Gelähmter Wille

Tun, was Gott will

Dorothea Gebauer Angesichts einer Katastrophe apokalyptischen Ausmasses sagte Benigno Aquino, Präsident und Initiant umwälzender Demokratisierungsprozesse auf den Philippinen, der Weltöffentlichkeit: «Zuerst mussten wir beten, dann handeln.»


Die Herausforderungen, denen sich Europa stellen muss, scheinen im Vergleich zu dem, was auf den Philippinen geschieht, wie «Peanuts» zu sein. Während es bei uns möglich ist, viel mehr als nur zu überleben, schränken wir bei Problemen die Handlungsspielräume sofort ein und geben dafür gerne unserer Herkunft, den Umständen oder Gott die Schuld. Wir lähmen uns, wo wir eigentlich handeln sollten.

 

Heidnische Lähmungen
Wenn man zum Beispiel das Verständnis von Führung reflektiert, das gelegentlich unter Christen grassiert, findet man geradezu «heidnische» Auffassungen, so Russell Hilliard, in der Schweiz tätiger Psychotherapeut und anglikanischer Priester. Da gelte es, Menschen zu helfen, von einer falschen Ohnmacht zur Eigenverantwortung zurückzufinden; nur so sei es möglich, mit den ureigenen Möglichkeiten Kraft einzusetzen. Es gelte, sich wieder einem Gott anzuvertrauen, der verlässlich und dem Menschen zugewandt ist und auf den man sich verlassen kann. Als heidnisch dagegen lässt sich laut Hilliard eine Vorstellung beschreiben, die sich der Willkür und den Launen eines willfährigen Gottes ausgesetzt sieht; somit versteht oder weiss man nicht, was zu tun ist, und man weiss sich nicht wirklich geborgen. Heidnisch sei dies auch deshalb, weil sich der Mensch in einer gekrümmten Haltung eingenistet habe. Er buckelt vor einem Gott, den er durch Unterwürfigkeit sanft stellen muss. Da zögert man eine Entscheidung hinaus oder wartet untätig, «weil der Herr noch nicht geredet hat». Das wirkt demütig, ist es aber nicht. Es ist bequem.
Anneliese Ille, seit 20 Jahren beratende, therapeutische Seelsorgerin im südbadischen Raum, kann Geschichten von Menschen erzählen, die sich – unbewusst und unverstanden – jahrelang in einer Opferhaltung verschanzen. Diese Haltung hat viele verschiedene Gesichter und kommt bisweilen sehr versteckt und sehr intelligent
daher und raubt den Menschen viel Lebensqualität.
Wer sich viele Jahre damit belogen und betrogen hat, er könne eh nichts tun und Gott dazu benutzt, der darf lernen, umzudenken und seine Opferfalle verlassen. Es lohne sich, so die Therapeutin.


Hoffnung statt Fatalismus
Opferdenken kann sich zum Fatalismus und dieser zur Depression auswachsen. Dr. Martin Grabe, Chefarzt der Klinik Hohe Mark, die auch von Christen aufgesucht wird, bestätigt eine fatalistische Haltung vieler seiner
Patienten. Fatalismus sei in der klinischen Arbeit ein weitverbreitetes Thema. «Ein Betroffener verliert seine Hoffnung, meint, dass ja sowieso klar sei, dass es keine guten Aussichten und Möglichkeiten mehr für ihn und seine Familie gibt und glaubt nicht mehr daran, dass irgendwelche Bemühungen von Erfolg gekrönt sein können», so Grabe. Es seien Menschen, die in der Regel viele sehr negative Erfahrungen in ihrem Leben machen mussten und darüber verbittert sind. Manchmal bedeute es einen richtigen kleinen inneren Kampf, bis ein notorischer Pessimist zugibt, dass ihm dies und das in den letzten Wochen doch Freude gemacht habe und er sich eigentlich «einigermassen okay» fühle. Letztlich sei es immer eine Kombination aus positiven Beziehungserfah-
rungen mit andern Mitmenschen, die dem Betroffenen neue Möglichkeiten eröffnen und Vergebungsprozesse, die er selbst einleitet. Aus fatalistischem Verzicht werde dann wieder Hoffnung.

 

Handeln, ohne getrieben zu sein
Dabei geht es nicht darum, einem blinden Aktivismus das Wort zu reden, gemäss dem Motto: «Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.» Oder einer «Macheritis» zu huldigen, mit der man auf der anderen Seite vom Pferd fällt. Thomas Bucher, der viele Jahre leitend für Operation Mobilisation (OM) tätig war und nun als europäischer Leiter der Evangelischen Allianz arbeitet, ist es ein Anliegen, dass die Menschen nicht einfach etwas machen, weil das schön ist, sondern dass sie aus einer grossen Stille heraus handeln. Er sagt: «Mir scheint, dass Menschen in Leitungspositionen im Berufsumfeld heute von zwei Seiten sehr unter Druck sind: Sie sollen arbeitsmässig viel bringen und gleichzeitig sollen sie auch auf allen Informations- und Kommunikationskanälen präsent sein. Wer deshalb nicht bis zuinnerst Klarheit hat, was er geben will und kann, wird zum Getriebenen. Klarheit erhält nur, wer sich Oasen der Stille und auch Oasen für konzentriertes Arbeiten freihält. Es ist Gnade und Weisheit, wenn es gelingt, rechtzeitig hinzuschauen und zu merken, wo sich etwas im grösseren Stil verändert und welcher Handlungsbedarf angesagt ist.»

 

Heilung des Willens
Wie finden Menschen aus biografisch bedingter Lähmung zurück in ein solches Handeln? Wie ermächtigen wir einander, kraftvoll das zu tun, was Gott uns aufträgt? Es sind ja nicht nur die neuen Haltungen, sondern auch die Werke, die für einen Jünger Jesu zählen. Zentral ist unser Verständnis des menschlichen Willens. Simpel und doch wirkungsvoll ist der Rat, den Rolf Lindenmann, Coach für Führungskräfte, in Seminaren weitergibt. Er fordert dazu auf, Gott zu bitten, unseren Willen zu stärken. Wie soll Gott auf Augenhöhe mit jemandem sein Reich bauen, der keinen Willen hat? Die Autorin und Seelsorgerin Leanne Payne ermutigt dazu, um die Heilung des Willens zu beten und um dessen Befreiung von Abhängigkeiten. Sie schlägt vor, mit Gott über Bilder des Gekrümmtseins zu sprechen, über die eigenen Götzen, die Abhängigkeiten und die Formen des Narzissmus. Sie formuliert dazu ein Gebet:
«Zeige mir alle Stellen, wo ich zur Kreatur verkrümmt bin, o Herr, offenbare jede götzenanbeterische und neurotische Abhängigkeit von Personen oder Dingen, zeige mir all die Bereiche und Punkte, an denen ich vom Geschaffenen die Identität fordere, die ich nur von dir, meinem Schöpfer, bekommen kann. Bitte komm auf mich herab, auf mich, göttlicher, männlicher, ewiger Wille, komme herab und in mich hinein, strahle durch mich hindurch. Herr, befiehl, was du willst und dann geschehe, was du befiehlst. Ich danke dir, Herr, dass mein schwacher, unzureichender Wille jetzt eins ist mit deinem. Danke Herr, dass dein ganzmachendes, heilendes Wirken in mir begonnen hat und dass es in dieser und der kommenden Welt fortgesetzt werden wird.»
Kann es sein, dass die Edelmütigen unter uns zwar nicht vom Götzen Mammon abhängig, aber von der Sucht getrieben sind, alles zu tun, um Menschen zu gefallen? Henri Nouwen warnt: «Im Laufe der Jahre sind wir zu dem Denken gekommen, dass unsere oberste Berufung darin besteht, für die Menschen in allen ihren Nöten
dazusein, für sie präsent zu sein. Die Bibel sieht das nicht so. Jesu Anliegen war es, seinem Vater zu gehorchen, ständig in seiner Gegenwart zu leben. Erst dann wurde ihm ganz klar, worin seine Aufgabe in den jeweiligen Beziehungen zu den Menschen bestand.»

 

Ein Weg, der von Kreativität und Glück überfliesst
«Ich bin sein Geschöpf und alle seine Gebote sind Freude.» Das ist der rote Faden in C.S. Lewis fiktiver Erzählung «Perelandra». Simone Pacot, lange Zeit Anwältin in Paris und dann Psychiaterin, behauptet in vielen ihrer Publikationen, dass der Weg der Identitätsverankerung in Gott glücklich mache. Nur wenn ich mich bei Gott verankere, übernehme ich auf eine gesunde Art Verantwortung für mich selbst und damit auch für die Welt. «Seinen wirklichen Platz und zuerst seinen inneren Stand als Geschöpf, als Sohn und Tochter Gottes zu finden, ist eine Freude, ein lebensspendender Akt, eine wunderbare Quelle des Friedens. Jeder, der sich an seinem richtigen inneren Platz befindet, wird dazu geführt, seine besondere Aufgabe zu entdecken, das ihm Zugemessene zu entfalten. Sein besonderes Mass an Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten, bis ans Ende der Grenzen, seiner eigenen Grenzen zu gehen, nicht weniger weit und nicht weiter, ohne Nachlässigkeit noch Faulheit, noch ängstliche Zurückhaltung, aber auch ohne sich aufzublasen, ohne seine menschliche Wirklichkeit zu verleugnen, ist ein Weg, der von Kreativität und Glück überfliesst.»

 

Quellen:
Leanne Payne: «Heilende Gegenwart. Heilung des Zerbrochenen durch Gottes Liebe»
Simone Pacot: «Steh auf und lebe! Leben aus der Kraft des Evangeliums»
C.S. Lewis: «Perelandra»
Henri Nouwen: «The living reminder»

Martin Grabe: «Wege aus der Trauer»

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