Theologie des Essens

Sage mir wie du isst – und ich sage dir, wer du bist

Hanspeter Schmutz Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, kann aber ohne Brot
nicht leben. Das ist von seinem Schöpfer so gewollt. Er hat aber auch dafür
gesorgt, dass für den Menschen beides, sowohl das geistliche wie auch das
irdische Brot in genügender Menge vorhanden ist. Es liegt in der Verantwortung
des Menschen, mit diesem Geschenk im Sinne des Gebers umzugehen.

 

Wir sind kaum je so direkt mit der Schöpfung – und damit auch mit dem Schöpfer – verbunden wie beim Essen. Es kann deshalb nicht erstaunen, dass in den biblischen Texten das Essen ein häufiges Thema ist, aber auch der Hunger und das freiwillige Fasten1 werden nicht verschwiegen. Im Alten Testament ist das Essen mit Grenzen wie auch mit Freiheiten verbunden. Im Neuen Testament kommt es zu bewussten «Grenzüberschreitungen», die zum Kern der biblischen Botschaft führen. Das Essen ist mehr als das Aufnehmen von Nahrung, es ist auch ein Hinweis auf Gott und die zukünftige Welt.

Beim Essen geht es um Leben und Tod
Der Mensch ist von Gott zwar vollkommen, aber nicht ohne Bedürfnisse geschaffen worden. Gott schuf ihn aus «toter» Erde und machte ihn durch das Einhauchen seines Atems zu einem lebendigen Wesen2. Der hier verwendete Begriff für «lebendig» hat im Hebräischen eine Vielfalt von Bedeutungen. Er meint nicht nur «Leben» und «Lebewesen», sondern auch «Hauch, Atem, Seele, Schlund, Verlangen, Wunsch, Begehr, Gier und Begier»3. Der Mensch «hat nicht nur näphäsch (Hals, Gurgel, Speise- und Luftröhre) – er ist näphäsch, ein durch diese Organe definiertes Wesen, verletzlich also und bedürftig»4. Der Mensch ist existenziell darauf angewiesen, regelmässig zu trinken, zu essen und zu atmen. Das Bemühen um Nahrung ist eine Urtätigkeit des Menschen, die ihm körperlich das Leben ermöglicht. Wer die benötigte Nahrung nicht beschaffen kann oder erhält, ist zum Tod verurteilt. Und das erfahren leider bis heute viele Menschen am eigenen Leib.
Weil es Gott ist, der dem Menschen etwas von seinem Atem gibt, beschränkt sich der Hunger aber nicht nur auf die äussere Nahrung. Der Mensch sehnt sich Zeit seines Lebens auch nach dem Spender seines Atems: nach dem Schöpfer. Mit ihm möchte und soll er in Verbindung bleiben – über das irdische Leben hinaus.

Gott gibt jedem das, was er braucht
Der Schöpfer lässt den Menschen mit seinen Bedürfnissen nicht allein. Er gibt ihm, was er braucht, sowohl körperlich wie auch geistlich. Und dies nicht zu knapp. Gott teilt den Menschen und Tieren ihre Nahrung zu, und die ist, zumindest zu Beginn, vegetarisch5. Nach der Sintflut wird der Speisezettel auf Fische und (geschächtete) Tiere erweitert6.
In seiner Güte stellt Gott das Essen zur rechten Zeit7 zur Verfügung, jeweils – am Beispiel der wunderhaften Versorgung seines Volkes durch himmlisches Manna – genug für den Tag8, ja sogar – wie die neutestamentlichen Essenswunder9 berichten – darüber hinaus. Gott will, dass sein Volk satt wird10. Es geht ihm im Normalfall nicht nur um das «Lebensnotwendige» – Wasser und Brot11 – sondern um die Lebensfülle, auch beim Essen und Trinken, also um Brot und Wein12.
Wie wir heute wissen, kann die Erde tatsächlich so viel an Nahrung hervorbringen, dass es eigentlich für alle reichen würde. Und das vermutlich sogar ohne Gentechnologie, sondern mit einem schonend biologischen Landbau13.

Wir sind verantwortlich für unser Essen
Gott fordert den Menschen auf, nicht nur zu essen, was vor Augen ist, sondern die Erde auch zu bebauen und zu bewahren, um ihre Früchte geniessen zu können. Diese Arbeit kann – spätestens nach dem Sündenfall – durchaus anstrengend sein14. Zumindest gilt: Wer essen will, soll auch etwas dafür tun15. Dies gilt nicht nur persönlich, sondern auch im grösseren Massstab. Um die langfristige Ernährung des ägyptischen Volkes (und der eigenen Familie in der Fremde) zu sichern, inspiriert Gott Josef dazu, die dazu notwendigen politischen und logistischen Massnahmen zu treffen16. Die heutige ungleiche Verteilung der Nahrungsmittel weltweit ist letztlich Ausdruck von (auch) struktureller Sünde17. Wir sind nämlich aufgefordert, unser Brot nicht nur mit dem Hungrigen zu teilen18 und in diesem Sinne gottgefällig zu fasten, sondern dafür zu sorgen, dass die sozial Schwachen genügend zu essen haben, etwa die Fremden, Witwen und Waisen19. Es wird einmal dazu kommen, dass alle genug haben werden. Das ist Teil der endzeitlichen Erwartung20 und somit auch Ansporn für unser heutiges Handeln.
Bei aller Wichtigkeit: Das Essen darf nicht zum Mittelpunkt des Lebens – zu einer Art Gottesersatz – werden. Notfalls sollte man zudem auch mit weniger auskommen können21. Es gibt Wichtigeres im Leben als Essen und das Sammeln von Vorräten22.

Essen verbindet
Es gibt kaum etwas, das uns so direkt mit der Schöpfung in Berührung bringt, wie das Essen. Wir sind selber aus dem Staub der Erde gemacht, essen die Früchte und einzelne Lebewesen derselben Erde und nehmen dabei Nährstoffe, Wasser und Energie der Sonne auf. Was wir essen, geht uns bis ins Blut, an unsere Nerven und fährt uns in die Knochen. Deshalb gilt: Was wir unserer Umwelt antun, trifft uns früher oder später auch selber. Ökologische Katastrophen, darunter auch das Hungerproblem, sind global gesehen meist Ausdruck einer gestörten Beziehung zur Schöpfung, letztlich und vor allem aber auch zum Schöpfer23.
Das Essen verbindet aber auch die Menschen untereinander. Oft teilt man dieselben Nahrungsmittel und hat dabei Zeit, auch die Gedanken miteinander zu teilen. Dies geschieht mitten im Alltag, aber auch – in besonderer Weise – während festlichen Anlässen. Nicht umsonst ziehen sich die Festmähler wie ein roter Faden durch die Bibel: Gott verordnet seinem Volk regelmässige Feste24. Jesus wird – zwar polemisch, aber wohl nicht ohne Anlass – als Fresser und Säufer25 bezeichnet. Er setzt sich nicht nur mit seinen Freunden, sondern – in bewusster Verletzung religiöser Vorschriften – auch mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch26. Seinen Abschied am Gründonnerstag begeht er mit einem Essen – einer umgestalteten Passafeier27 – und setzt dabei das Abendmahl ein. In den Ostergeschichten zeigt und beweist sich der Auferstandene meistens beim Essen und Trinken28. Auch die Urgemeinde trifft sich regelmässig zum gemeinsamen Essen29. Beim christlichen Agapemahl kommen Menschen aus allen sozialen Schichten zusammen, und dies (meist) ohne Berührungsängste.
Im Gegensatz zu heidnischen Vorstellungen ist das Essen aber nie eine kultische Verbindung mit Gott. Deshalb gibt es für die Christen keinen Grund, Fleisch zu meiden, das heidnischen Göttern geweiht worden ist30. Ihre Verbindung zu Gott ist nicht an Speisegebote und -verbote gebunden31 – dies im Gegensatz zu den Juden, für die es im Alten Testament einige Grenzen gibt.

Grenzen und Freiheiten beim Essen
Freiheiten und Grenzen rund um das Essen werden schon ganz zu Beginn definiert: Alles steht dem Menschen zur Verfügung, ausser der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse32. Diese Mahlzeit würde den Menschen – nach Meinung der Schlange – zu Gott machen33. Und das ist, wie sich zeigt, eine tödliche Überforderung für den Menschen.
Nach der Erweiterung des Speisezettels (s.o.) bleibt der Genuss von Blut verboten34, weil das Blut als Sitz des Lebens verstanden wird. Diese Grenze wird für Christen im Jerusalemer Konzil35 in Frage gestellt und in der späteren Entwicklung aufgehoben. Dies gilt auch für die verschiedenen weiteren Essensvorschriften, etwa über den Fettkonsum bzw. das Vermeiden von «unreinem» Fleisch, die dem Volk Israel auferlegt worden sind36. Aus heutiger Sicht weiss man, dass viele dieser Vorschriften – insbesondere auch das Verbot des Fleischverzehrs von «unreinen» Tieren – im damaligen Umfeld nicht nur eine kultische, sondern auch eine tiefere gesundheitliche Bedeutung hatten. Das Fleisch von Schweinen gilt bis heute als wenig gesund.
Zusammenfassend ist zu sagen: Für Christen gibt es keinen Grund, Nahrungsmittel aus asketischen oder kultischen Gründen zu meiden, schliesslich sind für sie alle Speisen Teil der guten Schöpfung Gottes37. Trotzdem gilt die Empfehlung, auf bestimmte Speisen – etwa auf Götzenopferfleisch – zu verzichten, um Glaubensgenossen nicht zu verletzen bzw. in Gewissenskonflikte zu stürzen38. Auch Vegetarier bzw. Fleischesser sollen in der christlichen Gemeinschaft nicht ausgegrenzt, sondern akzeptiert werden39.
Das Geniessen gehört zur guten Schöpfung Gottes, der Schlemmerei wird aber ein Riegel vorgeschoben. Die Propheten warnen vor dem grenzenlosen und selbstsüchtigen Essen – womöglich gar auf Kosten der Armen. Das ist pure Gottvergessenheit40. Solches Tun provoziert den Zorn Gottes.
Wir wissen es aus der Ernährungslehre: Gedankenloses und übermässiges Essen kann den eigenen Körper schädigen. Das aber ist nicht im Sinne des Schöpfers. Als «mobiler Tempel»41 soll unser Körper ein gut gepflegter Aufenthaltsort für den Heiligen Geist sein. Für Christen ist deshalb eine gesunde, ausgeglichene und faire Ernährung – gerade im heutigen Umfeld – unerlässlich für einen glaubwürdigen Lebensstil. In diesem Zusammenhang müssen und sollen auch die Fragen nach dem Mass des Fleischkonsums gestellt werden.

Das Essen weist uns hin auf Gott
Das Essen ist nichts Selbstverständliches. Es ist eine Gabe Gottes. Es soll deshalb immer wieder erbeten42 und verdankt werden43. Das ist der tiefere Sinn unserer Tischgebete.
Das Essen hat aber auch noch eine weitergehende Bedeutung. So wie wir das Essen kosten und schmecken können, sollen wir auch die Güte Gottes44 und dabei auch etwas von der zukünftigen Welt Gottes schmecken45. Warum also nicht mal mit einem guten Glas Wein auf Gott oder das ewige Leben anstossen?
Wie der äussere, braucht auch der innere Mensch seine tägliche Nahrung. Wichtigstes Nahrungsmittel ist dabei jedes Wort, das aus dem Munde Gottes kommt46. Zuerst das Wort Gottes, wie es in der Bibel oder Predigt zu uns spricht, aber auch das aktualisierte Wort durch Eingebungen des Heiligen Geistes und – ganz grundsätzlich – auch das Reden Gottes in der Natur, im Gestalt gewordenen Wort Gottes47. Auch in diesen Bereichen ist eine regelmässige und gesunde Ernährung lebensnotwendig.
Jesus bezeichnet seinen Dienst in Übereinstimmung mit dem Willen seines Vaters als Speise, von der er lebt48. Sein Auftrag nährt sich aus dem Hören auf das, was Gott will.
Er selber ist und wird in diesem erweiterten Sinne für uns zum Brot und Wasser des Lebens. Das ist unvergängliche Speise, die auch den tieferen Hunger und Durst stillt. Wer an ihn glaubt, hat im Sohn Gottes ein Lebensmittel gefunden, das ihn zu Gott und damit ins ewige Leben führt.
Schliesslich wird auch die Erwartung der Wiederkunft Christi immer wieder mit festlichen Mahlzeiten verbunden. Und aus der vom Lamm Gottes dominierten Stadt der neuen Welt fliesst ein Strom, der von Bäumen gesäumt ist: sie tragen jeden Monat Früchte und ihre Blätter heilen die Nationen49. Ein Heilungsprozess, der mit dem ersten Auftreten von Jesus begonnen hat und mit seiner zweiten Ankunft vollendet wird.

Im Abendmahl kommt alles zusammen
Zurück zu unserer Gegenwart. Jesus hat sich vor seinem Tod mit dem Abendmahl aus dem Jüngerkreis verabschiedet – und ist in neuer Weise bei ihnen geblieben: als «Manna» für das neutestamentliche Volk Gottes50 und als Wegzehrung zwischen Karfreitag, Ostern, Auffahrt auf der einen und seiner Wiederkunft auf der andern Seite. In der Zwischenzeit verzichtet Jesus auf dieses Essen. Er wird es erst wieder mit allen Christen zusammen feiern51. Für uns ist er in dieser Zeitspanne geheimnisvoll im Abendmahl gegenwärtig. Er ist das Himmelsbrot, das wir essen dürfen52 – im Gedenken an ihn und an das, was er für uns getan hat. Er nährt uns mit seiner Gegenwart am inneren Menschen.
Das Abendmahl lebt vom Teilen, es findet in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten statt. Die Nachfolger Christi essen vom selben Leib, trinken vom selben Blut und leben aus derselben Vergebung. Die Verletzung dieser Gemeinschaft wird nicht geduldet, alle sollen genug haben53.
Das Abendmahl verdeutlicht das Reich Gottes und seine Ziele. Es ist ein Essen, das uns mit der Vergangenheit verbindet, für die Gegenwart stärkt und uns auf die Zeit verweist, in der jeder Durst und Hunger auf ewig gestillt sein werden.

 

1 Wir beschränken uns in diesem Beitrag bewusst auf das Essen.
2 1 Mose 2,7
3 Bräumer, Hansjörg in «Das erste Buch Mose», Wuppertaler Studien-bibel, Band 1, S. 70
4 Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, S. 429; dieses Werk (S. 414-431) war mir für den ganzen Beitrag eine grosse Hilfe.
5 1 Mose 1,29.30
6 1 Mose 9,2-4
7 Ps 104,27
8 2 Mose 16,4ff
9 Mt 14,20 oder Joh 2,7
10 3 Mose 25,19
11 1 Kön 17,10.11
12 Ps 104, 14-16
13 siehe unsern Beitrag auf S. 26
14 1 Mose 3,17ff
15 2 Thess 3,10
16 1 Mose 41,35ff
17 Sünde, die über die zwischenmenschlichen Beziehungen hinaus auch gesellschaftliche Bereiche betrifft.
18 Jes 58,7
19 5 Mose 24,19.20
20 Mi 4,4
21 Phil 4,12
22 Lk 12,19-21
23 Jes 9,17-19
24 5 Mose 16
25 Mt 11,19
26 Mk 2,15ff
27 Mk 14,12-25
28 Apg 10,41
29 Apg 2,46
30 1 Kor 4,8
31 Röm 14,17
32 1 Mose 2,16.17
33 1 Mose 3,4.5
34 1 Mose 9,4
35 Apg 15,19.20.29
36 3 Mose 7,22ff; 11
37 1 Kor 10,25.26
38 1 Kor 8,13
39 Röm 14,2.3
40 Am 4,1
41 Eph 2,22; 1 Petr 2,5; 1 Kor 6,19.20
42 siehe das «Unser Vater-Gebet»
43 Mk 6,41
44 Ps 34,9
45 Hebr 6,4-6
46 Mt 4,4
47 1 Mose 1-2,3; Joh 1,1-3
48 Joh 4,34
49 Offb 22,1.2
50 1 Kor 10,3.4
51 Lk 22,14ff
52 Joh 6,41ff
53 1 Kor 11,20ff


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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