Glosse

Viele Berater für mein Bauchgefühl

Thomas Hanimann Gewichtsprobleme? Vergessen Sie die Ernährungspyramide für die gesunde Ernährung! Im Buchsortiment der Ernährungsratgeber finden Sie garantiert etwas für Ihren Geschmack.

Kennen Sie den Dukan? Ich meine nicht den edlen Vogel mit dem farbenprächtigen Schnabel, sondern den französischen Ernährungsdoktor Pierre Dukan. Dank ihm weiss ich nun endlich, wie ich sie angreifen kann: die zu vielen Pfunde auf der Waage. Monsieur Dukan schlägt vor, in der so genannten «Angriffsphase» ausschliesslich Proteine zu essen, also: Fleisch, Fisch, Milch und Geflügel. Ja kein Fett, natürlich. Diese Auswahl sollte dann in der «Aufbauphase» und der «Stabilisierungsphase» mit etwas Gemüse ergänzt werden. In der «Erhaltungsphase» geht es nur noch um das Eine: Jetzt nur nicht wieder zunehmen! Dazu führe ich jeden Donnerstag wie oben beschrieben einen Angriffstag durch, nehme an den übrigen Tagen täglich drei Esslöffel Haferkleie zu mir – und ja nie mehr den Lift.
Beeindruckt von all den gewichts- und lebensverändernden Ratschlägen scheinen mir die unzähligen Gourmet-Kochbücher, diejenigen mit Rezepten zu Pizza, Pasta, Grillspezialitäten, Fastfood, Kartoffelgratins, Älplermagronen und Sahnedesserts schon fast eine teuflische List zu sein.
Eine bessere Alternative bietet die «Anti-Stress-Ernährung». Wenn statt Brot nur noch eine Portion Quark-Leinöl, ein glutenfreies Müesli mit Mandelmilch, Gemüsesticks mit Avocadochip oder sogar Spiegeleier mit Schinken (!) in mein Verdauungssystem gelangen, freut das mein «Darmhirn». Denn es gilt: «Unser Darm ist ein wichtiger Aktivposten bei der Stressprävention und -bewältigung».
Eine poetische Option wäre das Abnehmen mit «Smoothies», den schnell gemixten Vitaldrinks. Hier überzeugt nur schon der Slogan: «Abnehmen im Einklang mit Körper und Natur.»
Weitere Ratgeber führen mich mit «Metabolic Balance» ins gesunde Leben. Entscheidend ist hier die Reduktion auf drei Mahlzeiten mit jeweils mindestens fünf Stunden Pause dazwischen.
Sollte ich mich vielleicht einem «Body Reset» unterziehen? Das ergibt in den ersten zwei Wochen zwei bis vier Kilogramm Gewichtsverlust, versprochen! Mit diesem Resetting bekomme ich mein Ungleichgewicht im Säuren-Basen-Haushalt in den Griff. So vermeide ich die krankmachende Übersäuerung des Magens und halte die ph-Werte meines Blutes konstant.
Falls auch das nicht hilft, kann ich die «Paläo-Power-Methode» empfehlen: Abnehmen wie die Steinzeitmenschen. Mammutsteaks müsse man dabei aber nicht verzehren, auch keine Moose oder Farne, versichern die Kenner dieser «Jäger und Sammler»-Diät. Aber an die Steinzeit erinnern dürfe man sich schon. Schlicht, indem man unsere kulturell versauten Lebensmittel meidet, die es zur Steinzeit noch nicht gab. Und wenn hierzulande mit Essensvarianten aus der Zuckerrübe nicht mehr alles abgedeckt werden kann, kann man ja auf fremde Süssstoffe ausweichen – wie Luo Han Guo, Rubusosid oder Stevia. Und selbstverständlich auf den wilden Honig, Marke «Johannes der Täufer».
Auch mit einer «Kräuter-Diät» könnte ich besonders rasch Erfolg haben – wenn ich sie denn einhalten würde. Die Bitterstoffe von Anis, Koriander, Lavendel, Löwenzahn, Mate, Portulak, Pu-Erh, Salbei, Acai, Vanille, Schnittlauch, Wacholder und Konsorten seien kaum zu überbieten an gesunden Komponenten, sie sind sozusagen natürliche Geheimwaffen gegen überflüssige Pfunde.
Vielleicht müsste ich weniger über die Zusammensetzung der Nahrungsmittel und mehr über meine unkontrollierten Gelüste nachdenken. Zum Beispiel mit der «Chopra-Methode»: Sobald ich mir bewusst werde, wonach mich wirklich gelüstet – nämlich danach, in meinem Leben Erfüllung zu finden – werde ich mit links abnehmen. Mein Übergewicht kommt ja ohnehin aus den negativen Erfahrungen auf meinem Lebensweg. Deepak Chopra zeigt den Ausweg: «Schreiben Sie die Geschichte Ihres Lebens neu!»
Wenn alles nicht hilft, bleibt noch die Ego-Diät. Sie besagt: Mit genug Selbstwertgefühl und einem gesunden Egoismus haben Sie den Schlüssel zum Wunschgewicht rasch gefunden, ganz nach dem Motto: «Nur Sie zählen, nicht die Kalorien.»

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