Theater

Die Genesis auf der Bühne

Adrian Furrer Ein sichtlich mitgenommener Mittvierziger tritt auf die Bühne des Zürcher «Schiffbaus», einem zentralen Ort des zeitgenössischen Theaters, und entschuldigt sich beim Premierenpublikum. Es ist Stefan Bachmann, der wohl wichtigste und bekannteste Schweizer Theaterregisseur seiner Generation und designierte Intendant des Kölner Schauspiels. 

 

«Pop-Regisseur»: Noch immer haftet ihm dieses leicht verächtliche Etikett an, weil er zu denen gehört, die vor gut 20 Jahren angefangen haben, das etablierte Theater mit einer neuen Phantasie- und Spiellust durchzulüften. Sie verleugneten dabei die eigenen kulturellen Prägungen nicht, sondern integrierten diese als mitprägende Ästhetik in ihre Inszenierungskonzepte, was von manchen Kritikern mit Oberflächlichkeit verwechselt und als zu leicht befunden wurde. 

 

Fünf Stunden Bibel

Doch jetzt, auf der Bühne des «Schiffbaus», ist von einer Leichtigkeit vorerst nichts zu spüren. Bachmann erklärt, dass er mit dem Ensemble bis kurz vor Einlass der Zuschauer geprobt habe, nachdem er noch am Tag der Premiere eine Umbesetzung aufgrund der Verletzung eines Schauspielers vornehmen musste. Es war bereits die vierte im Verlauf der Arbeit. Und eben, er entschuldigt sich. Aufgrund dieser Erklärungsrede sei es nun nicht mehr möglich, was ihm und seinem Team für diese Arbeit so wichtig gewesen wäre: an diesem Abend nur die Bibel sprechen zu lassen, das 1. Buch Mose, die Genesis, und zwar die ganze, fünf Stunden lang, jedes Wort vom Beginn der Schöpfung bis zu Josefs Tod. 

Eigentlich könne er sich vorstellen, nur noch die Bibel zu inszenieren, ungestrichen, wird Stefan Bachmann zitiert, und Ähnliches hört man von Nicolas Stemann, einem andern Hochbegabten aus der Gilde der
«Popregisseure». 

 

Respekt

Wie von einem eigenartigen Bibel-virus angesteckt wirkt im Gespräch auch der Schauspieler Michael Neuenschwander. Ihn verbindet mit Stefan Bachmann eine langjährige Arbeitsbeziehung. Und er ist der Protagonist des Abends, er spielt Gott. «Du sollst dir kein Bildnis machen» – das zweite Gebot steht erst im nächsten Mosebuch. Und so wird uns Zuschauern – bildhaft eben – klar, wie selbstverständlich körperlich nah Jahwe den Urvätern war. Später wird Neuenschwander dann zu Jakob – nach Jakobs Kampf mit Gott. Und die Beziehung der Menschen zu ihrem Schöpfer wird mittelbarer. 

Am Anfang aber war das Wort: Nachdem er dreimal stumm den riesigen Lehmberg – vermischt mit Erde aus dem realen «Heiligen Land» – der die ganze Bühne ausfüllt, umrundet hat, setzt sich Neuenschwander erstmal an ein kleines Holztischchen und beginnt zu lesen: Eine Stunde lang findet mitten im Zürcher Trendquartier, im ersten Theaterhaus am Platz, nichts anderes statt als «Das Wort Gottes».

Mit grossem Respekt, grosser Sorgfalt und grosser Ernsthaftigkeit lassen sich Bachmann und seine Schauspieler auf die für unsere Zivilisation konstituierenden Erzählungen ein, die vorerst «nur» die Geschichten eines kleinen Volksstammes im kargen Gebiet zwischen Mittelmeer und Mesopotamien sind. Mit einfachsten Requisiten – einem Papierschiffchen für die Sintflut, einem Kartonmesser für das Abraham-Isaak-Drama – entstehen allmählich aus der Sprache Szenen, und vorsichtig erkunden nach und nach unsichere Figuren den kahlen Berg auf der Suche nach ihrem Selbstverständnis. 

 

Das Gewicht eines Textes

Ein Riesenprivileg sei es gewesen, sich für die Zeit der Vorbereitung, der Proben und Vorstellungen mit diesem Text auseinanderzusetzen, erzählt Michael Neuenschwander. Auch zwei Wochen nach der vorerst letzten Vorstellung ist zu spüren, welch ungeheure Faszination von der intensiven Arbeit mit dem ersten Buch der Bibel ausgegangen ist: «Je länger wir uns mit der Genesis beschäftigt haben, desto evidenter wurde uns ihre unglaubliche literarische Kraft und das Gewicht ihrer archetypischen Bedeutung für unsere Kultur, für unser Dasein.» – «Und hinfällig wurde», so Neuenschwander, «das, was uns als Schauspieler, als ‚Künstler’ ja bei jeder neuen Arbeit beschleicht: der Zweifel an unserem Tun.» 

Regisseur Bachmann beschreibt seinen Gemütszustand, nachdem er den Text zum ersten Mal laut gelesen hatte, salopper: «Ich war vollkommen von den Socken.» Wahrscheinlich so wie alle Beteiligten, als nach einer langen Trockenperiode just mit dem ersten Wort der Sintfluterzählung ein heftiger Gewitterregen auf das Dach des «Schiffbaus» prasselte.


Quelle: Zitate von Stefan Bachmann aus: Sonntagszeitung vom 9.9.12 und FAZ vom 17.9.12 (Erwähnung N. Stemann).

 

Adrian Furrer ist professioneller Schauspieler und lebt in Henggart ZH.

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch  

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