Überraschungen

Die Geschichte von «Micah Challenge»

Interview: Joséphine Billeter Zwischen der Verabschiedung der Millenium Development Goals (MDGs) im Jahr 2000 und dem heutigen Tag liegen viele Bestrebungen der Politik wie auch von sozialen Akteuren, die Armut der Welt bis 2015 zu halbieren. Nah dran und immer mitten drin war Joel Edwards, Internationaler Direktor von Micah Challenge. Er initiierte diese christliche Antwort auf die Deklaration der UNO.

 

Magazin INSIST: Joel, wann und wo bist du den MDGs erstmals begegnet und was haben diese in dir aus­gelöst?
Joel Edwards: Ich hörte von den MDGs ganz kurz nachdem die Millenniumserklärung der UNO verabschiedet worden war, anfangs 2000. Gleichzeitig wurde die Kampagne «Jubilee 20001» beendet. In diesem Umfeld hörte ich von den MDGs und war begeistert! Stell dir vor: Zum ersten Mal in der Geschichte setzten sich die wichtigsten Regierungen der Welt zusammen, verschrieben sich einem Anliegen mit messbaren Indikatoren und verpflichteten sich zu dessen Umsetzung. Das war ein historischer Moment! Die Millenniumserklärung war der erste Vertrag mit den Armen, das erste verbindliche Versprechen. Für uns war es gewissermassen auch ein prophetischer Moment, der uns an die alttestamentlichen Prophezeiungen zum Thema Gerechtigkeit erinnerte.
 
Welche Schritte folgten?
Wir sahen sofort die Chance, dieses politische Anliegen, welches auch eine moralische und spirituelle Dimension ansprach, zum Anliegen der Kirchen zu machen. Die Kampagne «Jubilee 2000» war so erfolgreich gewesen, dass wir in eine ähnliche Richtung weiterziehen wollten. Ich war damals Direktor der Evangelischen Allianz Grossbritannien. Gemeinsam mit anderen legte ich der Allianz 2001 die Idee einer globalen christlichen Antwort auf die MDGs vor. Es folgten Treffen mit der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) und mit dem Micah Network2. So entstand die Kampagne «Micah Challenge». Der Name Micah kommt aus dem biblischen Buch Micha, wo es im Kapitel 6, Vers 8 heisst: «Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir erwartet. Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.»
Wir verschrieben uns dem Anliegen, Christen auf der ganzen Welt zu informieren und zu mobilisieren, um das politische Versprechen an die Armen umzusetzen. Dazu gehörte, dass wir Ressourcen für Kirchen bereitstellten und Kampagnen ins Rollen brachten.


Mittlerweile sind 13 Jahre vergangen. Woran erinnerst du dich besonders gut, was hat dir Mut und Hoffnung in der Arbeit mit «Micah Challenge» gegeben?
Ich erinnere mich gut an die erste Zeit, als wir begannen, über eine globale christliche Antwort auf die MDGs
nachzudenken. Es gab Leute, die überzeugt waren und sagten: «In 3 bis 4 Jahren wird niemand mehr über die MDGs sprechen.» Doch je weiter wir vorwärtsgingen, desto lauter wurde das Reden über diese Ziele. Der politische Wille der Weltgemeinschaft blieb bestehen, auch wenn die Umsetzung nicht immer perfekt war. Das ermutigte uns enorm. Motivierend war auch die Tatsache, dass sich die MDGs mehr und mehr als eine globale
Sprache etablierten. Ich erinnere mich an einen Besuch im Kindergarten eines abgelegenen Dorfes in Sambia. Ich war überrascht zu hören, dass die Leute dort ihre Erfolge anhand der Indikatoren der MDGs massen. Kurz zuvor war ich in Australien beim Premierminister gewesen, und auch dieser benutzte dieselbe Sprache der MDGs!
Dazu kam, dass sich Kirchen mehr und mehr ihrer Verantwortung bewusst wurden und ihre Pflicht wahrnahmen, auf die weltweite Armut zu antworten. Die grosse Kampagne «10.10.10» am 10. Oktober 2010 verdeutlichte dies auf eine eindrückliche Art und Weise: 100 Millionen Christen auf der ganzen Welt beteiligten sich an diesem Tag mit Gebet und verschiedenen Aktionen. Das war wirklich überwältigend und zeigte, dass die Flamme, die wir den Kirchen durch «Micah Challenge» überreicht hatten, entfacht worden war.


Was war der Auslöser, dass sich die Kirchen mit eurem Anliegen identifizierten?
Das hat verschiedene Gründe. «Micah Network» hatte schon zum Voraus viele Kirchen mit dem Thema der «Integralen Mission» sensibilisiert und so gute Vorarbeit geleistet. Dazu ist in den letzten Jahren das Thema «Gerechtigkeit» Mode geworden. Die Kirche ist dieser Mode gefolgt. Bono, Bill Gates und Bill Clinton haben ihre Botschaft laut vernehmen lassen und damit Wirkung gezeigt. In den letzten Jahren bemerkte ich auch, dass Christen sich nicht mehr fragten «Sollten wir etwas tun?» sondern vielmehr: «Was können wir tun? Wie können wir es tun?» Leiter von Kirchen sehen heute mehr denn je, dass die Kirche gleichzeitig ein Ort der Anbetung und eine Vermittlerin der Gerechtigkeit sein sollte. Sie hat ein biblisches Mandat für Recht, Güte, Treue und Ehrfurcht, wie es im Buch Micha heisst. «Micah Challenge» sagt: Der Einsatz für mehr Gerechtigkeit ist nicht nur eine Möglichkeit, Gerechtigkeit ist Anbetung – und Anbetung umfasst Gerechtigkeit. Das hat die Kirche in hohem Masse beeinflusst.

 

Wie hat «Micah Challenge» Gott in den vergangenen Jahren erlebt?
Wir erlebten Gott im täglichen Leben. Wir erlebten ihn in der wachsenden Offenheit und der Antwort von Christen auf die Thematik der Armut. Insbesondere die aktuelle Kampagne EXPOSED3 zeigt uns, dass Gott uns befähigt, ganz unterschiedliche Organisationen und Bewegungen zu erreichen. Wir sind überzeugt, dass dies nicht nur auf unsere Fähigkeiten zurückzuführen ist, sondern auf Gottes Gnade, die uns sanft den Weg weist.

 

Wo steht «Micah Challenge» heute?
«Micah Challenge» beschäftigt sich momentan mit einer globalen Auswertung der letzten 13 Jahre. Wir schauen zurück, fragen uns, in welchem Mass wir die Kirchen informieren und mobilisieren konnten. Mit unseren beschränkten Ressourcen konnten wir viel erreichen; engagierte Kampagnen brachten unsere Agenda in die lokalen Kirchen. Und doch gibt es immer noch Spielraum nach oben und noch viel Arbeit, die getan werden muss. Im Oktober 2013 veröffentlichte die UNO den neusten Bericht zu den Fortschritten der MDGs. Er zeigte deutlich, dass zwar viele Erfolge verbucht werden konnten, die Weltgemeinschaft jedoch beim Erreichen einiger Ziele im Verzug ist4.

 

Die Ära der MDGs geht 2015 zu Ende. Wie geht es danach weiter?
Wie viele andere warten wir darauf, welche Empfehlungen die UNO zur Post-2015-Agenda geben wird, um dann unser Programm entsprechend anzupassen. Bis dahin läuft unsere Kampagne EXPOSED, welche das grösste Hindernis in der Armutsbekämpfung anspricht: die Korruption. Wir planen auch eine Auswertung in den Kirchen, ob die Versprechen, die wir den Armen gegeben haben, eingelöst werden konnten. Es wird Raum geben zum Danken und ebenso für die Bitte um Vergebung.
Was aus «Micah Challenge» nach 2015 wird, wissen wir nicht. Fakt aber ist, dass es einige starke nationale Kampagnen gibt, so in Deutschland, Holland, der Schweiz und einigen afrikanischen Ländern, welche bereit sind, weiterzumachen. Ob daraus wieder eine internationale Kampagne entsteht, eventuell sogar unter einem einheitlichen Namen, das wird sich zeigen.


1  «Jubilee 2000» ist eine internationale Bewegung, die den Schuldenerlass von Entwicklungsländern bis zum Jahr 2000 forderte.
2  «Micah Network» ist ein internationales Netzwerk von über 400 lokalen christlichen Hilfswerken v.a. aus dem globalen Süden.
3  EXPOSED ist eine Kampagne von «Micah Challenge» für mehr Transparenz im Welthandel: www.exposed.com
4  Z.B. Senkung der Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren und der Müttersterblichkeit.

(JBi) Joel Edwards ist Internationaler Direktor von «Micah Challenge», ehemaliger Direktor der britischen Evangelischen Allianz sowie Beauftragter der Menschenrechtskommission von Grossbritannien. Er ist verheiratet mit Carol, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.
www.micahchallenge.org 

 

Joséphine Billeter ist Primarlehrerin und Kommunikationsverantwortliche bei TearFund Schweiz.
josephine.billeter@STOP-SPAM.tearfund.ch

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