Bibel

Endzeit: Was sollen wir tun?

Felix Ruther Oft setzen Bibelleser das Wort «Endzeit» mit den Schrecken gleich, die der Wiederkunft Jesu unmittelbar vorangehen. Das aber ist ein verkürztes Verständnis. Erstens spricht die Bibel nicht nur von negativen Zeichen, und zweitens ist die «Endzeit» bereits mit der Auferstehung Jesu und mit der Ausgiessung des Heiligen Geistes angebrochen. Von diesem Zeitpunkt an wurde und wird allen Völkern das Evangelium verkündet.

Mich interessieren hier nicht die verschiedenen möglichen (und auch unmöglichen) Deutungen, welche für das Ende der Zeiten kursieren – und schon gar nicht die verschiedenen Vorstellungen von einem 1000- jährigen Reich. Mich beschäftigt die Frage: Welchen Auftrag gibt uns Jesus für die Zeit bis zu seiner Wiederkunft?

Hier und jetzt leben

Es fällt auf, dass Jesus nur ein einziges Mal im kleinen Kreise vom Ende der Zeiten sprach. Und das auch nur, weil er gefragt wurde. Dagegen sprach Jesus unzählige Male in der Öffentlichkeit vom Reich Gottes und vom Evangelium. Daher denke ich, dass dort, wo man den Schleier, der über den letzten Dingen liegt, lüften will und mit lauter Stimme glaubt, verkünden zu können, was genau geschehen wird, das Entscheidende von Jesu Wiederkunftsrede1 verloren geht. Das Entscheidende dieser Rede sind nicht die Einzelheiten im historischen Ablauf, sondern die Anleitung zum Leben im Hier und Jetzt, angesichts der Tatsache, dass Jesus wiederkommen wird. Denn auch hier gilt: «Sorget nicht, sondern trachtet nach dem Reich Gottes.»

Eine doppelte Wachsamkeit einüben
Bei diesen Anleitungen ist mir vor allem der Aufruf zur Wachsamkeit aufgefallen: «Wachet, denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt2.» Der wache Christ ist der ganz Gegenwärtige, denn er weiss, dass Jesus wiederkommt. Ebenso sicher gilt aber auch: Er kennt den genauen Zeitpunkt nicht. Denn Gott hat uns den einen Tag verborgen, damit wir alle Tage wachen. Darum gibt es keine Antwort auf die Frage: «Wann?» sondern immer nur die Mahnung: «Wachet!»
Wer wacht, der schaut die Gegenwart mit andern Augen an: Die gegenwärtige Zeit wird durchsichtig auf die zukünftige. Und wem die eigene Zeit durchsichtig werden soll, der muss sie zuerst ernstnehmen. Er wird deshalb neben der Bibel auch die Zeitung lesen und das Zeitgeschehen verfolgen. Wenn Verführer lauern und Katastrophen drohen, gilt: «Wachet und schlaft nicht!»
Es gehört zur täglichen geistlichen Disziplin, sich in diese Wachsamkeit einzuüben. Im Heute: «Du Gott begegnest mir unerwartet in den verschiedenen Situationen des Alltags. Bin ich wachsam?» Bezogen auf mein Leben: «Du Gott wirst mir in einzigartiger Weise – vielleicht unerwartet – in der Stunde meines Todes begegnen. Bin ich wachsam?» Und im Weltgeschehen: «Du wirst in einer völlig unerwarteten Weise einmal in unsere Welt kommen. Bin ich wachsam und bereit?»
Der Wachsame sieht andererseits aber auch genügend klar über die irdische Zeit hinaus. Er sieht durch alles Zeitliche hindurch die Vollendung. Mir scheint aber, dass wir Heutigen hier ein Problem haben. Wir interpretieren die Bitte «Dein Reich komme» in erster Linie in ihrer Gegenwartsbedeutung, aber viel zu wenig auch als eschatologische3 Haltung. Hier ist eine Akzentverschiebung geschehen. Jesu Rede will unseren Blick eben auch vom Unmittelbar-Gegebenen loslösen und und ihn frei machen für sein Kommen. Der Wachsame wird daher nicht der Angst anheim fallen, sondern immer wieder Grund zur Hoffnung finden.

Das Ende bedenken
In einer alten Legende4 ist von drei Teufelslehrlingen die Rede, die dem Oberteufel ihre Pläne vorlegen müssen, wie sie die Menschen versuchen und ruinieren wollen. Der Erste sagt: «Ich werde ihnen sagen, dass es keinen Gott gibt.» Darauf der Oberteufel: «Damit wirst du nicht viele Menschen gewinnen.» Der Zweite schlägt vor: «Ich werde ihnen sagen, dass es das Böse nicht gibt.» Darauf der Oberteufel: «Damit wirst du nur wenige betrügen können.» Der Dritte erklärt: «Ich werde ihnen vorgaukeln, dass es kein Ende der Geschichte gibt.» Darauf der Oberteufel: «Geh’ unter die Christen, auf diese Weise kannst du viele schläfrig machen.»

1  Mt 24, Mk 13 und Lk 21
2  Mt 24,42; in Mk 13,33-37 gar viermal!
3  die letzten Dinge betreffend
4  Sie erinnert an die «Dienstanweisungen an
einen Unterteufel» von C.S. Lewis.

 

Felix Ruther ist Studienleiter der VBG und Präsident von INSIST

felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch

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