Theater

Theater am Neumarkt: «Warum noch glauben?»

Adrian Furrer «Warum noch glauben?» So lautet der Titel der ersten «Tafel», organisiert vom Theater am Neumarkt in Zürich, das seit dieser Saison neu von Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler geleitet wird.

 

Platons «Symposion», aber auch der biblische Abendmahlstisch standen Pate für ein Projekt, mit dem das Neumarkttheater jeden Monat zum Dinner lädt – einem Essen «mit alten und neuen Freunden, Gästen aus der Ober- und Unterwelt und ehrlichen Mini-Tischreden zur Lage der Menschheit», wie es im Programmbuch zum Spielzeitbeginn heisst.

 

Offene Stadt

Nach der ziemlich erfolgreichen, ziemlich hippen, oft spektakulären und meist spielverrückten Intendanz von Barbara Weber und Rafael Sanchez scheint dieses «zweite» Zürcher Theaterhaus nun erst einmal innehalten zu wollen. Vorsichtig und umsichtig will es seinen Platz in der Stadt finden. Die ersten drei Monate sind unter dem Motto «Offene Stadt» vor allem dem Ankommen gewidmet, dem eigenen und dem Anderer: In «Arrivals I-IV» kommen Menschen zu Wort, die gerade in Zürich eine neue Bleibe gefunden haben. Sie erzählen an theatralisch einfach gehaltenen Abenden von ihren Wegen in die Schweiz, von ihren Hoffnungen und Anpassungsschwierigkeiten. Die Geschichte von Thomas Ucar, einem Schweizer mit türkisch-aramäischen Wurzeln, und seiner brasilianischen Frau Riane, beide freikirchlich sozialisiert, verdichtet der Gastdramaturg und Autor Björn Bicker in Arrival I zu einem kargen, poetischen Text, vorgetragen von zwei Ensemblemitgliedern, in dem auch sehr Persönliches Platz hat: der sehnliche Wunsch nach einem Kind und ihre Gebete zu Jesus. «Hohelied» nennt Bicker diesen Text. Er muss damit den Rezen-senten der Online-Theaterplattform nachtkritik.de – zusammen mit dem Rest des Abends – in einen ziemlichen Kultur-Schock versetzt haben. Dieser fand sich offenbar gar nicht zurecht an der Premiere und wähnte sich in einem Integrationskurs oder am «bunten Abend einer Kirchgemeinde».

 

Ein Ort der Konzentration

Auch die zentrale Inszenierung der Spielzeiteröffnung hatte es nicht leicht bei den Kritikern. Kastenmüller inszenierte «Rocco und seine Brüder», Luchino Viscontis Meisterwerk am Höhe- und Endpunkt des Neorealismo. Es ist das Drama einer süditalienischen Familie, die im boomenden Mailand eine neue Existenz sucht und an der sozialen Entfremdung in der Grossstadt fast zugrunde geht. Nun ist Kastenmüller einer, der die gesamte Klaviatur des zeitgenössischen Inszenierens beherrscht, man erwartet einen opulenten, opernhaften Theater-Event, der mit Viscontis Bildwucht zu konkurrieren versucht – und ist erstmal enttäuscht: Fast jede Einladung zum grossen szenischen Wurf schlägt der Neumarkt-Hausherr aus. Mit viel Zurückhaltung, manchmal beinahe unterkühlt, erzählen die Schauspieler das Auseinanderbrechen dieser vormodernen Gemeinschaft nach. Zuviel Respekt vor der Vorlage, denkt man, bis einem aufgeht, dass dies vielleicht doch Absicht sein könnte. Nicht die Überwältigung suchen die Neumarkt-Akteure, sondern die Teilhabe der Zuschauer, nicht Bewunderer ihrer Bühnenkunst wünschen sie sich, sondern Begleiter, die sich mit ihnen auf eine Reise begeben und die grosse Empathie teilen, mit der Kastenmüller seine verloren gehenden Protagonisten beschreibt.

 

Das neue Mission-Statement

Ein Ort der Konzentration und der konsequenten Auseinandersetzung soll ihr Haus sein, schreiben die Leiter des Theaters am Neumarkt in ihrem «mission statement», und ein Ort der gemeinschaftlichen Tätigkeit. «Woran noch glauben?» – «Wozu noch Freunde?» – «Wieviel noch lieben?» Das sind die Themen der «Tafeln», an denen gut 50 Leute zusammen essen, reden und nachdenken. Es sind grosse Begriffe, die sich dieses Theater auf die Fahne geschrieben hat, und grosse Fragen, die es sich stellt. Doch es sucht die Antworten nicht in der grossen theatralischen Geste, sondern in der genauen Recherche, in der Nähe und im Vertrautwerden mit dem Gegenstand, der beschrieben werden soll.Eine dramatische Konzeptlosigkeit der führenden Köpfe in allen massgebenden Bereichen der Gesellschaft konstatiert Constantin Seibt in seinem Blog «Deadline» auf Tages-Anzeiger Online. «Ob in der Finanzwelt, der Politik, in Kultur oder Medien – es gibt erstaunlich wenig Leute, die eine Strategie haben.» Und in der Werbung, der Kunst oder den Theatern dominiere Dr. Frankenstein: eine Collage von Zitaten. Statt einer neuen Ästhetik lieferten sie Ironie.Das Theater am Neumarkt betrifft dieses Verdikt nicht.

 

Adrian Furrer ist professioneller Schauspieler und lebt in Henggart ZH.

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch  

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