Kommentar

Christliche Gastronomie: Von zu kurzen Bratwürsten und zu langen Andachten

Cornelia Flückiger-Bührer Nach knapp zwanzig Jahren Erfahrung als Gastgeberin in der Gastronomie – und das ohne gastronomische Grundausbildung – habe ich mir einige Gedanken zur christlichen Gastronomie gemacht.

Als Präsidentin des Verbandes Christlicher Hotels VCH mit knapp fünfzig angeschlossenen Gastbetrieben ist für mich neben der Gastronomie natürlich auch das Essen in unseren Häusern ein Thema. In den verschiedenen Häusern wird unterschiedlich damit umgegangen. Vom «nur Frühstück» am Laufband im Backpackers bis zum gediegenen 5-Gang-Menu im 4-Stern-Hotel findet sich in unserem christlichen Gastro-Verband alles, und das in unterschiedlichsten Varianten.

Etwas für Seele und Geist ...

Doch was hat Essen mit Christlichkeit und christlicher Glaube mit Essen zu tun? Ich blende zurück auf die Anfänge meiner Hotelkarriere. Sie begann in einer sehr bekannten Heimstätte. Ein Grossteil der Menschen aus dem «christlichen Kuchen» wusste, dass von diesem Ort aus viele wertvolle Impulse zu Glauben und Denken ausgingen, intensive Bibelstudienwochen stattfanden und man an Seele und Geist erfrischt wurde. Doch genau diese Heimstätte hatte auch den Ruf, dass der Leib doch hie und da zu kurz kam. Je nach Koch bzw. je nach Person mit kochähnlicher Ausbildung, die nach mühseligem Suchen Anfang Frühling angestellt worden war, präsentierte sich das Essen für das leibliche Wohl der Gäste sehr unterschiedlich. Und nicht nur das: Je nach Finanzen, über die diese christliche Heimstätte bzw. deren Verwalter gerade verfügte, kam mehr oder weniger auf den Tisch – und dies in einer mehr oder weniger grossen Vielfalt. Kurz gesagt: Das Küchenendprodukt war kein Kassenschlager dieser christlichen Pension. Da gab es billige Schweinshaxen und Schoggichöpfli aus dem Pulverbeutel, Vierfrucht-Konfitüre aus dem 10-Kilo-Kessel und ein süsses Znacht. Man erzählt sich im Rückblick, das Birchermüesli sei von Abend zu Abend dünner geworden. Soweit das Image dieser Heimstätte.

... und immer mehr für den Leib
Ist das alles nicht einfach kalter Kaffee, vorbei, früher gewesen, heute längst nicht mehr? Ja, später kam nämlich die Phase, als die Heimstättenleiter merkten, dass man mit gutem Essen Mäuse fängt – respektiv Gäste anzieht. Und dass man besonders dann Gäste gewinnen kann, wenn die Bratwürste länger werden, die Frühstücksbuffets breiter und die Spaghettisaucen auch einmal über die «Bolognese» hinausgehen. Gleichzeitig wurden die christlichen Besinnungen kürzer. Und vor allem fanden sie nun nach dem Frühstück statt und nicht in aller Frühe vor dem Frühstück.

Irgendwann kommt dann die Gefahr, dass man auf der anderen Seite vom Pferd fällt. Der Gast ist nämlich im wahrsten Sinne unersättlich. Er will immer noch mehr, und er will es immer besser und schöner! Und als Gastgeberin will ich, dass er bald einmal wiederkommen wird.

Der gute Gastgeber
Als Gastgeber sind wir gefordert, das richtige Mass zu finden: Beschäftigen wir uns nur noch mit der Küche und ihren Feinheiten, mit der Weinkarte und den passenden Digestifs dazu? Oder ist uns das Wellbeing – sprich Wohlbefinden – des Gastes auch bezüglich seiner Seele und seines Geistes wichtig? Achten wir auf gute geistliche Impulse in unseren sogenannt christlichen Häusern, und leben wir christliche Gastfreundschaft echt und authentisch?

«Besser ein Gericht Gemüse mit Liebe, als ein gemästeter Ochse mit Hass», steht in den Sprüchen Salomos im Kapitel 15. Natürlich hassen wir den Gast nicht, aber ein aufgesetztes Lächeln und nur gespielte Anteilnahme gehen doch bereits in diese Richtung!

Plädoyer für Grosszügigkeit

Ich möchte mich einsetzen für eine Gastfreundschaft, die wohltuend echt ist, für feines Essen, das mundet und die Gemeinschaft an den Tischen fördert, für Grosszügigkeit anstelle von Knausrigkeit. Mein Vorbild ist Jesus, der Fische und Brote vermehrte, so viel, dass es nicht nur knapp reichte sondern reichlich gab, sogar zu viel und damit genug für alle! Und der Jesus, der Petrus nach seinem Verrat erst einmal ein feines Frühstück servierte: frisch gefangene, fein gebratene Fische vom Kohlenfeuer! Lassen wir uns doch von seiner Gastfreundschaft anstecken!

 

Cornelia Flückiger-Bührer ist Präsidentin des Verbandes Christlicher Hotels (VCH), war 17 Jahre Zentrumsleiterin der Casa Moscia Ascona und ist seit 2013 Gastgeberin in der Casa Emmaus in Losone. www.vch.ch www.casa-emmaus.ch

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