Bibel

Gerechtigkeit und das Reich Gottes

Felix Ruther Zentral für unser Thema1 ist der Satz von Jesus: «Trachtet zuerst nach dem Reich und seiner Gerechtigkeit2». In Jesu eigenem Verhalten spielt die Frage nach den rechten Beziehungen – eben Gerechtigkeit – eine dominante Rolle.

 

Das öffentliche Wirken Jesu war ganz darauf ausgerichtet, Beziehungen wieder herzustellen. Denn Gottes Heilsplan ist es, alle Menschen mit sich und damit auch miteinander zu versöhnen. Das zeigte Jesus besonders in seiner Haltung gegenüber jenen, die von der Gemeinschaft ausgeschlossen waren – den Zöllnern, Sündern und Kranken. Jesus forderte gottgewollte Beziehungen. Beziehungen also, die dem Wesen des Gottesreiches, das er verkündigte, entsprechen. Kurz: Er forderte Gerechtigkeit. So kämpfte Jesus auch ständig gegen eine Gesetzesauslegung an, die die Mehrzahl seiner Zeitgenossen zu Randexistenzen verurteilte.Nach dem Exil des Volkes Israel hat man den Satz «Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig3» so ausgelegt, dass man Heiligkeit durch Absonderung erreichen konnte, durch Absonderung von allem Heidnischen und allem, was rituell unrein machte. Da aber die Einhaltung der rituel-len Reinheitsgebote einen gewissen Wohlstand voraussetzte, waren die meisten einfachen Leute nicht in der Lage, sie einzuhalten. Sie konnten nur überleben, wenn sie assen, was gerade da war, rein oder unrein. Die meisten Menschen waren also ständig unrein und wurden damit zu Randexistenzen. Als solche wurden sie mit der entsprechenden Verachtung behandelt und mit religiöser und sozialer Ausgrenzung belegt.Jesus distanziert sich von einer solchen Gesetzesauslegung: Nicht rituelle Reinheit erfüllt das Gesetz, sondern Gerechtigkeit – im Sinne von rechten Beziehungen.

 

Die andere Interpretation des Gesetzes

Aufgrund seines Gottesverständnisses gibt Jesus dem Heiligkeitsgebot von 3. Mose 19,2 eine andere Interpretation. Das sehen wir in Lukas 15 – der Geschichte vom verlorenen Sohn. Gott wird dort als Vater geschildert, der den Sohn in seinen ganzen Dreck hinein umarmt. Er ist ein Gott, der keinen Kontakt mit dem Unreinen scheut. Er sucht Gemeinschaft mit den Menschen, auch den Unreinen und Sündern. Seine Heiligkeit ist nicht etwas, das durch den Kontakt mit dem Unheiligen verunreinigt wird. Im Gegenteil: Durch den Kontakt mit Gott wird das Unreine geheiligt. Daher ist der Schlüssel zum Gesetz für Jesus nicht mehr 3. Mose 19,2, sondern Lukas 6,36, wo es heisst: «Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!» Heilig sein heisst also nicht, sich abzusondern, jede Berührung mit dem unreinen Menschen zu vermeiden, sondern sich in echtem Mitleid den Menschen zuzuwenden. Das heisst konkret: verletzte Beziehungen sehen, darunter leiden und sie wieder in rechte, eben gerechte Beziehungen umwandeln. Die beste Illustration dafür ist die Geschichte vom guten Samariter4. Der Priester und der Levit sehen den halbtoten Mann im Vorbeigehen – und lassen ihn liegen. Sie sind keine herzlosen Menschen. Die Tragik der Geschichte liegt darin, dass sie keine andere Wahl haben, wenn sie das Gesetz einhalten wollen. Sie müssen vorbeigehen, denn hätten sie diesen Mann berührt, wären sie unrein geworden und damit unfähig, ihren Dienst im Tempel zu vollziehen. Indem sie die Hilfe verweigern, bleiben sie gesetzestreu und tugendhaft – gemäss wörtlicher Auslegung von 3. Mose 19,2.

 

Echte Gesetzestreue

Jesus zeigt aber mit dieser Geschichte, dass nur derjenige wirklich gesetzestreu und gerecht vor Gott ist, der diesem Menschen in der Not hilft, ganz gleich, ob der Notleidende rituell rein oder unrein, Jude oder Heide, Mann oder Frau ist. Heilig sein vor Gott heisst daher: mitleiden mit dem Notleidenden, ihn berühren, sich um ihn kümmern, ihn als Bruder und Schwester sehen. Jesus lebte uns diese Haltung vor. Er hatte Dirnen in seinem Gefolge, berührte Aussätzige und ass mit denen, die als unrein galten. Jesus hatte einen Widerwillen gegen jede Diskriminierung. Für ihn war jeder Mensch Bruder. Und gerade wegen seiner Gesetzesauslegung lehnten ihn die Gesetzestreuen als gefährlich ab. Er gefährdete nach ihrem Verständnis den Bund mit Gott, und daher planten sie, ihn zu beseitigen.

 

1  Im MAG 3/13 habe ich den Blick aufs Alte Testament gerichtet. Hier soll nun das Neue Testament zu Worte kommen.

2  Mt 6,33

3  3 Mose 19,2

4  Lk 10,25ff.

 

Felix Ruther ist Studienleiter der VBG und Präsident von INSIST

felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch

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