Gesellschaft

Handel und Handeln in Osttimor

Alex Nussbaumer Was kann uns die Situation von Osttimor über gerechtes Handeln lehren? Der Autor sah sich vor Ort um und machte sich darüber seine Gedanken.

 

Wie man überhaupt nach Osttimor kommt, werden Sie fragen. Ganz einfach: Zuerst fliegt man nach Singapur und von dort aus nach Dili, der Hauptstadt Osttimors. Beide Flugzeuge waren auf unserer Reise voll besetzt. Wir, das waren meine Frau und ich. Wir besuchten unsere Tochter und ihren Mann, welche auf der Insel einen einjährigen Einsatz leisteten.
Trotz der Naturschönheiten lohnt sich ein Besuch aus touristischer Sicht kaum. Die Infrastruktur der Insel liegt darnieder. Die wenigen Hotels bieten einen schlechten Service und sind dennoch teuer. Die Strassen gleichen besseren Wanderwegen. Eine Abfallentsorgung gibt es nicht. Der Abfall landet irgendwo in der Natur.
Sich auf Osttimor zu orientieren, ist nicht einfach. Die Strassen tragen keine Namen, die Häuser keine Nummern. Es gibt keine Postzustellung. Die Hauptstadt Dili ist etwa gleich gross wie Winterthur. Wer Post erwartet, geht ins einzige Postbüro der Stadt. Dort liegt eine Liste mit den Posteingängen auf. Sie ist aber weder chronologisch noch alphabetisch geordnet und auch nicht vollständig. Eine Einwohnerkon-trolle gibt es nicht. Steuern müssen nur von Firmen bezahlt werden.
Die Teilung der Insel Timor in Ost- und Westtimor haben die Kolonialmächte Portugal und Holland zu verantworten. Westtimor wurde 1949 von Holland unabhängig und gehörte in der Folge zu Indonesien. Osttimor wurde im November 1975 von Portugal in die Unabhängigkeit entlassen und zehn Tage später von Indonesien überfallen. Nach einem langen, mit äusserster Brutalität geführten Unabhängigkeitskrieg wurde das Land durch ein Referendum 1999 unabhängig. Die Indonesier hinterliessen eine verbrannte Erde und traumatisierte Überlebende. In Osttimor mangelt es seither an allem, ausser an Kindern. Die Bevölkerung ist offiziell zu 90% römisch-katholisch. Unter der Oberfläche lebt der Animismus weiter.
In einem Quartier von Dili wirkten unsere Tochter und unser Schwiegersohn mit den Langzeitmitarbeitern des WEC (Weltweiter Einsatz für Christus) zusammen in einem Kinderprogramm mit. Beide lernten die Lokalsprache Tetum, um mit den Kindern arbeiten zu können. Wir erlebten einen Kindernachmittag, an dem die Kinder der biblischen Geschichte gebannt zuhörten und konzentriert beim Zeichnen und Spielen mitmachten.

 

Der Handel in Osttimor
Im Meer zwischen Osttimor und Australien wird heute Öl gefördert. Das Ölgeld ist die einzig sichere und stetig fliessende Einnahmequelle Ost-
timors, versickert aber zum grossen Teil in undurchsichtigen Kanälen.
Timor exportierte früher Honig, Sklaven und Bienenwachs für die
Batikfärberei auf Java. Timoresisches Sandelholz wurde bereits im 10. Jahrhundert nach China und Indien transportiert. Doch der Handel wurde wegen Übernutzung ab dem 18. Jahrhundert unrentabel.
Im 19. Jahrhundert wurde Kaffee zum Hauptexportgut Osttimors. Doch die Überflutung des Kaffeemarktes durch Brasilien liess die Preise einbrechen. 1854 wurde die Sklaverei offiziell verboten, aber es dauerte lange, bis sich das Verbot bei den einheimischen Herren durchsetzte. De facto blieb die Sklavenhaltung in ihrer timoresischen Form bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestehen.

 

Handeln in Osttimor
Die Korruption ist allgegenwärtig. Dennoch gibt es Anzeichen von Hoffnung: In der osttimoresischen Hauptstadt kündigte ein überdimensionales Plakat eine grosse Konferenz mit weiteren asiatischen Ländern in Dili zur Bekämpfung der Korruption an. Eine grosse Zahl von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen bemüht sich um Osttimor. Unter den NGOs sind auch viele kirchliche Hilfswerke unterschiedlichster Provenienz in Osttimor tätig. Die Zukunft von Osttimor bleibt offen.

 

Alex Nussbaumer hat zuerst Mathematik und Physik, später auch Theologie studiert. Er ist heute Pfarrer in der reformierten Kirche Uster.

alex.nussbaumer@zh.ref.ch

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