Schöpfungsorientierte Landwirtschaft

«Die Schweiz steht vor einer Weichenstellung»

Interview: Fritz Imhof Die biologische Anbaumethode führt trotz Fortschritten in den letzten Jahren weiterhin eher
ein Schattendasein. Zu Unrecht, wenn man die Argumente der Biobauern ernst nimmt. Ein Gespräch mit Biobauer
Andreas Frischknecht und seinem Vater Ernst, ehemaliger Präsident von Bio-Suisse.


Magazin INSIST: Herr Frischknecht, wo steht die Schweizer Landwirtschaftspolitik heute?
Ernst Frischknecht: Die Schweizerische Landwirtschaft steht vor einer Weichenstellung. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Devise, möglichst viel zu produzieren. Das hat uns in eine Sackgasse geführt, zu Einseitigkeiten und zu Belastungen mit Fremdstoffen. Die kommende Generation aber wird mehr nach Lebenskraft statt Quantität fragen. Die Nahrung soll mehr bewirken als nur den Magen zu füllen. Wir wissen heute viel mehr über die schädlichen Auswirkungen der Pestizide auf den menschlichen Organismus. Der Welt-Agrarbericht hat ausserdem deutlich gemacht, dass nicht die industrielle Produktion, sondern der Kleinbetrieb, der auf die Schöpfung und die Geschöpfe besser Rücksicht nehmen kann, die Zukunft der Landwirtschaft sein wird.

Die Schweizer Landwirtschaftspolitik scheint aber die biologische Produktion nicht gerade zu bevorzugen. Eher die konventionell produzierenden Grossbetriebe.
Andreas Frischknecht: Ja. Unsere Gesellschaft – und damit auch die Politik – werden vom Geld geleitet. Der Wert der Produkte wird durch Grösse, Aussehen und Gewicht bestimmt. Wenn wir einen Vergleich mit der Musikkultur machen, wäre das Streichorchester, welches am meisten Dezibel produzieren kann, das beste. Oder der Maler, welcher die grösste Menge an Farbe auf die Leinwand pinseln kann, wäre der Star. Allen ist klar, dass bei diesen Beispielen andere Werte zählen. Obwohl es «Agrikultur» heisst, haben die Lebensmittel für nur sehr wenige Menschen – auch Politiker – etwas mit Kultur zu tun. Kultur ist übrigens immer defizitär und auf Unterstützung angewiesen. In der Vergangenheit versuchten viele Landwirte, Kultur zu produzieren, ohne sich dem Diktat eines Labels zu unterstellen. Diesen Spagat zwischen naturnaher und Massenproduktion kann man sich aber je länger desto weniger leisten. Entweder industriell und möglichst viel Menge – oder biologisch und möglichst viel
Lebenskraft. Beide Seiten sind aber von Extremen gefährdet.

Gibt es keine goldene Mitte?
Andreas F.: Der Landwirt der Zukunft sollte die Freiheit haben, selbst zu entscheiden wie er wirtschaften will. Er muss es schlussendlich ja auch selber vor seinen Nachkommen verantworten. Dies geht aber nur, wenn er frei ist vom Diktat der Finanzen. Schuldzinsen sind da ein Stichwort: Habe ich genügend Luft, um weitsichtig zu planen und zu handeln, oder bin ich gezwungen, meine Überzeugung kurzfristiger Gewinnmaximierung zu opfern? Leider ist es so, dass wir durch die Direktzahlungen einen grossen Teil unserer Freiheit eingebüsst haben. Durch Reglemente und Vorgaben der (Landwirtschafts-)Politik, oft am Schreibtisch entworfen, geht der Trend zurück ins Mittelalter, als die Bauern von Adeligen diktiert bekamen, was sie anbauen und was sie abgeben mussten.
Eine goldene Mitte gibt es nicht, wohl aber einen Gott, der uns frei macht und uns hilft, uns von ihm führen zu lassen und als Teil der Natur die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Dies ist der entscheidende Punkt und nicht bio oder konventionell.

Wie gehen Sie selbst mit dem Konflikt um?
Manchmal besser, manchmal weniger gut. Viele Entscheide fälle ich aus innerer Überzeugung und aus einer langfristigen Perspektive. Rechnen ist da immer auch wichtig, doch Direktzahlungsoptimierung ist für mich das allerletzte Entscheidungskriterium. Es gibt Zeiten, da lebe ich gut mit diesem Vorgehen, und dann gibt es wieder Zeiten, da habe ich die grössten Zweifel. Ein Berater würde nie empfehlen, einen Betrieb wie den unsrigen zu führen. Wir sind vielseitig und haben verschiedene Standbeine und Produkte in kleinen Mengen. Wir brauchen dazu eine relativ grosse Infrastruktur, und das ist nicht sehr wirtschaftlich. Weil wir aber die Produkte direkt den Kunden verkaufen, geht die Rechnung dennoch meistens auf, da wir den Zwischenhandel ausschalten können.
Die Milch- und Fleischpreise sinken kontinuierlich, ohne dass der Kunde etwas davon spürt, während die Lebensmittelverarbeiter und Grossverteiler Rekordgewinne erzielen. Wir stehen in einer Zwischenphase. Lange waren die Biobauern vom Grosshandel isoliert, später begannen auch die Grossverteiler, Bio-Produkte anzubieten. Und sie begannen auch, die Preise zu diktieren. Ich träume davon, dass die Qualität bezahlt wird und der Bauer einen fairen Preis verlangen kann, der von den nachgelagerten Betrieben akzeptiert wird. Die Verarbeiter – Metzger, Bäcker, Käser etc. – entwickeln sich wieder vom Fliessbandarbeiter zum Meister und verstehen es, durch die Verarbeitung den Wert und die Qualität des Produkts zu erhalten oder zu verbessern.

Ernst Frischknecht, Sie waren in der Politik und im Verbandswesen tätig. Was ist da schief gelaufen?
Ernst F.: Die Bauern selbst haben die Entwicklung und die nötigen Massnahmen nicht begriffen. Bundesrat Schaffner forderte die Bauern in den 60er-Jahren auf, so viel wie möglich zu produzieren. Der Bund sorge dann für den Absatz. Zusammen mit der um das Siebenfache gestiegenen Düngermenge bei Stickstoff und Futterimporten führte das zu Überschüssen, am meisten bei der Milch. Darauf nahm die Milchproduktion um das Siebenfache zu. Es entstanden industrielle Betriebe wie Mastbetriebe und Hühnerfarmen. Die Bauern fühlten sich minderwertig, wenn sie nicht ähnlich wie die Indus-
trie produzieren konnten. Möglichst 24 Stunden am Tag und unabhängig vom Wetter – um dann ihre Produkte auf dem Weltmarkt abzusetzen. Später erkannten die Politiker, die es an sich gut mit den Bauern meinten, dass diese Politik zu einer Überproduktion führte, die sich nicht mehr absetzen liess. Man führte die Milchkontingentierung ein, was eigentlich Sinn machte, doch man hob sie auf, weil sie die Entwicklung von Grossbetrieben einschränkte. Die Bauern verstanden aber nicht, dass jeder Betrieb nur so viel produzieren sollte, wie sich auch verkaufen lässt. Der Bauernverband hätte die Kontingentierung selbst als Generalunternehmer der Landwirtschaft weiterführen müssen. Und den Schutz der Arbeitskraft ernster nehmen sollen. Allmählich lief die Produktion mit dem massiven Einsatz von Düngemitteln vollständig aus dem Ruder. Mit dem Ergebnis, dass Produkte wie Weizen qualitativ für die Ernährung wegen übertrieben hohem Glutengehalt immer schlechter wurden. Es kam zum Beispiel in der Folge zu Weizen-Allergien.
Ich denke auch an die grossen Mastbetriebe, die lange Tiertransporte verursachen, welche die Tiere stressen. Das ergibt Stressfleisch, und der Stress überträgt sich auf die Konsumenten, was wenig bekannt ist. Schade, dass die Bauern nicht mehr interveniert haben. Ich erlebte eine Sitzung mit einem Coop-Manager, in der ich darauf bestand, dass die Bio Bauern den Preis ihrer Produkte festlegen, zum Entsetzen des Managers. Er enervierte sich über diese Zumutung und fand es selbstverständlich, dass Coop den Preis diktiert. An uns liege es dann zu entscheiden, ob wir zu diesen Bedingungen liefern wollten. Ich distanzierte mich von dieser Art zu verhandeln. Ich erlebte auch, dass man uns den Preis der Kartoffeln, die im Laden für drei Franken pro Kilo verkauft werden, von 85 auf 75 Rappen drücken wollte. Und Bio-Suisse weigerte sich, sich für die Bio-Bauern einzusetzen! Es kam zu einer Sitzung mit den Grossverteilern und Grosshändlern. Dabei stellte sich heraus, dass der Migros-Vertreter einfach sicher sein wollte, dass niemand günstiger als für 85 Rappen beliefert wird! Hätte ich nachgegeben, wäre ich «geliefert» gewesen. Leider haben die Bauern nicht gemerkt, dass sie ähnlich wie eine Gewerkschaft auftreten müssten, statt sich auseinanderdividieren zu lassen. Andererseits schafften es die Bauernvertreter in den Parlamenten – in der Meinung, sich für die Bauern einzusetzen –, sich erfolgreich gegen ökologische Auflagen zur Wehr zu setzen.
Resultat: Wir haben jetzt strenge detaillierte Auflagen und erhalten dafür Subventionen, statt einen guten Preis und unternehmerische Freiheit. Heute wäre es am besten, die Düngemittel so zu besteuern, dass es lukrativer wird, den Pflanzen die Möglichkeit zu geben, sich den Stickstoff selbst aus dem Boden und der Luft zu holen. Resultat: Weniger Kosten, gerade auch für die Krankenkassen, weil die düngerintensive Produktionsweise ungesunde Lebensmittel erzeugt.

Wie viele Menschen könnte die Schweizer Landwirtschaft mit biologischer Landwirtschaft ernähren?
Ernst F.: Wir produzieren 15 bis 30% weniger pro Hek-
tar. Doch unsere Produkte sind besser in der Qualität und nahrhafter, weil sie zum Beispiel einen höheren Trockensubstanzgehalt aufweisen. Die Paracelsus-Klinik in Lustenberg SG stellte fest, dass 1950 der Mineralstoff-Gehalt aus der Ernährung gedeckt werden konnte, als es noch keinen Kunstdünger dafür gab. Heute sind es noch 20%. Wir bieten mit weniger Fremdkosten mehr. Wir bringen auch keine Nitrate und Pestizide ins Trinkwasser und Hormone ins Fleisch. Rein ökonomisch und volkswirtschaftlich gesehen wäre die Bio-Produktion wesentlich günstiger als die konventionelle. Doch die landwirtschaftlichen Organisationen verdienen gut am Düngemittel- und Pestizid-Verkauf und haben kein Interesse an einer Änderung.

Was müsste geschehen, damit die Situation für die Bio-Landwirtschaft befriedigend ist?
Andreas F.: Gerade das Wetter in diesem Jahr hat drastisch gezeigt, dass die konventionelle Landwirtschaft auf dem Holzweg ist. Wir erleben immer mehr Wetterkapriolen. Die Pflanzungen erhalten zu viel oder zu wenig Wasser, und die Bauern fahren mit immer grösseren Maschinen über die Äcker und zerstören so den Boden. Je grösser die Betriebe werden, desto grösser auch die Maschinen. Nur wer die Böden gesund erhalten kann, hat wirklich eine Zukunft. In den USA oder in Mecklenburg-Vorpommern sind die Böden über weite Landstriche hin kaputt und müssen aufwändig wieder aufgebaut werden. Auch die heutige Bio-Landwirtschaft ist nicht ohne Probleme, denn sie steht ebenso wie die konventionelle unter dem Druck, immer mehr zu produzieren, um zu überleben. In Ostdeutschland haben selbst Betriebe mit 2000 Kühen Mühe zu überleben. Amerikanische Bauern bangen mit 1600 Hektaren um ihre Existenz. Wachsen ist langfristig keine Strategie um zu überleben, das einzige, was unaufhörlich wächst und wuchert, ist der Krebs, und der ist tödlich.
Wir haben erlebt, dass wir trotz viel zu nassem Sommerwetter im Herbst dennoch eine gute Kartoffelernte mit guter Qualität einfahren konnten, und dies ohne Che-
mie. Das ist für mich ein Wunder und eine Bestätigung, dass es sich lohnt, der Bodenfruchtbarkeit Sorge zu tragen.
Wir erleben, dass immer mehr Menschen unsere Produkte kaufen, weil sie den Qualitätsunterschied bemerken. Sie bilden unsere Existenzbasis.
Zur oben gestellten Frage: Ja, es muss ein Umdenken stattfinden, das kurzfristige Denken muss dem langfristigen Denken weichen. Wir müssen die Gesundheit fördern (Bio) und nicht die Krankheit bekämpfen (konven-
tionell). Doch das lässt sich staatlich nicht verordnen.

Die Versorgungssicherheit würde somit bei einer vollständigen Umstellung der Schweiz auf Bio-Landwirtschaft nicht sinken?
Andreas F.: Nein. Besonders weil wir anders mit der Schöpfung umgehen und dafür achtsamer sind. Das Problem liegt ja nicht nur in der Produktionsmenge, sondern in den Abfallmengen, die entsorgt werden müssen. Dazu bräuchte es auch ein Umdenken, zum Beispiel, dass man einen Tag altes Brot noch essen kann. Biologische Produkte verderben auch weniger schnell.

Könnte unser Land, könnte die Welt mit biologischen Anbaumethoden überhaupt ernährt werden?
Ernst F.: Heute sind in den industrialisierten Ländern ja die Überschüsse das Problem. In Entwicklungsländern sind es die von den Weissen übernommenen falschen Kultivierungsmethoden. Wenn wir Ernährungssouveränität anstreben, müssen wir ohne importiertes Öl, Düngemittel und Futtermittel auskommen. In konventionellen Betrieben würde das zu einem massiven Einbruch führen. Ganz abgesehen vom Energieverbrauch, nur um Stickstoffdünger zu produzieren. Die konventionelle Landwirtschaft geht einher mit einem enormen Ressourcenverschleiss.
Ich beobachte daher, dass immer mehr Bauern darauf aufmerksam werden, dass man mit einem schöpfungsgemässen Umgang mit dem Boden viel effizienter produziert. Der Boden ist aber geduldig und verzeiht die Fehler 20 – 30 Jahre lang. Schliesslich braucht er aber die Stickstoffzufuhr wie eine Droge und ist nicht mehr in der Lage, die Mineralien zu produzieren. Und die damit produzierten Lebensmittel verändern auch unseren Stoffwechsel und fördern Krankheiten wie Alzheimer und Depressionen.
Wir verlangten daher vor 30 Jahren eine Stickstoffsteuer, um Gegensteuer zu geben. Ich begründete dies sogar gegenüber allen Bundesräten. Doch die landwirtschaftliche Lobby und die SVP verhinderten es. Wenn das Grundübel des massiven Düngemitteleinsatzes angegangen würde, wäre dies eine Befreiung für die Bauern. Ich kämpfte als kleiner Bauer mit wenig Bildung mit Professoren und Wissenschaftern, und sie gaben mir – unter vier Augen – recht. Doch dann erhalten immer wieder die Verhinderer die Übermacht. Heute aber stehen wir an einer Wende. Das Bundesamt für Landwirtschaft hat der Agrarforschung ART Schweiz den Auftrag gegeben, die Auswirkungen einer Stickstoffsteuer zu studieren! Ein Professor sagte mir: Irrwege erfordern zwei Generationen, bis sie korrigiert sind.

 

Ernst Frischknecht, 75 (l), verh., fünf erwachsene Kinder ist Berater für Landwirtschaftsprojekte in fünf Ländern Afrikas und Europas. Von 1993 – 2002 war er Präsident von Biosuisse, von 1983 – 2001 Mitglied im grossen Vorstand des Schweiz. Bauernverbandes und von 1993 – 2002 Mitglied des Stiftungsrates des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FIBL). Bereits 1994 übergab er, damals 55, seinen Hof in Tann-Dürnten an seinen Sohn Andreas und arbeitete im Stundenlohn auf dem Hof mit, soweit es ihm die externen Engagements erlaubten. Von 1985 – 2002 entfaltete er eine rege Referententätigkeit für «Biolandbau und private Landwirtschaft» an Landwirtschaftlichen Schulen in Österreich, Deutschland, Rumänien, der Tschechoslowakei und in der Schweiz. Daneben war er von 1987 – 1998 auch Mitglied des Zürcher Kantonsrats und von 1999 – 2007 Mitglied der begleitenden Expertengruppe der Eidg. Forschungsanstalt ART Reckenhof Zürich. Bis 2006 war er zudem Mitglied des Gemeinderates von Dürnten.

 

Andreas Frischknecht, 54, verh. mit Regula, vier Kinder, hat 1994 den Bio-Landwirtschaftsbetrieb von seinem Vater Ernst übernommen und weitergeführt. Nach seinem Sekundarschulabschluss liess er sich zum Landwirt ausbilden und absolvierte Zusatzausbildungen in Obst- und Gemüsebau, Schreinerei, Zimmerei und Werkstattarbeiten. Seit seiner Meisterprüfung 1995 bildet er auch Lehrlinge aus. Er führt auch einen Hofladen für Bioprodukte aus eigener und externer Produktion.

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