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Grosse und kleine «Revolutionen»

Hanspeter Schmutz Der polnische Elektriker und katholische Christ Lech Walesa hat sein Land verändert. Im Rückblick sieht er seinen Glauben und die Entdeckung der christlichen Einheit als zentrale Elemente dieser gesellschaftlichen Transformation. Wenn der Soziologe François Höpflinger recht hat, spielt sich in jungen Familien derzeit eine kleinere Revolution ab. «Junge Menschen denken nicht an Steuerabzüge, wenn sie eine Familie gründen.» Sie tun dies heute aus Überzeugung – und mit dem nötigen Einsatz an Zeit.

 

Lech Walesa war «kein Studierter, kein Diplomingenieur, kein General, er ist Elektriker, ein einfacher Arbeiter1.» Der Pole war in den 1970er-Jahren Mitglied des illegalen Streikkomitees auf der Lenin-Werft in Danzig. Als Anführer der streikenden Arbeiter erreichte er 1980, dass im kommunistischen Polen mit der «Solidarnosc» eine unabhängige Gewerkschaft gegründet werden konnte. Walesa wurde 1981 unter Kriegsrecht verhaftet und rund ein Jahr lang ins Gefängnis gesteckt. 1983 erhielt er den Friedensnobelpreis. Als Wortführer der Opposition sass er 1989 dem polnischen Regime am runden Tisch gegenüber. Ein Jahr später wurde aus dem ehemaligen Elektriker für fünf Jahre der erste demokratisch gewählte Präsident Polens.
«Ich bin ein gläubiger, praktizierender Mensch, ein Katholik», sagt Walesa über sich. Für ihn ist klar, dass es zwischen seinem Glauben und dem Umsturz in Polen einen engen Zusammenhang gibt. Ohne den polnischen Papst und die Basis der katholischen Kirche in Polen wäre diese Transformation laut Walesa nicht möglich gewesen. Der Kommunismus habe es eigentlich nicht zugelassen, dass sich die Leute von unten organisierten. Als dann aber ein Pole Papst geworden sei, sei das Regime gezwungen gewesen, ihn nach Polen einzuladen. Walesa: «Er hat uns zum Gebet versammelt. Und da haben wir gesehen, dass wir viele sind.» Erst nach diesem Erlebnis sei es ihm möglich gewesen, 10 Millionen Menschen zu organisieren. «Ich war nicht besser geworden, dank dem Papst sind wir vom Gebet zum Kampf gegangen, haben Mut gefasst.»
Offensichtlich liegt eine enorme Kraft darin, wenn sich Christen zum Gebet versammeln und als Einheit darauf hinwirken, dass sich die Gesellschaft im Sinne Christi verändert. Das beginnt mit dem Christentreffen im Dorf oder im Stadtquartier. Es gibt nichts Stärkeres als den geeinten Leib Christi – die christliche Gemeinde vor Ort.

 

Die Kleinfamilie und die Mutterschaft erfahren zur Zeit eine Renaissance. Das beobachtet zumindest der Familiensoziologe François Höpflinger2. In letzter Zeit habe eine bemerkenswerte Traditionalisierung stattgefunden, was sich etwa in der Popularität des Schwingens und von Trachten zeige. Auch im Haushalt sei es wieder angesagt, die Konfitüre selber zu machen und Wollmützen zu stricken – unterstützt von entsprechenden Fernsehsendungen und Zeitschriften. Es habe sich eine «richtiggehende Vergangenheitsindustrie» gebildet. Solche Werte würden dann aber mit modernen Lebensformen kombiniert.
Höpflinger nennt als Beispiel die «selbstbewussten Mütter». Das sind nach seiner Einschätzung Frauen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, die ersten Lebensjahre ihrer Kinder voll mitzuerleben. «Sie sehen die Mutterschaft nicht als Hindernis für ihre Berufschancen, sondern als Phase im Leben, die es auszukosten gilt. Arbeiten können sie später noch genug.» Und wo bleiben die «selbstbewussten Väter»? Diese existierten natürlich auch, sagt Höpflinger. Sie würden sich viel häufiger und intensiver als bisher um die Kinder kümmern, «allerdings vor allem am Wochenende». Fehlen eigentlich nur noch familienfreundliche Unternehmen, die es Vätern und Müttern möglich machen, die Arbeit in der Firma zugunsten der Familie zu reduzieren bzw. den späteren Wiedereinstieg ohne grössere Nachteile zu bewerkstelligen.
Laut dem Familiensoziologen haben junge Eltern gemerkt, dass ihr Einfluss auf die Kinder immer mehr zurückgegangen ist; prägend wirken heute Medien, die Schule oder Gleichaltrige. Dieser Entwicklung leisten die selbstbewussten Eltern Widerstand. Sie versuchen sich gemäss Höpflinger so zu organisieren, «dass sie möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen» können. Christlichen Eltern dürfte v.a. dieses Argument einleuchten: Sie wollen die Prägung ihrer Sprösslinge nicht dem Zufall überlassen.

 

1  «Der Bund» vom 23.11.13
2 «Der Bund» vom 23.10.13

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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