Gesellschaft

Essen als Religion

Alex Nussbaumer Der Vermieter einer Liegenschaft in Zürich verlangte kürzlich von seinen zukünftigen Mietern, dass sie vegetarisch leben1. Dieser Vermieter ist Anhänger der Mazdaznan-Religion. Das ist eine Mischreli-gion mit zarathustrischen, christlichen und hinduistischen Elementen. Die Anhänger sind Vegetarier und machen täglich Atem- und Meditationsübungen.

Dieses zugegebenermassen etwas exotische Beispiel zeigt, dass sich Re-ligion häufig in Essensvorschriften ausdrückt.

Jüdische Regeln
Aus dem Judentum kennen wir eine Unzahl solcher Regeln. In 2. Mose 23,19b lesen wir: «Ein Böcklein sollst du nicht in der Milch seiner Mutter kochen.» Daraus wurde eine strenge Aufteilung in «fleischige» und «mil-chige» Lebensmittel aufgebaut. Orthodoxe Juden haben zwei Küchen, eine Fleisch- und eine Milchküche. Was den jüdischen Speisegesetzen entspricht, ist koscher. Und das wirkt sich bis in den Alltag hinein aus. Im jüdischen Museum in Berlin steht zum Beispiel ein Automat für koschere Gummibärchen.

Muslimische Vorschriften
Auch praktizierende Muslime beachten eine Vielzahl von Speisegeboten. Muslime unterscheiden während des ganzen Lebens, insbesondere beim Essen, zwischen «halal» (rein, erlaubt) und «haram» (unrein, verboten). In der Sure 5,3 des Korans lesen wir: «Verboten ist euch … Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer Name angerufen wurde als Allahs.» Nur geschächtetes Fleisch ist erlaubt: Das Tier muss ausbluten, ohne vorher betäubt worden zu sein. Neben Schweinefleisch und Götzenopferfleisch ist auch Alkohol verboten.

Neue Heilslehren
Religion drückt sich also in Essensvorschriften aus. Gilt auch das Umgekehrte? Zeigen Essensvorschriften, dass ein religiöser oder ersatzreligiöser Hintergrund vorhanden ist? Logisch zwingend ist dieser Umkehr-schluss nicht, aber ich postuliere ihn zumindest als Möglichkeit: Essen kann zur Religion, bzw. zum Religionsersatz werden.
Das zeigt sich oft in Ernährungskonzepten. Die Bio-Welle wirkt als Tür-öffner für Makrobiotik, Rohkost, Urkost, Veganismus oder Steinzeitdiät. Diese Konzepte haben in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit etwas gemeinsam: Sie bieten alle eine Heilslehre. Wer ein entsprechendes Konzept praktiziert, oder vielmehr zu seinem Lebensmittelpunkt macht, der wird durch sein Tun gesegnet: Er erreicht seine Traumfigur und er erntet «ewige» Gesundheit, Glück, Wohlbefinden und auch die Genesung von allen erdenklichen Krankheiten.
Selbst wenn die Wörter «Sünde» und «Moral» nicht verwendet werden, so haben doch diese Ernährungslehren ihren eigenen Sünden- und Moral-kodex. Übergewicht ist sündhaft. Oder zumindest das Verhalten, das dazu geführt hat: zu viel und zu ungesundes Essen sowie zu wenig Bewegung. So wird die Ernährungs- und Übergewichts-Moral zum Religionsersatz. Die Askese wird von der Ursprungsreligion getrennt, zu einem eigenständigen Wert gemacht und mit neuen Kulten verbunden. Denken wir nur an den Schlankheits-Kult.
Viele Menschen mit Übergewicht oder mit einer Vorliebe für Süsses, Fettiges oder Salziges leben daher ständig mit einem schlechten Gewissen. Sie fühlen sich permanent schuldig und wagen es kaum noch, etwas Gutes genüsslich zu essen. Sie stehen dadurch unter enormem Stress. Und Stress kann bekanntlich dick machen ...

Das Richtig-essen-Wollen

Bereits in den Neunzigerjahren sprachen Beobachter der Szene von einer neuartigen pathologischen Essstörung.
Man erfand für diese Störung ein neues Wort: Aus «Orthodoxie» (Rechtgläubigkeit) und «Anorexie» (Magersucht) wurde
das Wort «Orthorexie» gebildet, das «Rechtessen». Wer zum Fundi-Ernährungs-junkie wird, steht bald unter einem Kontrollzwang,
der in die gesellschaftliche Isolation führen kann. Sozialkontakte und Restaurantbesuche sind nicht mehr möglich, weil die
Gefahr droht, «unrein» essen zu müssen. Das erinnert an Phänomene, die man bei Anhängern strengreligiöser Richtungen
feststellen kann. Freiwillige Sozialkontakte gibt es fast nur noch innerhalb der Gruppe der Rechtgläubigen.Auch wenn wir verantwortlich leben sollen: Es ist gut zu wissen, dass der christliche Glaube uns auch hier mehr Freiheit gibt!

1 NZZ vom 19. September 2014, S. 20

 

Alex Nussbaumer ist Pfarrer der Reformierten Landeskirche

alex.nussbaumer@zh.ref.ch

To top