Psychologie

Ist Entschuldung möglich?

Dieter Bösser Die Psychologie und die Therapieszene haben die Vergebung als Befreiung von der Macht der Täter entdeckt. Sogar die Politik hat Vergebungsrituale entwickelt.

Jede Gesellschaft benötigt Rituale, um mit dem Phänomen zwischenmenschlicher Schuld umzugehen. Jeder Mensch kann zum Täter und zum Opfer von Schuld werden. Im Umgang mit diesem Dilemma ist eine wirksame Lösung erforderlich. Wenn keine Aufarbeitung von Schuld geschieht, kommt eine destruktive Dynamik in Gang, die sich sogar auf die nächste Generation überträgt.
Auf einer kollektiven Ebene versuchte die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, die Schuld des Apartheidsregimes und deren Auswirkung auf die Gesellschaft zu verarbeiten. Solche Prozesse der Vergangenheitsbewältigung sind auch in europäischen Staaten angezeigt, deren Vergangenheit von systematischem Unrecht und Terror geprägt sind. Das gilt für die neuen deutschen Bundesländer nach dem Zusammenbruch des so-
zialistischen Regimes der DDR und auch für die Menschen nach den Gräueltaten auf dem Balkan.

Schuld auf der individuellen Ebene
Obwohl sich viele Theologen fast schämen, von Schuld und Sünde zu sprechen, bezeichnen diese Begriffe eine bittere Realität menschlicher Existenz. Schuld und Sünde lassen sich am besten durch Vergebung verarbeiten. Das ist nicht nur eine zentrale Botschaft des Neuen Testaments. Es ist erstaunlich, was man in modernen wissenschaftlichen Zeitschriften aus den letzten 20 Jahren zum Thema Vergebung liest. Längst nicht nur Theologen und Psychologen beschäftigen sich damit. Es gibt mittlerweile eine beachtenswerte Vergebungsforschung, die die Bedingungen von Vergebung beschreibt, den Prozess der Vergebung und seine Auswirkungen.
Zum Beispiel das Buch von Konrad Stauss: Die heilende Kraft der Vergebung1. Stauss ist ein erfahrener Psychiater und Psychotherapeut. Er beschreibt einen Vergebungs- und Versöhnungsprozess in sieben Phasen. Dieser Prozess beruht auf drei Säulen (S. 123):

  • dem christlichen Menschenbild und dessen Verständnis von Vergebung und Versöhnung
  • den Erkenntnissen der Vergebungsforschung
  • dem Krankheitsverständnis von Psychotherapiemethoden mit einem interpersonellen Schwerpunkt.

Konrad Stauss betont, dass Vergebung im Kern ein religiöses Kons-trukt ist. Dennoch könne man auch ohne einen spirituellen Bezug über Vergebung nachdenken und Vergebung praktizieren. Er warnt allerdings: «Das Wasser der Vergebung wird nicht mehr an der Quelle, sondern flussabwärts geschöpft» (S. 30), wenn Vergebung ihres religiösen Kerns beraubt wird und zu einer therapeutischen Technik mutiert.

Auch einseitige Vergebung befreit
Der grosse Unterschied von Vergebung und Versöhnung ist, dass Vergebung einseitig und ohne Beteiligung des Täters vollzogen werden kann. Versöhnung und eine wiederhergestellte Beziehung sind nur möglich nach vollzogener Vergebung und aufgrund der Einsicht und Reue des Täters. Wer vergibt, wird frei von der Macht des Täters, frei von vergiftenden Gefühlen wie Zorn, Groll, (Selbst)Verachtung und dem Verlangen nach Rache. Wer vergibt, wird wieder Kapitän der eigenen Seele (Nelson Mandela).
Stauss stellt den siebenphasigen Vergebungs- und Versöhnungsprozess in drei Settings dar: Für traumatisierte Personen als therapeutischen Prozess im eigentlichen Sinne; als Thema für ein Seminar im Kontext der Erwachsenenbildung – und als persönliche geistliche Übung.
Wer das Buch liest, gewinnt die Einsicht, dass Leugnung und Verdrängung von Schuld nicht zielführend sind. Vergebung ist eine der wirkungsvollsten therapeutischen Interventionen.
 

1  Kösel-Verlag, 2012, 2. Auflage

Dieter Bösser ist als Theologe und Psychologe unterwegs in unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftliche Konzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren.

dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net

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