Musik

Bitte kein Affentheater!

Jean-Daniel von Lerber In der Zeit vor Weihnachten «gospelt» es jeweils landauf landab. Auch noch der Dorfchor im hintersten Emmental wagt sich an die schmissige Gospelmusik heran. Das ist eine tolle Entwicklung. Gleichzeitig wirft sie aber auch Fragen auf.

 

Es ist der letzte Dienstag im Oktober. Der Auftritt von Dimitri im «Fauteuil» Basel ist zu Ende, der Künstler ab-geschminkt und hungrig. «Heute begleitet uns Clementine, eine alte Freundin, zum Essen. Sie ist eine herausragende Gospelsängerin.» Mit dieser Bemerkung stellt Dimitri mir eine ältere Dame vor. Sie lächelt sanft: Ihre weissen Zähne heben sich leuchtend von ihrem dunklen Teint ab.Wir warten am Tisch auf die Getränke und das Menu und kommen ins Gespräch. Sie sei jahrelang als Sängerin unterwegs gewesen. Aufgewachsen in den amerikanischen Südstaaten als Tochter eines «Baptist Ministers» sei ihr die Musik schon in die Wiege gelegt worden. Ihre Augen leuchten, wenn sie von «ihren» Gospelsongs erzählt. Später hat sie einen Schweizer geheiratet und lebt nun seit vielen Jahren in Basel, die letzten Jahre als Witwe. Die Musik jedoch ist ihr geblieben.

 

Monkey Shows

Europa im November und Dezember entwickelt sich immer mehr zum Eldorado unzähliger Gospelchöre und Sänger, viele von ihnen aus den USA. Wir unterhalten uns über die einen oder anderen bekannten Formationen und Künstler. Sie bleibt zurückhaltend. Es scheint, als würde sie sich nicht so richtig freuen über die Erfolge des Gospels auf unserem Kontinent. Nach einer Weile rückt sie mit ihrer Meinung heraus. Es beschäftige sie, dass viele Europäer die Gospels auf Rhythmen und Wiederholungen reduzieren. Qualität und Inhalte scheinen kaum eine Rolle zu spielen. Kaum lege eine Truppe los, werde mitgeklatscht und gedankenlos mitgesungen. Mir scheint, als hätte sie lieber «mitgegrölt» gesagt, doch Clementine ist eine Dame mit Stil. Sie hätte einfach schon zu viele «Monkey Shows» miterlebt, also: Affentheater – unechter, billiger Abklatsch. Dazu sind ihr «ihre» Gospels, ihre Liebe zu den Texten und den damit verbundenen geistlichen Erfahrungen viel zu wertvoll. Ich muss unweigerlich an die Stelle in der Bibel denken, wo davor gewarnt wird, die Perlen vor die Schweine zu werfen.

 

Musik, die sich am Kreuz orientiert

Ich erzähle Clementine vom OSLO GOSPEL CHOIR und seinen drei Schweizer Konzerten anlässlich des 25-jährigen Jubiläums. Es handle sich zwar um einen weissen Chor, doch klinge er unglaublich «schwarz». Sie hat noch nie von diesem Chor gehört. Doch sie trägt sich das Datum des Basler Konzertes in ihre Notizbuchagenda ein. «I’ll try to be there», meint sie.Tore W. Aas, Gründer des OSLO GOSPEL CHOIR, bringt es dann am Konzert auf den Punkt: «Gospelmusik orientiert sich am Kreuz: Christus starb für uns, erlöste und befreite uns. Freude und Gnade sind uns geschenkt – davon singen und erzählen wir.»Und dann geht das Gospelkonzert so richtig los. Musik und Chorgesang auf allerhöchstem Niveau, gepaart mit innerem Feuer, von dem die Musiker und Sänger erfasst sind. Lieder wie «On the Cross of Calvary», «Celebrate», «This is the day» und «Shine your light» gehören zum Standard Repertoire des Chores. Tore W. Aas schrieb einige Lieder zusammen mit oder für Andraé Crouch. Viele dieser Lieder sind zu einem festen Bestandteil der Gospel-Literatur weltweit geworden. Ein Konzert des OSLO GOSPEL CHOIR ist weit mehr als ein musikalischer Leckerbissen. Es schlägt Brücken zwischen den Zuhörern, aber vor allem auch zwischen Himmel und Erde. Auch wenn ich von Clementine nichts mehr gehört habe, bin ich mir ganz sicher, dass sie dieses Konzert niemals als «Monkey Show» bezeichnet hätte …


Jean-Daniel von Lerber ist seit 30 Jahren Kulturagent; er leitet PROFILE Productions in Richterswil ZH.

jean@STOP-SPAM.profile-productions.ch 

To top