Ganzheitliches Handeln

Zinzendorf als ganzheitlicher Missionar

Peter Zimmerling Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) gehört zu den bemerkenswertesten Vertretern des frühen Pietismus. Er war Dichter, Denker, Gemeindegründer, Dorfentwickler, Prediger, Politiker, Missionar und vieles mehr in Person. Von ihm können wir bis heute lernen, was ganzheitliches Handeln heisst.


Zinzendorf hat nie Theologie studiert, er war von Haus aus Laie. Allerdings eignete er sich während seines Jurastudiums in Wittenberg eine gediegene theologische Bildung an. Als Laie war er ein theologischer Querdenker, der die brennenden Fragestellungen seiner Zeit aufgriff und häufig auf unkonventionelle Weise beantwortete.
Vor allem auf zwei Gebieten hält sein Denken und Handeln bis heute Impulse bereit. Als prägende Gestalt der Herrnhuter Brüdergemeine gelang es ihm, motiviert durch die Herausforderungen einer wachsenden christlichen Gemeinschaft und inspiriert von den biblischen Aussagen, ein christlich geprägtes Gemeinwesen zu schaffen, zu dem am Ende seines Lebens Ansiedlungen auf allen damals bekannten Kontinenten gehörten. Damit unmittelbar verbunden war der Aufbruch der Herrnhuter zu weltweiter Missionstätigkeit. Das Beispiel Zinzendorfs zeigt, dass der christliche Glaube zur Sorge sowohl für den nahen als auch für den fernen Nächsten führt.


Die Entdeckung des nahen Nächsten: Auf dem Weg zur diakonischen Gemeinde
Zinzendorf gelang es, die Diakonie – den Dienst am Nächsten – als Lebensäusserung der christlichen Gemeinde zu etablieren. Früh entstand in Herrnhut eine Armen- oder Unterstützungskasse. Wahrscheinlich hat der kommunale Haushalt der Ansiedlung sogar in dieser Form begonnen. Wöchentlich wurde anfangs von sogenannten Almosenpflegern und -pflegerinnen ausgeteilt, was die Gemeinde für die Armen zusammengelegt hatte. Neben der Armenunterstützung – einer Vorläuferin der modernen Sozialhilfe – gab es eine geregelte Krankenpflege. Bereits die «Statuten», die 1727 angenommene Herrnhuter Gemeindeverfassung, sprechen von Krankenpflegern und -pflegerinnen. In der Herrnhuter Krankenfürsorge wurde die moderne Sozialstation vorweggenommen, ja sogar noch übertroffen, weil sich die Krankenpfleger und -pflegerinnen in der Herrnhuter Brü-
dergemeine ausser um das körperliche, auch um das geistliche Befinden der Besuchten kümmerten. Beispielhaft ist die Bestimmung über die psychisch Kranken. Sie zeigt das Bemühen, niemanden zum diakonischen Hilfsobjekt zu degradieren und damit aus der Gemeinschaft auszuschliessen. «Sollte jemand durchs Verhängnis Gottes und eigene Schuld in Wahnsinn verfallen, soll an ihm Gottes Barmherzigkeit bewiesen, und er sehr freundlich getragen, den Verständigsten untergeben, von ihnen nach Leibe und Seel gepflegt, im übrigen aber davon nicht geredet, und so er wieder zurecht kommt, vom vorigen nicht gesprochen werden.»
Zwei Merkmale lassen die Diakonie der Brüdergemeine bis heute attraktiv erscheinen: Zum einen musste sie nur in Ausnahmefällen an professionelle Kräfte übertragen und aus dem Gemeindeleben ausgelagert werden. Die Gemeindeglieder bildeten untereinander ein diakonisches Auffangnetz, das tragfähig genug war, um Schwache und Hilfsbedürftige aufzufangen. Die Bereitschaft, diakonische Ämter ehrenamtlich zu übernehmen, machte eine professionelle Anstaltsdiakonie mehr oder weniger überflüssig. Zum anderen prägten Freude und Dankbarkeit über die in Jesus Christus erfahrene Erlösung, nicht aber ein moralischer Imperativ, die Fürsorge. Die Erweckung von 1727 hatte die Brüdergemeine in eine Vereinigung von Christen verwandelt, die sich aus Liebe der Not ihrer Mitmenschen annahmen: Nirgends hat man den Eindruck, dass diakonische Hilfe instrumentalisiert wurde, etwa um Notleidende zu bekehren.
Das Beispiel Herrnhuts zeigt, dass die diakonische Ausrichtung der «normalen» Gemeinde auch angesichts
einer funktionierenden Anstaltsdiakonie unverzicht-
bar bleibt. Das ist auch für die heutige gesellschaftliche Situation hoch aktuell. Angesichts knapper werdender Mittel des Sozialstaats wird das diakonische Engagement von Christen in Zukunft sogar noch wichtiger werden.

 

Die Entdeckung des fernen Nächsten: Aufbruch zu weltweiter Missionstätigkeit
Viele Menschen verbinden mit dem Begriff Mission die Vorstellung von Kreuzzügen, Zwangsbekehrungen und der Zerstörung einheimischer Kulturen. Dass es diese Fehlentwicklungen gab, ist nicht zu bestreiten. Der Blick auf Zinzendorfs missionarisches Engagement zeigt jedoch, dass es auch andere Formen von Mission gegeben hat. Anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten des neuen dänischen Königs, mit dem Zinzendorf verschwägert war, reiste der Graf 1731 nach Kopenhagen. Von dort brachte er einen schwarzen Sklaven namens Anton aus St. Thomas in Westindien1, der Christ geworden war, nach Herrnhut mit. Dieser berichtete der Gemeinde von seinen Mitsklaven. Die Betroffenheit war gross, dass Menschen in solchem Elend lebten und noch nichts von der Liebe Gottes gehört hatten. Spontan meldeten sich zwei Freiwillige, der fränkische Töpfer Leonhard Dober und sein Nachbar, der mährische Zimmermann David Nischmann, – sie waren bereit, als Missionare nach
St. Thomas zu gehen. Nach über einem Jahr Bedenkzeit, die der Graf ihnen auferlegt hatte, segelten die beiden ersten Missionare der Brüdergemeine ohne besondere Ausrüstung2 und Ausbildung auf einem holländischen Schiff über den Ozean. Am Hof zu Kopenhagen lästerte und lachte man über diese unsinnige Idee.
In den folgenden Jahren begannen Herrnhuter Missionare und Missionarinnen in einem geradezu atemberaubenden Tempo mit der Missionsarbeit auf allen damals bekannten Kontinenten. Die universale Ausdehnung der Brüdermission war nur möglich durch die fast unerschöpfliche Fülle von zur Verfügung stehenden Mitarbeitenden. 1742 hielt Zinzendorf zur Reichweite der «missio Christi» – der Sendung Jesu Christi – fest: «Es ist also des Heilands sein Predigtstuhl, sein Lehrstuhl, soweit und gross als die ganze Welt. Es ist kein Mensch, keine Nation, keine Religion, kein Verderben mehr in der Welt, das seinem Feuer widerstehen könnte, sondern die Funken fahren herum und sie fangen allenthalben.»
Das missionarische Engagement stellt bis heute die Nagelprobe der christlichen Verkündigung dar. Fehlt das missionarische Engagement, ist es mit der Selbstgewissheit und Überzeugungskraft der christlichen Gemeinde nicht gut bestellt. Trägt das missionarische Engagement jedoch imperialistische Züge, verrät es das Evangelium von der Liebe Gottes. Zinzendorf gelang es, in seiner Missionstheologie beide Gefahren zu vermeiden. Er erkannte, dass Toleranz und Mission die gleiche Wurzel haben, nämlich das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz. Weil Gottes Sohn wehrlos am Kreuz gestorben ist, muss missionarische Verkündigung in einem Raum der Freiheit erfolgen. «Er (Christus) wollte gerne die Kreaturen ohne Zwang und ohne ihnen die geringste Gewalt anzutun, zum direkten Gegenteil machen von dem, was sie sind.» Die Herrnhuter Missionare und Missionarinnen waren politisch unabhängig. Zeitweise wurden sie von den kolonialen Machthabern beargwöhnt und verfolgt. Überdies wandten sie sich nur an Völkerschaften, «an die sich sonst niemand machen würde», also an die Vergessenen, Entrechteten und Verfolgten. Bei diesen winkten keine wirtschaftlichen Gewinne! Die Herrnhuter waren ergriffen von der überwältigenden Liebe Gottes. Sie konnten gar nicht anders, als Menschen von dieser Erfahrung weiterzuerzählen.
Es soll nicht verschwiegen werden, dass auch die Herrnhuter Missionare Fehler begangen haben. Sie blieben nicht frei davon, die Einheimischen mit der «Herrnhuter Elle» zu messen. Trotzdem wurden sie von Menschen aller Rassen geliebt, wie das die Missionare keiner anderen Gemeinde so wieder erfahren haben. Durch den Glauben an Jesus Christus wurden sich schwarze Sklaven, unterdrückte Indianer und verachtete Esten und Letten ihrer menschlichen Würde bewusst. Indem unter ihnen christliche Gemeinden entstanden, trug die Herrnhuter Mission indirekt zur Veränderung der gesellschaftlichen Zustände bei. Es wurde eine Bruderschaft praktiziert, die alle umfasste: Menschen mit weisser, schwarzer und roter Hautfarbe. Dabei blieb Mission keine Einbahnstrasse. «Erstlinge», die aus den einzelnen Völkern zuerst Getauften, reisten von den Missionsfeldern nach Europa und wirkten hier am Gemeindeleben mit.
Zinzendorf hat Massstäbe des Christlichen gesetzt, die bis heute nicht überboten worden sind. Dieses Erbe gilt es neu zu entdecken und im Ringen um die Gestalt des Christentums im 3. Jahrtausend zu Gehör zu bringen.

 

Weiterführende Literatur:
Zimmerling, Peter. «Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine. Geschichte, Theologie und Spiritualität.» Holzgerlingen, 1999.
Hahn, Hans-Christoph/Reichel, Hellmut (Hg.). «Zinzendorf und die Herrnhuter Brüder. Quellen zur Geschichte der Brüder-Unität von 1722–1760.» Hamburg, 1977.
Beck, Hartmut. «Brüder in vielen Völkern.» Erlangen, 1981.
Bintz, Helmut (Hg.). «Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Texte zur Mission.» Hamburg, 1979.
Zimmerling, Peter. «Ein Leben für die Kirche. Zinzendorf als Praktischer Theologe.» Göttingen, 2010


1  St. Thomas und andere westindische Inseln gehörten damals zu Dänemark, so dass ein reger Austausch zwischen dem Mutterland und den Kolonien stattfand.
2  Ihr Barvermögen betrug 6 Taler und 2 Dukaten.


Prof. Peter Zimmerling (Jg. 1958) studierte Theologie in Tübingen und Erlangen und war 1989–1993 Pfarrer der Kommunität «Offensive Junger Christen» auf Schloss Reichenberg; Promotion 1990, Habilitation 1999, Privatdozent Universität Heidelberg; 2003–2005 Hochschuldozent Universität Mannheim; 2005 Prof. für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Seelsorge Universität Leipzig; seit 2009 Domherr zu Meissen; 2009–2013 Studiendekan; 2012 Erster Universitätsprediger.

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