wie der Ökonome oder der Sozial-anwalt. Diese Sehschulen sind Teil dessen, was wir Herzensuniversität nennen können. Hier ist nicht mehr die äussere, im Gefolge von Galileo Galilei und andern propagierte Rationalität und Messbarkeit beherrschend, sondern das Herz, das «Dinge sieht, die dem Verstand nicht zugänglich sind»9.

Seit vierhundert Jahren haben wir das Potenzial und die Möglichkeiten der Vernunft ausgelotet. Dem Motto Kants, uns doch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien und der Vernunft jenen (ersten) Platz zu geben, der ihr in unserer Welt angeblich gebührt, haben wir hinreichend nachgelebt. Dabei haben wir das Herz, sein Schauen, seine Kultur und seine Sprache, vom Podest geschoben. Dies war wohl der grösste und folgenreichste Fehler der vergangenen 400 Jahre. Es ist das Herz, das um wahre Nachhaltigkeit weiss. Die Herzensuniversität wäre der Ort, an dem wir – in welchen Gebäuden und an welchen Veranstaltungen auch immer – diese Herzensschau entdecken und pflegen können – nicht in Konkurrenz zur Rationalität, sondern um diese einzuordnen, ihr einen Rahmen zu geben und sie für Nachhaltigkeit zu gewinnen.

 

Ein nachhaltiges Fundament und Firmament

Wer Nachhaltigkeit will, muss in seinem Denken Ordnung schaffen. Wer in seinem Denken Ordnung schafft, macht Platz für Hoffnung. Hoffnung hilft, (nachhaltige) Wege zu sehen. Hoffnung ist Fundament und Firmament für jenes Handeln, von dem wir in Zukunft nicht genug haben können. Diese Denkweise, dieses Hoffnungsdenken, dieses perspektivisch ausgerichtete Denken speist sich erstens aus dem Vergangenen – der «Grossen Erzählung» –, zweitens aus dem Verheissenen – dem, was Gott verspricht –, und drittens aus dem inneren Schauen. Nur dieses Denken ist Garant für echte Nachhaltigkeit – ökologisch, ökonomisch und sozial.

Für das, was wir Herzensuniversität nennen, gibt es Vorbilder. Der Universitätskanzler – zuerst an der Sorbonne in Paris – war ursprünglich dazu bestellt und eingesetzt, darüber zu wachen, dass die an der Universität vermittelten Lehrinhalte den übergeordneten Perspektiven des christlichen Glaubens entsprachen. Tutoren hatten als ältere Studenten an der Universität zudem ursprünglich die Aufgabe, jüngere Studenten anzuleiten, in ihrem Streben und Tun zu lernen, ihr Denken auf ein christliches Fundament zu gründen und in ein christliches Firmament einzuordnen.

Was durch diese Ämter gewährleistet werden soll, muss heute wieder neu entdeckt werden. Unsere Zeit ist abenteuerlich genug, um Neues neugierig zu wagen. Dieses Wagnis könnte im Studium, in Berufen, Firmen und in der Politik echte Nachhaltigkeit sicherstellen. Wir brauchen viele Menschen, die mit den Augen des Herzens sehen, was unserer Zukunft nachhaltig gut tut. Herzensuniversität tut not. Sehschule ist unverzichtbar. 

 

Die Zukunft mitgestalten

 

«Die Welt ordnet sich neu, und wir sind dabei.» Diese Losung stellt Markus Müller, bis vor kurzem Direktor der Pilgermission
St. Chrischona, als Leitmotiv über den Inhalt seines neuen Buches. Dieses analysiert und hinterfragt nicht nur aktuelle Tendenzen, sondern zeigt Szenarien der Zukunft auf, welche nicht nur als Verlängerung aktueller Tendenzen beschrieben werden. Und er lädt die Christen zur Mitgestaltung und Mitverantwortung ein. Sie sollen nicht allein die Gefahren orten, sondern aus ihrem Fundus zur hoffnungsvollen Entwicklung der Gesellschaft und der Welt beitragen.

Beispielhaft tut er dies zum Beispiel mit dem Kapitel, das er mit «Die Prinzipien, die unsere Zukunftsliebe fördern» überschreibt. Er formuliert dazu acht Prinzipien. Etwa: «Bewährtes leben, statt Richtiges behaupten.» Oder: «Immer zuerst die Person, dann die Sache oder das System.»

Im Folgenden prägt er den Begriff der «Herzensuniversität». Im Bereich der Bildung sollten nicht Leistungen und Prüfungserfolge im Vordergrund stehen, sondern Werte wie Hoffnung und Liebe. Aber auch die Charakterbildung der jungen Menschen.

Christen rät er, auch stark im Scheitern zu sein. Er will sie anleiten, auf entscheidenden Lebensfeldern zu üben. Etwa im Älterwerden. Oder im Umgang mit Menschen aus andern Kulturen. Oder Erfahrungen im verbindlichen Miteinander zu vertiefen.

Markus Müller hat ein Buch für Menschen geschrieben, die in den aktuellen globalen Problemen, die nicht enden wollen, nicht steckenbleiben möchten, sondern grundsätzlich zukunftsorientiert denken und dazu einen persönlichen Beitrag leisten wollen.

 

Müller, Markus: «Trends 2021 – Es wird alles anders werden.» 

Basel, Brunnen Verlag, 2012. 380 S., Paperback, CHF 22.80. 

ISBN: 978-3-7655-1529-3

 

1 Es ist die Resilienz, die «in den nächsten Jahren den schönen Begriff der Nachhaltigkeit ablösen» wird; Matthias Horx in seinem 2011 erschienenen Buch «Das Megatrend-Prinzip – Wie die Welt von Morgen entsteht»; S. 309.

2 Apg 16,13

3 Das wegweisende Buch «Wohlstand für alle» wurde im Jahr 1957 

veröffentlicht.

4 Jes 2,2-4

5 Lk 13,29

6 Eph 1,18

7 Eph 4,17

8 Offb 3,14-22
9 Blaise Pascal

 

Dr. Markus Müller ist Heimpfarrer des Alterszentrums Rämismühle. Bis Ende Februar 2012 war er Direktor der Pilgermission St. Chrischona.

markus.mueller@STOP-SPAM.raemismuehle.ch 

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