Entwicklungszusammenarbeit

Wie Partnerschaft zu neuem Handeln führt

Ulrich Bachmann und Sibylle Weber Das Sprichwort ist weitherum bekannt: «Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt. Lehre ihn fischen und er wird nie wieder hungern.» Diese Aussage beschreibt den Wandel von der Entwicklungshilfe als Almosenverteilung zur Entwicklungszusammenarbeit der vergangenen Jahrzehnte, die stark auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen ausgerichtet war. Heute sucht man nochmals neue Wege in der internationalen Zusammenarbeit, die im Idealfall zwischen gleichwertigen Partnern geschieht. Sie anerkennt die beteiligten Menschen aus der Zielgruppe als wichtigste Akteure und stellt deren Rechte ins Zentrum. In diesem Sinne müsste man das obige Sprichwort so umformulieren: «Schaffe ein Umfeld, in dem der Hungernde sein Wissen über das Fischen vertiefen und umsetzen kann.»

 

Kritiker der Entwicklungszusammenarbeit führen häufig Negativbeispiele an, bei denen mit grossen Summen aus Industriestaaten in einem Land des Südens ein Infrastrukturprojekt wie z.B. Pumpbrunnen realisiert wurde. Nach getaner Arbeit wurden die Pumpbrunnen der Bevölkerung überlassen. Einige Jahre später musste man feststellen, dass der Pumpmechanismus mangels Wartung defekt war und die Frauen aus dem Dorf wie in alten Zeiten schmutziges Flusswasser in ihre Häuser trugen.

 

Lokal handeln
Viele westliche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben ihren Wirkungskreis im globalen Süden. Als Organisation sind sie aber weit weg von den beteiligten Menschen – sowohl geographisch als auch kulturell. In der klassischen Entwicklungshilfe wurde dieser Graben allzu oft zu einer Fallgrube. Viele Initiativen scheiterten – und scheitern noch – am mangelnden Einbezug der Bevölkerung: Die Bedürfnisse und Prioritäten der Menschen vor Ort wurden oft zu wenig berücksichtigt und sie konnten den Entwicklungsprozess nicht selber steuern. Im Wirkungsmodell, das beispielsweise TearFund heute verfolgt, ist der Fokus anders ausgerichtet. War er früher fast gänzlich auf die Projekte gerichtet, hat heute die Befähigung der lokalen Partner einen gleich hohen Stellenwert wie das Projekt an sich. Überhaupt sind die lokalen Partner ein Schlüssel zu erfolgreichen Projekten, denn sie sind nahe bei den Menschen. So können lokale Besonderheiten, Chancen und Gefahren besser erkannt werden.


Ein Wasserprojekt, das nicht untergeht
Ein Beispiel für einen guten Umgang mit Schwierigkeiten ist die Wasserversorgung im ugandischen Dorf Kacereere. Sie wurde vor rund 22 Jahren durch die Dorfbevölkerung und die ugandische NGO der lokalen Kirche (KDWSP) aufgebaut. Dabei wurde Wasser an der Quelle gefasst und über ein Leitungssystem in die umliegenden Dörfer verteilt. Für den Unterhalt wurde eine lokale Gruppe von Menschen ausgebildet, die auch die Nutzungsrechte regelte.
Die Wasserversorgung funktionierte, bis im März 2011 heftige Regenfälle die Leitungen wegspülten. Die rund 6600 Bewohner der Gegend wurden zurückgeworfen in frühere Zeiten. Im Gegensatz zum ersten Beispiel mit den Pumpbrunnen wusste die Bevölkerung diesmal, wie sie reagieren musste. Unterstützt durch die lokale Partnerorganisation begannen die Menschen rasch und professionell mit dem Wiederaufbau. Zusätzlich wurde sorgfältig analysiert, warum es zur Beschädigung des Systems gekommen war: Hauptursache war die starke Rodung der Berghänge, ein Nebenproblem die ungenügende Wartung. In Zusammenarbeit mit lokalen Behörden informierte KDWSP die Bevölkerung. «Sie erklärten uns, wie früher der Wald dafür sorgte, dass das Regenwasser den Boden nicht wegschwemmt, sondern langsam versickert und zu Quellwasser werden kann», erzählte uns Hilda, eine Mutter aus Kacereere. «In den letzten Jahren wurden aber auch die oberen Bergregionen gerodet und zu Feldern gemacht, weil immer mehr Menschen hier
leben. Dadurch haben wir weniger Quellwasser, und
bei starkem Regen drohen gefährliche Schlammlawinen. Dagegen müssen wir etwas unternehmen.»
Gemeinsam beschloss deshalb die Bevölkerung die Wiederaufforstung des Gebietes und das Anlegen von Gräben gegen die Erosion. Einfach war dies nicht, denn einige Familien mussten dafür Land zur Verfügung stellen. Zudem wurde immer wieder zu Arbeitseinsätzen für den Neubau des Fassungssystems aufgerufen. Die Gemeinschaft vor Ort meisterte aber diese und andere Schwierigkeiten. Heute können die Mütter wieder aus verschiedenen Brunnen im Dorf gesundes Trinkwasser beziehen. Man hat aus Fehlern gelernt und das Problem zum Anlass für nachhaltige Verbesserungen genommen. Dabei konnte KDWSP ihre Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten 20 Jahre anwenden. Die Anwohner wurden im ganzen Prozess in die Verantwortung einbezogen und heute ist die Wasserversorgung ihr Projekt, zu dem sie Sorge tragen wollen. Ein Beispiel für eine fruchtbare Zusammenarbeit.

 

Zusammenarbeit auf Augenhöhe
Der Begriff «Zusammenarbeit» meint, dass verschiedene Akteure gemeinsam etwas erarbeiten. Ein Idealtypus der modernen internationalen Zusammenarbeit ist das Partnerschaftsmodell. Dabei begegnen sich ausführende und unterstützende Organisationen auf Augenhöhe, als Partner mit gleichen Rechten. Das «Micah Network1» definiert dieses Modell wie folgt: «Wir definieren Partnerschaft als gegenseitig bereichernde Beziehung zwischen zwei oder mehreren selbstständigen Institutionen, die eine gemeinsame Vision teilen und auf ein gemeinsames Ziel hin-
arbeiten.»
Als Experten sind die (meist lokalen) Mitarbeitenden der ausführenden Organisation dafür verantwortlich, die Projekte im Dialog mit der Bevölkerung zu planen und umzusetzen. Die Verantwortlichen der unterstützenden Organisationen arbeiten als Coaches: Sie stellen Fragen, vernetzen die Beteiligten, sind Ansprechpersonen und bieten technische und finanzielle Unterstützung. Das gemeinsame Lernen ist von grosser Bedeutung, auch zwischen den verschiedenen ausführenden Organisationen. Die Umsetzung ist allerdings nicht einfach; sie erfordert ein Umdenken auf beiden Seiten. Immer wieder ist man versucht, in das alte Muster von «Wer zahlt, befiehlt» abzugleiten. Auch für lokale Fachleute kann es schwierig sein, sich gegen Geldgeber durchzusetzen. Die Gestaltungsrolle muss aber klar bei den Umsetzungspartnern und den beteiligten Menschen liegen. Gerade christliche Organisationen sollten hier einen geschwisterlichen, würdevollen Umgang auf Augenhöhe anstreben, um gemeinsam Gottes Auftrag in der integralen Mission zu erfüllen.

 

Das Umfeld als Risiko und Chance
Wie sich eine Partnerschaft entwickelt, liegt weitgehend in den Händen der Partner. Auf die Projekte selber hat jedoch auch das Umfeld einen grossen Einfluss. Das Vorhandensein und der Zustand von staatlichen Strukturen sowie die politische Lage vor Ort entscheiden über die Planbarkeit der Projekte und die Sicherheitssituation. In Dorfgemeinschaften spielt auch die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung eine wichtige Rolle. Auf Fami-
lienebene schliesslich bestimmen Kultur und Vergangenheit das Verhalten und die Werte der einzelnen Menschen.
Projekte in einem fragilen Umfeld sind gefährdet. Gerade hier sind die Menschen besonders auf das Mittragen von aussen angewiesen. Südsudan ist ein junger Staat, der noch kaum tragende Strukturen vorweisen kann. Es fehlt an einer stabilen politischen Lage. Gerade deshalb können mit gezielten Projekten zur Befähigung und Stärkung der Menschen vor Ort grosse Erfolge erzielt werden. Leider ist gleichzeitig die Gefahr gross, dass die Erfolge teilweise wieder im Sand verlaufen.
Eine solche Situation trat im Frühjahr 2013 ein, als im
Pibor County-Rebellen die Ortschaft Boma und die um-
liegenden Dörfer einnahmen. Infolge der anschliessenden Rückeroberung durch die Armee flohen rund 40’000 Menschen – praktisch die gesamte Bevölkerung der Region. Die jahrelange Aufbauarbeit scheint nun teilweise verloren zu sein. Dennoch lohnt sich der Einsatz auch in solchen Situationen, schliesslich soll in erster Linie in Menschen und nicht in Strukturen investiert werden. Ein Wiederaufbau gelingt rascher und besser, wenn die Menschen schon vorher aktiv beteiligt waren. Es kann aber der Moment kommen, wo vorübergehend keine langfristigen Ziele mehr aktiv verfolgt werden können, sondern humanitäre Hilfe (Nothilfe) angezeigt ist – so zurzeit auch in Boma.

 

Gegenseitige Kontrolle
Es ist eine Tatsache, dass die finanziellen Ressourcen weltweit sehr ungleich verteilt sind. Daher treten westliche Organisatoren oft als Geldgeber auf. Sie tragen auch eine Verantwortung gegenüber den Spendern – seien das staatliche bzw. zivilgesellschaftliche Institutionen oder auch Privatspender. Dies kann dem Geldgeber die Rolle des Kontrolleurs zuweisen, was einer echten Partnerschaft im Wege steht. Die Transparenz- und Rechenschaftspflicht ist gegenseitig. Nur muss dies in der Praxis noch verstärkt umgesetzt werden, beispielsweise dadurch, dass die Leistungen der Projektverantwortlichen auch durch die Partner in den Projekten beurteilt werden.

 

Die grösseren Zusammenhänge
Ein perfektes Projektdesign und eine gleichwertige Partnerschaft aller Beteiligten garantieren noch nicht den Projekterfolg. Auf globaler Ebene wird die Entwicklung immer wieder durch unfaire Systeme geschmälert. Wir können einem Menschen helfen, seine Kenntnisse in der Fischerei zu vertiefen, um das Bild vom Anfang nochmals aufzugreifen. Solange er in einem Holzboot unterwegs ist und von einem industriellen Fischkutter verdrängt wird, kann die Verteilung der Fische aber nicht annähernd fair sein.
Hier tut eine Systemveränderung not. Künftig darf in der Zusammenarbeit nicht nur nach den Bedürfnissen der Menschen gefragt werden, sondern auch danach, ob ihre Rechte und Möglichkeiten durch das politische und wirtschaftliche System beschnitten werden. Das letztliche Ziel der internationalen Zusammenarbeit muss eine Systemveränderung, hin zu mehr Fairness und Chancengleichheit sein und das Realisieren der Rechte aller beteiligten Menschen2.

 

Selber anpacken hilft
Aufgrund unserer Erfahrungen sind wir überzeugt: Wenn der Bevölkerung die Verantwortung übergeben wird und die Menschen ihre Entwicklung selber steuern können, entsteht Eigeninitiative. Diese Wirkung ist ein wichtiges Ziel der Zusammenarbeit. Wenn ein Projekt über die lokalen Strukturen (lokale NGOs, Dorfgemeinschaften, Kirchen) läuft und eine spürbare Auswirkung auf einzelne Menschen zeigt, beginnen viele von ihnen, sich zu engagieren. Dies kann zu einer Transformation – einer allmählichen Umwandlung – führen: Die Menschen gewinnen an Selbstbewusstsein und bringen auf Gemeindeebene und politisch ihre Ansichten und Fähigkeiten ein. So werden sie vor Ort und ihre Partner im Norden Teil der Systemveränderung. Unterstützende Organisationen der internationalen Zusammenarbeit müssen darauf hinarbeiten, dass es sie eines Tages nicht mehr braucht. ◗

1  Das Micah Network ist ein internationales Netzwerk von über 500 lokalen christlichen Hilfswerken v.a. aus dem globalen Süden.
2  Siehe auch den Beitrag von Markus Meury auf Seite 20ff.


Ulrich Bachmann ist Bereichsleiter für internationale Programme bei TearFund Schweiz.
ulrich.bachmann@STOP-SPAM.tearfund.ch

 

Sibylle Weber ist Kommunikationsverantwortliche bei TearFund Schweiz.
sibylle.weber@STOP-SPAM.tearfund.ch

 

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