Literatur

Zwischen Häppchenkultur und literarischen Briketts 

Interview: Dorothea Gebauer Gerrit Pithan ist Lehrer, Schriftsteller und Christ. Für ihn muss Literatur nachhaltig sein, wenn sie ihren Namen verdienen soll.

 

Magazin INSIST: Herr Pithan: Ist Literatur nachhaltig? 

Gerrit Pithan: Aber ja! Denken wir beispielsweise an die Bibel. Sie hat die Kultur nachhaltig ausgeprägt. Oder an Platons «Politeia» und an Homers «Odyssee». Mir fällt weiter Dante mit der «Göttlichen Komödie» ein, ein Werk, das die Literatur und Kunst geprägt hat. Shakespeares Dramen werden immer noch gespielt, obwohl seine Themen, Handlungen oder Sprache aus einer vergangenen Zeit kommen.

 

Können Lesen und Literatur in einer plaudernden Twittergesellschaft nach- haltig sein? 

Ich bin neben meiner schriftstellerischen Arbeit auch Lehrer von Oberstufenschülern. Sie lesen nicht mehr, sie suchen im Netz ihre Infos zusammen. Das ist schnelllebige Häppchenkultur, bei der ich mich schon frage, wo die Konzentration bleibt. 

 

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird es weitergehen? 

Es wird eine grosse Masse von Bildungs-Eintagsfliegen geben, die ihr Wissen vom Gehirn ins Internet ausgelagert hat. Und es wird eine kleine Gruppe von Menschen geben, welche die Kulturtechnik des wirklichen Lesens und Schreibens beherrscht und die des Denkens in grossen Zusammenhängen fähig ist. Vielleicht wird dies eine Elite sein, vielleicht nur ein letzter Rückzugsposten der Zivilisation. Das kann man jetzt noch nicht entscheiden.

 

Welche Lektüre hat Sie persönlich nachhaltig verändert? 

Das war Alfred Döblin mit seinem ganzen Werk, zum Beispiel dem Roman «November 1918». Das ist ein regelrechtes «Nationalepos der Deutschen», in dem unter anderem Karl Liebknecht oder Rosa Luxemburg auf die Bühne treten. Alfred Döblin, Autor von «Berlin Alexanderplatz», hat sich bei seiner Flucht vor den
Nazis bekehrt und wurde dafür später von seinen deutschen Schreiberkollegen für verrückt gehalten, und auch die Christen lehnten ihn ab. Sein Versuch, christlichen Glauben mit einem hohen literarischen Anspruch zu verbinden, wurde damals nicht verstanden. Er ist kein Autor für die breite Masse, aber sein Werk wird nachhaltig wirken.

Ein Autor, der mich ebenfalls sehr geprägt hat, ist Gilbert Keith Chesterton, der wie Franz Kafka das Paradox als Leitmotiv wählt. Kafka sagt übrigens über Chesterton, dass dieser so heiter gewesen sei, dass man annehmen müsse, er habe Gott gefunden. Hat er auch (lacht). Chesterton hat neben Essays und Romanen übrigens auch die Figur des Pater Brown geschaffen. Aber bitte keinesfalls an
die deutschen Verfilmungen denken! Die sind nur ein Abklatsch, der fast nichts mit der literarischen Vorlage zu tun hat. 

 

Woran schreiben Sie derzeit?

Ein Christ gerät um die Weihnachtszeit herum in eine existenzielle Glaubens- und Lebenskrise. Ihm erscheinen die vier Evangelisten, die ihn in ein immer tiefer gehendes theologisches Gespräch führen. In diesem Gespräch verarbeite ich den aktuellen Stand theologischer Forschung zur Frage der Menschwerdung Gottes. Es ist eine narrative Bibelauslegung, wenn man so will. 

 

Gibt es für Ihre Arbeit, die nachhaltig sein will, einen Markt? 

Das finde ich gerade heraus. Von christlichen Verlagen höre ich häufig, meine Werke seien «zu anspruchsvoll». Das irritiert mich. Wollen wir nicht mehr angesprochen werden? Ich frage mich dann, ob das christliche Publikum wirklich so platt ist und nur das Wiederkäuen frommer Worte liebt? Es hat zu allen Zeiten anspruchsvolle christliche Autoren gegeben, die gelesen wurden. Gertrud von le Fort ist nur eine davon. Ich selbst habe aufgehört in christliche Buchläden zu gehen, wenn ich wirklich gute Lektüre kaufen will. 

 

Welche Lektüre empfehlen Sie derzeit der INSIST Leserschaft? 

Ein Werk von Esther Maria Magnis (bei Rowohlt): «Gott braucht dich nicht – Eine Bekehrung.» Die Protagonistin ist katholisch sozialisiert und wird zunächst von der Institution Kirche abgestossen. Dann hat sie 

eine Gottesbegegnung und erzählt faszinierend davon. 

 

Weitere Informationen sowie Werke unter www.gerrit-pithan.de 


Dorothea Gebauer ist freie Kulturjournalistin 

dorothea.gebauer@STOP-SPAM.insist.ch 

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