Religionen

Glaubenssicherheit in der Neuapostolischen Kirche

Georg Schmid Die Neuapostolische Kirche (NAK) «feiert» ihr 150-jähriges Bestehen. So richtig wohl fühlt sich eine auf die nahe Wiederkunft Jesu ausgerichtete Gemeinde aber nie, wenn sie in die Jahre kommt. Denn eigentlich hätte Jesus schon längst wiederkommen und seine Brautgemeinde zu sich heimholen sollen. Wie bei den Adventisten des Siebenten Tages mischt sich zwangsläufig auch bei der NAK eine unausgesprochene, leise bohrende Frage ins Jubiläumsfest: «Warum eigentlich sind wir noch hier?» 

 

Das 150-jährige Jubiläum der NAK fällt in eine Zeit des vorsichtigen Wandels. Nach aussen hin will die NAK ihr bisheriges Sektenimage abschütteln und von nun an als veritable Kirche neben anderen Kirchen wahrgenommen werden. Diese Imagekorrektur strebt sie an mit einigen offenen, einen Hauch von ökumenischer Gesinnung verbreitenden Formulierungen in ihrem unlängst publizierten Katechismus. Dass sich nach innen aber wenig verändern soll, zeigen andere, nach wie vor exklusiv klingende Stellen. So wird zwar anderen Kirchen nicht mehr abgesprochen, dass sie irgendwie auch Kirchen sind. Aber der Heilige Geist wirkt im Vollsinn des Wortes doch nur in der von Aposteln geleiteten Kirche. Nur hier treten im Abendmahl zu den Zeichen von Brot und Wein Leib und Blut Christi. Und nur die von Aposteln geleitete Kirche kann vollgültig Vergebung der Sünden zusprechen.

 

Der Glaube an die Autorität

Nach wie vor geniesst der Stamm-apostel einzigartige Autorität. Er hat sogar – anders als der Papst – das theokratische Sonderrecht, dass er seinen eigenen Nachfolger bestimmen kann. Und nach wie vor könnte er in seiner institutionellen Verbindung mit dem Heiligen Geist und in seiner geistgeführten Lektüre der biblischen Texte neue Erkenntnisse verkünden. Kurz – die Stellung des Stammapostels in der NAK übertrifft in ihrer Machtfülle jedes Amt in einer der kirchlichen Gemeinschaften, die in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen vereint sind.Diese noch immer deutlich theokratischen Strukturen der NAK mögen evangelische Christen irritieren. Sie sind aber verständlich. Der aktive Teil der NAK lässt sich gerne führen. Was der Stammapostel sagt und was nach seinen Vorgaben möglichst alle anderen Ämter weiterreichen, schenkt dem aktiven NAK Mitglied ein Gefühl der kollektiven Glaubenssicherheit, wie sie Protestanten in ihrer Liebe zum persönlich verantworteten Glauben nie erreichen – und zumeist auch gar nicht erreichen wollen. Nicht alle Christen scheuen sich vor Theokratien und dem Führerprinzip. «Ich glaube an den Stammapostel», sagte ein aktives Kirchenmitglied in einer Debatte um die inzwischen mehr oder weniger widerrufene Botschaft des seinerzeitigen Stammapostels Bischof, der verkündet hatte, dass Jesus noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen würde. Eine analoge Formulierung im protestantischen Raum – «Was immer sie sagt, ich glaube an meine Kirchenleitung» – ist schlecht vorstellbar. Den


Glauben persönlich verantworten

Darf der dem persönlichen Glauben zuneigende Protestant es anderen Christen verargen, wenn sie sich theokratisch geführt wohler fühlen? Persönlicher Glaube wird – wie wir aus eigener Erfahrung wissen – nicht selten von Zweifeln heimgesucht. Wo aber der Stammapostel vordenkt und wo alle Ämter ihm nachdenken, können Zweifel zwar am Rand der Kirche und bei jüngeren Mitgliedern um sich greifen. Aber es bleibt ein Kern von glaubenssicheren Geschwistern, die aposteltreu glauben und leben. Sie glauben zwar gruppenkonformer als wir. Aber wer darf und will von allen Menschen protestantische Selbstverantwortung im Glauben einfordern?

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@STOP-SPAM.swissonline.ch 

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