Religionen

Der «Messias» ist tot

Georg Schmid Der Mann, der das Erlösungswerk Jesu vollenden wollte, ist tot. Reverend Sun Myung Moon starb am 3. September 2012. Er stellte sich selber nicht in Frage, hinterlässt aber offene Fragen.

 

Wie ein König wurde Reverend Moon am 15. September 2012 in Korea begraben, oder sagen wir besser: Wie der König aller Könige. Dies wollte er auch sein, denn er fühlte sich als neuer Messias, der das Erlösungswerk Jesu vollenden musste. 1935, als Moon 15 Jahre alt war, soll Jesus ihn auf einem Berg angesprochen haben. Jesus habe ihn beauftragt, seine Mission weiterzuführen. Nach seinem Tod heisst es, Moon habe dieses Erlösungswerk hier auf Erden vollendet. Er sei nun in die geistige Welt eingegangen, um dort den Platz einzunehmen, der ihm gebührt. Doch hat er seine Hauptaufgabe wirklich erfüllt, zu der er sich berufen fühlte?

 

Das erlöste Paar ...

Jesus – meinte Moon – hat sein Erlösungswerk unfertig verlassen, weil er zu früh starb. Er hätte noch heiraten wollen und müssen. Denn durch ein Paar (Adam und Eva) sei die Sünde in die Welt gekommen. Durch ein Paar müsse deshalb auch die Erlösung vollendet werden.

So erlöste Moon mit seinem zweiten Eheschluss die Menschheit vollkommen und schenkte ihr das erste völlig erlöste Paar. Sogleich fing dieses wahre Elternpaar an, auch seinen Anhängern die Chance einer wahren Ehe zu bieten. Wer durch sie getraut worden war, konnte in der Folge auch eine neue, erlöste Ehe führen. Moon und seine Frau führten im Verlaufe der Jahre in Massenveranstaltungen riesige Scharen junger Leute zusammen. Meist hatte Moon selber in seiner göttlich-perfekten Intuition die Pärchen zusammengeführt. Vom Geist geleitet, kombinierte er manchmal Menschen zu Ehepaaren anhand von Fotos, die ihm vorgelegt worden waren. Unzählige Paare wurden getraut, ohne dass sie einander vorgängig kennengelernt hatten. Manche konnten nicht einmal miteinander sprechen, weil sie keine gemeinsame Sprache hatten. Aber viele akzeptierten gerne die Wahl des Messias und blieben später auch zusammen. Die gemeinsame Liebe zum wahren Elternpaar Moon war die Basis, auf der sich diese Ehen aufbauten.

 

... und seine unerlösten Schattenseiten

Doch nicht alle dieser erlösten Paare und Familien demonstrierten vollkommene Liebe und erlöstes Menschsein. Zeitweilig kamen auch der Messias und seine Familie arg in die Schlagzeilen. Zum Beispiel als Moon wegen Steuerbetrugs in den USA eine Gefängnisstrafe absitzen musste, oder als sein ältester Sohn Hyo Jin Moon drogenabhängig und seiner Frau gegenüber gewalttätig wurde. Hyo Jins Frau floh mit ihren Kindern aus der Vereinigungskirche von Moon und zeichnete in der Öffentlichkeit ein denkbar negatives Bild des Moon-Clans. Auch andere Spannungen innerhalb der Familie wurden offenkundig.

Ganz im Sinne des Vaters wirken hingegen noch heute die Söhne Kook Jin Moon, der die Leitung des Wirtschaftsimperiums der Familie in Asien übernommen hat, und vor allem Hyung Jin Moon, der jüngste Sohn Moons, ein talentierter Kampfsportler, der Religionswissenschaft studiert hat und seit 2008 Vorsitzender der Vereinigungskirche International ist. Hyung Jin versucht mit einem gewissen Erfolg, die Kirche aus dem Sektenimage herauszulösen und ein neues Publikum für die Vereinigungskirche zu gewinnen.

 

Irritierende Markenzeichen

Hat Moon also sein Ziel am Ende seines langen Lebens doch noch irgendwie erreicht? Hat er das Erlösungswerk Jesu vollendet? Einmal abgesehen davon, dass das Erlösungswerk Jesu gar nicht vollendet werden muss, weil es genügend vollendet ist und seither für sich selber spricht, können Aussenstehende das Lebenswerk des Reverend Moon nur mit grösster Mühe mit dem Meister von Nazareth in Verbindung bringen. Der Messias – ein Waffenfabrikant und Milliardär? Heavenly deception1 – Werbung, die den Angeworbenen bewusst belügt – als Missionsmethode? Unterstützung für den schwer angeschlagenen Richard Nixon im Watergate-Skandal? Das können doch nicht Markenzeichen des Messias sein. Das sind vielmehr Errungenschaften und Maximen eines Mannes mit übergrossem Sendungsbewusstsein und überdurchschnittlichem Geschäftssinn, der unerschütterlich daran glaubte, dass er der Messias sei.

Am meisten verwundert mich im Blick auf Reverend Moon aber, dass er sich wahrscheinlich nie fragen musste oder wollte, ob er wirklich der Messias ist. Moon hat sein immenses Selbstbild in der Jugend einmal gewonnen und nachher nach allen Seiten hin ausgelebt, geschäftlich erfolgreich, aber religiös äusserst fragwürdig. Seine Messiasrolle hat er nie mehr hinterfragt.

 

1  Himmlische Täuschung

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@STOP-SPAM.swissonline.ch 

To top