Beweggründe

Gott handeln lassen

Christa Bauer Christa Bauer ist bei TearFund zuständig für die Sensibilisierung. Bevor sie andere für nachhaltiges Handeln motivieren konnte, erlebte sie in einer intensiven Gottesbegegnung, wie sie selber von Gott und seinem Handeln bewegt wurde.

 

««Warum hast du mich verlassen?» Das war im Moment meine einzige Frage. Der Schmerz der Trennung von einem geliebten Menschen war wieder da, er traf mich in seiner ganzen Wucht. Ich wand mich und empfand nur noch diese Frage, eine Frage, die ich ins Leere hinausschrie.
Plötzlich nahm ich eine andere Stimme wahr. Da gab es noch jemanden, der rief: «Warum hast du mich verlassen? Mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Die beiden Stimmen vermischten sich. Das traf mich im Innersten meines Wesens: Jesus Christus schreit mit mir. Er schrie die gleichen Worte, als er am Kreuz hing. Er spürte den gleichen Schmerz. Er ist nicht nur mit mir in meiner Verzweiflung. Er hat die Verzweiflung selber erlebt, am eigenen Leibe, in seiner eigenen Seele. Dies war für mich ein Schlüsselerlebnis in meiner Beziehung zu Gott – und eine Hilfe auf dem Weg zur Heilung.

 

Gott dürstet – auch heute
Wenn Gott allmächtig und gut ist, warum gibt es dann Leiden und jegliche Form von Schmerz in einer Welt, die er erschaffen hat? Seit ich lesen kann, verschlinge ich Artikel zu diesem Thema. Und ich bin nicht die erste. Viele Menschen haben sich lange vor meiner Zeit mit dieser schwierigen Thematik auseinandergesetzt. Ich habe gemerkt, dass ich diese Frage weiter fassen muss: Warum lässt Gott zu, dass er selber leiden muss? Tut er das wirklich und wie leidet Gott?
Ich war schon früh beeindruckt von Mutter Teresa und ihrer Hingabe an Gott. Deshalb kaufte ich mir vor Jahren das Buch eines Reporters und eines Fotografen, die ihr Leben und Werk in Wort und Bild dokumentiert hatten. Die Bilder und Texte gingen mir unter die Haut. Beim
Lesen stiess ich auf den folgenden Hinweis: «Mich dürstet» – dieser Satz steht in allen Kapellen der Kongregation der Missionarinnen der Nächstenliebe, jeweils neben einem Kreuz.
«Mich dürstet!» Dieses Wort von Jesus am Kreuz traf mich in diesem Moment wie nie zuvor. Meine Gedanken überstürzten sich: Ich sah innerlich Bilder von Sterbenden, Kranken, verlassenen Kindern, Menschen in Not … und darüber standen immer wieder diese beiden Wörter: «Mich dürstet.» Berührt und bewegt legte ich das Buch zur Seite und griff nach meiner Bibel. Ich fühlte mich gedrängt, die Worte von Jesus in Matthäus 25,31-46 zu lesen: «Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen. Ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet. Ich war krank, und ihr habt mich gepflegt. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht … was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan ... . Und alles, was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder und Schwestern nicht getan habt, das habt ihr mir auch nicht getan.»
Für mich stand die Welt eine Weile still. Die Botschaft ist eindeutig: Gott leidet. Gott selbst. Er hungert und dürstet, ist nackt, heimatlos, krank und im Gefängnis. Gott ist nicht (nur) im Himmel. Er ist mitten im Leiden. Er grenzt sich nicht ab, sondern nimmt das Leiden jedes Einzelnen auf sich. Genau das hatte ich Jahre zuvor selber erlebt: Gott ist eins mit mir in meinem Schmerz. Gott ist jedem Menschen nahe. Er versteht uns, weil er selber gelitten hat.
Durch Jesus Christus kam Gott selbst auf die Welt. Er hatte eine Wohnadresse, einen Namen, eine Familie. Schon früh wurde er zum Flüchtling. Seine Familie floh mit ihm nach Ägypten, um sein Leben vor König Herodes zu schützen. Gott weiss also, wie es sich anfühlt, in der Fremde zu leben, gejagt und getrieben, als Ausländer, weit weg von der Heimat. Später erlernte Jesus einen Beruf, stellte sich den Anforderungen des Berufslebens. Er erlebte Freundschaften und Feindschaften, wurde geliebt und geehrt, aber auch in Frage gestellt und gemobbt. Als seine Feinde ihn beseitigen wollten, erlebte er Einsamkeit und innere Kämpfe, die ihn an den Rand seiner Kräfte brachten. In seinem Erleben war Jesus Mensch und Gott zugleich.
Und als seine Todesstunde kam, wurde Jesus entblösst. Er starb öffentlich einen qualvollen Tod. Dabei starb er nicht für seine Schuld, sondern für meine und unsere. Am Kreuz fühlte Jesus sich von seinem Vater verlassen. Vom Vater, den er von Ewigkeit her kannte und mit dem er eins war seit Beginn der Zeiten. Am Kreuz schrie er diesen unglaublichen Schmerz in die Welt hinaus.
Der indische Christ Sundar Singh1 beschreibt und kommentiert das Leben und das Geheimnis des Leidens aus der Sicht von Jesus so: «… ausserordentlich schmerzhaft und schwer muss ein Kreuz wie das meine gewesen sein, da ich, die Quelle der Heiligkeit, mehr als 33 Jahre hindurch fortwährend unter Menschen leben musste, die von der Sünde befleckt waren. Dies zu verstehen und recht zu würdigen, geht über die Kräfte des menschlichen Geistes hinaus 2… .»
Ja, warum lässt Gott zu, dass er selber leidet? Hier nur ein paar wenige Hinweise:

  • Sein ganzes Sein und Handeln ist geprägt von einer reinen, unbeschreiblichen Liebe zu uns Menschen.
  • Wir brauchen Erlösung – und sein Leben und Sterben     sind der Preis dafür3.
  • Wir brauchen in dunklen Momenten jemanden an unserer Seite, der auch Gottes Ferne erlebt hat. Wir brauchen einen Gott, der uns versteht.

Er litt, «auf dass wir Frieden hätten4». Sein Leiden macht uns fähig, selber Leiden auszuhalten, leidvolle Zeiten zu ertragen. Weil er gelitten hat und bis heute leidet, sind wir getragen und können seinen Frieden erleben, auch wenn die Lebensumstände schwierig sind.

 

Die Leidenden zuerst
Es berührt mich, in welchem Mass Gott einer von uns ist. Gott ist nicht fern und unbeteiligt. Er steigt hinein ins Leiden des einzelnen Menschen. Können wir das je verstehen? Vielleicht gelingt es uns, wenigstens so viel zu fassen: Gott versteht uns, weil er selber gelitten hat und bis heute leidet.
Vor vielen Jahren sah ich einen erschütternden Beitrag im Fernsehen. Mit versteckter Kamera zeigte eine Dokumentarsendung die Zustände in vielen Kinderheimen Rumäniens zur Zeit Ceaucescus: Kinder, im Bett angebunden, wegen Betreuermangel ohne Essen, menschliche Nähe, Fürsorge und Pflege. Die Bilder waren schockierend. Zur gleichen Zeit lernte ich ein Ehepaar kennen, das zwei Kinder aus einem dieser Heime Rumäniens adoptiert hatte. Ihre Adoptivkinder hätten während ihrer Zeit im Kinderheim mehrmals Jesus gesehen. Er sei in ihrem Schlafraum gewesen, sei von Bett zu Bett gegangen, habe mit jedem Kind gesprochen und jedes berührt. Nie vorher hatten sie von Jesus gehört, aber als Jesus ins Zimmer kam, wussten sie, wer er war.
Diese Geschichte werde ich nie vergessen. Sie zeugt von Gottes Herz. Es gilt bis heute: Gott verspürt einen brennenden Durst in dieser Welt. Er liebt Waisen, Witwen und Ausländer. Die Randständigen und Schwachen stehen bei ihm zuoberst auf der Dringlichkeitsliste. Die Liebe zu ihnen prägt sein ganzes Handeln.
Ja, Jesus ist der König, den wir sonntags in unseren Gottesdiensten preisen und erheben, er ist der Herr über alle Herren, der Sieger, dem alle Macht gegeben ist. Aber der Gott, den wir mit diesen Liedern loben, ist auch ein leidender Gott. Denken wir daran, wenn wir von ihm singen?

 

Gott zu trinken geben
«Mich dürstet.» Als ich bei der Lektüre dieses Buches die vielen Menschen mit ihren Bedürfnissen vor meinem inneren Auge sah, verstand ich zum ersten Mal, dass
Gott selber in ihrem Leiden mitleidet. In Millionen von Menschen ist es Jesus, der nackt, hungrig, einsam, missbraucht, verlassen und krank … ist. Und das heute und jetzt. Ich begann, Jesus überall zu sehen: in den Medien, auf der Strasse, in der Nachbarschaft. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen, zu ihm als einem Leidenden in dieser Welt. Ich nahm ein Jahr Urlaub, reiste nach Manila und dann nach Calcutta. Hier arbeitete ich unter den Ärmsten. Ich wollte «Gott sehen», sein Leben in dieser Welt berühren und mir Zeit nehmen, im Licht der gewonnenen Erkenntnis über den Sinn meines Lebens nachzudenken.
Nach diesem Jahr war klar: Ich wollte seinem Leiden begegnen und darauf eingehen. Bald nach meiner Rückkehr in die Schweiz lernte ich das christliche Hilfswerk TearFund Schweiz kennen. Dort arbeite ich nun seit dem Sommer 2000. TearFund setzt sich in Ländern des Südens für gefährdete Familien ein und arbeitet mit einheimischen christlichen Partnerorganisationen zusammen. Das entsprach dem, was ich suchte.
Wenn ich heute meine Arbeit tue, sehe ich nicht nur die von einem Projekt unterstützten Menschen vor mir, sondern ich sehe ihn – den leidenden Gott. Die Verbundenheit mit ihm ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich spüre seine Nähe, sehe ihn in den andern Menschen. Ich bin berührt von seiner Liebe zu allen, von seiner Nähe zu den Menschen und seiner Bereitschaft, dort zu wohnen, wo er seinen Kindern ganz nahe sein kann, wenn nötig auch mitten im Leid.

 

Hinsehen und handeln
Ich bin mit Spruchkarten aufgewachsen. Zu besonderen Ereignissen wie Geburtstag und Neujahr erhielt ich gut gemeinte «Kärtli» mit Verheissungen aus der Bibel. Ich selber gab auch solche Karten weiter. Jeder will doch, dass Gott «ihn immerdar führt» und seine «Seele sättigt in der Dürre»! Irgendwann fiel mir auf, dass diese Verheissungen eigentlich mit Aufforderungen an unseren Lebensstil verbunden sind. In Jesaja 58, wo die beiden erwähnten Verheissungen zu finden sind, lesen wir nämlich als Erstes einige Aufforderungen: «Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, gib frei, die du drängst, reiss weg allerlei Last. Wenn du einen nackt siehst, kleide ihn.» Diese Aufforderungen sind bis heute aktuell: Weltweit werden Menschen von ihren Arbeitgebern bedrängt. Natürlich will das niemand von uns. Und dennoch kaufen wir billige Kleider. Sie wurden von Menschen hergestellt, deren Arbeitskraft in den produzierenden Ländern ausgebeutet worden ist. Dadurch unterstützen wir ungerechtes Handeln. Jeremia fordert uns im Namen Gottes auf, es nicht zu tun. Er ermahnt uns, Ungerechtigkeit nicht geschehen zu lassen, sondern dagegen zu handeln. «Hinsehen – Handeln.» Diesen Appell enthält auch das Logo von TearFund. Erst im Licht der Aufforderungen von Jesaja können wir auch die Verheissungen vollständig erfassen, beides gehört unzertrennlich zusammen. Die Wurzeln der Verheissungen gründen in den Aufforderungen: «Dann … wird dich Gott immerdar führen, deine Seele sättigen in der Dürre … .»

 

Gott um seiner selbst lieben
Ich war es jahrelang gewohnt, Jesus zu bitten, dies und das für mich zu tun, diese und jene Menschen zu bewahren, zu segnen, zu heilen und die Lasten zu tragen. Nach der geschilderten Gottesbegegnung wurde mir bewusst, dass es auch möglich ist, das Bild umzudrehen: Ich stelle mich unter seine Last, nicht (mehr) umgekehrt. Ich trage bewusst mit, identifiziere mich mit seinem Leiden, spüre seinen Schmerz in dieser Welt und in meinem Gegenüber. Das fordert mich heute noch heraus. Ich stelle mir und uns die Frage: Schaffen wir es, für Jesus da zu sein, auch nach Gebeten ohne Erhörung, mitten in unveränderten Lebensumständen, in denen wir seine Nähe nicht spüren? Oder umschlingen wir Gott nur, weil er so viel für uns tut und weil es sich so gut anfühlt, ihm zu gehören? Werden wir Gott und sein Kreuz auch dann umschlingen, wenn er in unserem Gegenüber vor uns steht: wackelig, krank und dement; wenn uns seine Hautfarbe und seine Kleidung nicht vertraut sind? Werden wir Jesus in diesen Menschen umarmen und den langen Atem
haben, sein Kreuz zu tragen? Lieben wir ihn wegen
uns oder um seiner selbst willen? Es ist und bleibt
mein Wunsch, dass dies gelingt, und um diese Gnade bitte ich.


Christa Bauer vertieft den Inhalt dieses Artikels in einem Kurs vom
21.–25.4.14 im Campo Rasa im Centovalli TI; siehe beigelegter Prospekt «Ich war hungrig ... und ihr habt mich genährt».

 

1  Sadhu Sundar Singh (geb. 1888) ist ein Hindu, der nach langer Suche nach der Wahrheit durch eine persönliche Offenbarung von Jesus Christus zum Glauben an ihn fand.
2  Sadhu Sundar Singh. «Gesammelte Schriften». S. 56
3  Joh 3,16
4  Jes 53,5

 

Christa Bauer ist Bereichsleiterin «Sensibilisierung» bei TearFund Schweiz
christa.bauer@STOP-SPAM.tearfund.ch

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