Pädagogik

In der Schule über Religion sprechen – aber wie?

Andreas Schmid Der Entwurf zum Bereich Religion im Lehrplan 21 enttäuscht auf der ganzen Linie. Es scheint, dass die Schule über Religion nur noch im Modus wissenschaftlicher Distanziertheit sprechen soll. Das Beispiel Zürich zeigt: Es geht auch anders.

Wegen fehlender inhaltlicher Verbindlichkeit hat der Lehrplanentwurf an etlichen Stellen Kritik einstecken müssen. Auch Kompetenzen müssen mit Hilfe von Inhalten erworben werden. Damit wird deren Auswahl entscheidend. Wer aber trifft die Auswahl? Die Lehrpersonen, oder gar die Lehrmittelverlage? Dass die Verfasser auch im Bereich Religion in Deckung gehen und die Verantwortung abschieben, hat bildungspolitische Gründe: Das nationale Projekt soll in den beteiligten Kantonen eine möglichst breite Zustimmung finden. Also lieber niemanden vor den Kopf stossen … Ausserdem scheint hier wieder einmal ein überholtes Verständnis von Wertneutralität und ein einseitiger religiöser Toleranzbegriff das Ergebnis bestimmt zu haben – ein Verständnis von Toleranz, das zunehmend nicht mehr nur die Freiheit zum Glauben einräumt, sondern die Freiheit vom Glauben fordert.
Die Folge ist ein Verzicht auf Konturen. Den Verfassern wäre mehr Mut und ein anderes Verständnis dessen zu wünschen, was eine echte Auseinandersetzung mit religiösen Inhalten bedeutet. Dem gesellschaftlichen,
lebensmässigen Bildungsgehalt des Faches Religion wird man mit Unverbindlichkeit nicht gerecht. Normativ-inhaltliche Festlegungen und Sinnbezüge machen die Bearbeitung vorhandener Spannungsfelder und eine profunde Wertediskussion erst möglich. Sonst bleiben die Kompetenzformulierungen des Lehrplans formal und oberflächlich.


Es geht auch anders
Dass es auch anders gehen kann, hat der Kanton Zürich mit dem beispielhaften Vorgehen zum kantonalen Lehrplan im Fach Religion gezeigt: Im Anschluss an die breit geführte Diskussion um die Abschaffung des Religionsunterrichts gelang es, Vertreter aller massgeblichen Religionen zur Ausarbeitung des neuen Lehrplans an einen Tisch zu bringen. Interessant ist, dass der erarbeitete Kompromiss es durchaus zuliess, der christlich-jüdischen Religion eine inhaltliche Priorität einzuräumen – mit der Absicht, dass dies für Schülerinnen und Schüler jeglicher Religion in unserem Kulturkreis ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Bildung sein soll. Gleichzeitig wurde versucht, die Rahmenbedingungen so zu definieren, dass eine ausgewogene (und nicht zwanghaft neutrale!) Auseinandersetzung mit allen Religionen und weltanschaulichen Prägungen gewährleistet wird.
Warum aber gehen die Verfasser des Lehrplans 21 weit hinter diesen offensichtlich möglichen Ansatz zurück? Ist es nur Bildungspolitik – oder steckt darin auch ein Verlust an Sprache und Möglichkeiten, sich in einer Gesellschaft, die sich säkular und pluralistisch versteht, angemessen mit religiösem Lebensvollzug zu befassen?

 

Religiöse Menschen müssen verständlich sein
Jürgen Habermas, einer der weltweit meistbeachteten Philosophen und Soziologen der Gegenwart, hat kürzlich in Anerkennung dessen, dass es «Religion und religiöse Bürger gibt und dass Letztere wegen ihrer Gläubigkeit weder ignoriert noch als Bürger zweiter Klasse behandelt werden dürfen» zur wechselseitigen Selbstreflexion aufgefordert. Einerseits müssten säkulare Bürger ihren religiösen Mitbürgern auf Augenhöhe begegnen und nicht als «bornierte Laizisten», die sich auf ihren Unglauben als letztes und einziges Wort versteifen. Andererseits seien religiöse Bürger gehalten, ihre Ansprüche in eine säkulare und allgemein zugängliche Sprache zu übersetzen.
Die Diskussion um den neuen Lehrplan wurde dieser Forderung nur selten gerecht. Der Fokus christlich-religiöser Kreise darf sich nicht auf die üblichen zwei, drei moralischen Themenbereiche beschränken. Vielmehr geht es darum, eben diese Sprache zu entwickeln, zu pflegen und zur Verfügung zu stellen, die eine umfassendere und vertiefende Auseinandersetzung mit Religion an sich möglich macht. Gelingt das nicht, geht der verständnisfördernde und begründete Diskurs über Religion und Glaubensüberzeugungen grundsätzlich verloren. Und damit fehlt dann nicht nur dem Lehrplan 21 Wesentliches.


Andreas Schmid ist Dozent Berufsbildung im Sek I-Studiengang an der PHZ Luzern. Der Erziehungswissenschaftler

leitete zehn Jahre den Bildungs- und Ferienort Campo Rasa. 

aj.schmid@STOP-SPAM.bluewin.ch  

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