Literatur

Die Tyrannei der Ironie

Alexander Arndt Als David Foster Wallace sich 2008 nach langer Depression im Alter von nur 46 Jahren das Leben nahm, verlor die sogenannte «Generation X» mit dem amerikanischen Schriftsteller ihre vielleicht wichtigste Stimme.

In kurzer Zeit wurde sein Werk «kanonisiert» und der Autor von Fans und Feuilleton zum «Saint Dave» stilisiert. Eine 2005 vor Studenten gehaltene Rede verbreitete sich digital und erschien postum als «Dies hier ist Wasser» im Druck. Auszüge dieser «Gedanken, vorgetragen zu einem bedeutenden Anlass, über ein Leben in Nächstenliebe» tauchen seitdem auch immer wieder in Gottesdiensten auf, die sich einen jung gebliebenen Anstrich geben wollen.

Der ironische Zeitgeist
Wallace lesen, das wurde für manche zu dem, was er 2006 in einem Essay über das Spiel Roger Federers resümierte, nämlich zu einer quasi «religiösen Erfahrung». Wie wenigen gelang es ihm, den ironischen Zeitgeist mit Hilfe der Sprache einzufangen und seiner Botschaft «Nichts-ist-mehr-
etwas-wert» Gestalt zu geben.
Anders als Grössen der postmodernen Literatur wie Pynchon, Barth oder DeLillo, war Wallace nicht bereit, diesem Zustand fröhlich zu hofieren. Sein Werk thematisiert die geistige Verelendung, die aus einer Kultur im Zerfall erwächst. «Man täusche sich nicht: die Ironie tyrannisiert uns», reflektierte er 1990 in einem Essay. Der Ironie ist schwer beizukommen. Sie zersetzt rundum alles, auch ihre Kritiker, die zum spöttischen Abschuss frei gegeben werden.

Unendlicher Spass

Sie ist kaum mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Dies verdeutlicht sein Roman «Unendlicher Spass» von 1996. Die verschiedenen Erzählebenen dieses ausufernden literarischen Ungetüms sind bevölkert von gesellschaftlichen Monaden1, die von der Sinn- in die Haltlosigkeit getrieben werden. Vages Zentrum ist ein skurriles Entertainmentprogramm, das wie der Gesang der homerischen Sirenen ausnahmslos alle in den Bann zieht. In endloser Zerstreuung vergisst man zu leben.
Die stärksten Momente sind autobiografisch gefärbte Skizzen, die von Sucht und Depression handeln. Hier lässt Wallace in fein ziselierten Detailaufnahmen einzelnen Schicksalen Raum und webt Fragmente der eigenen Sinnsuche ein, die ihn selbst durch diverse Abhängigkeiten und Therapien geführt hatte.

Dies hier ist Wasser
In «Dies hier ist Wasser» bemüht er sich, dem Intellekt die Angst vor dem Schlichten zu nehmen, in dessen Gestalt die Wahrheit oft erscheint. Das Offensichtlichste liegt vor uns: Unsere «Standardeinstellung» macht uns zum «absoluten Mittelpunkt des Universums», voller Vorurteile und selten hinterfragter Selbstbezogenheit. Gegen eine instrumentelle Vernunft, die immer den eigenen Vorteil im Auge hat, setzt Wallace das Vermögen zurückzutreten, sich achtsam zu öffnen, die Dinge aus der Perspektive des Nächsten zu sehen und so tiefere Schichten der Erfahrung freizulegen. Dies ist für ihn «nicht nur sinnvoll, sondern heilig ... mit einer Energie geladen ..., die Sterne erschaffen konnte, Anteilnahme und Liebe, die unterschwellige Einheit aller Dinge».
Wallace plädiert dabei nicht einfach für spirituelle Empfindungen. Er unterstreicht nur die Klaustrophobie2 eines Seins, das das Ich nicht zu transzendieren vermag. Die Verherrlichung des endlichen und so unvoll-
kommenen Egos «frisst Sie bei lebendigem Leib». Geist und Herz sind zu sensibilisieren. «Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod, ... Offenheit für das Wahre und Wesentliche, das sich vor unser aller Augen verbirgt.» Empathie und Nächstenliebe benötigen kein Glaubensbekenntnis, um ihre heilsame Wirkung zu entfalten.
Hierin liegt die nicht zu unterschätzende Bedeutung dieser Rede für jene, die sich der verstörenden Leere des Zeitgeists bewusst und vielleicht zu skeptisch sind für geschichtlich scheinbar überholte Heilsbotschaften. Wallace, zu dessen Lieblingstexten C.S. Lewis’ «Dienstanweisungen an einen Unterteufel» gehörte, war kein christlicher Apologetiker. Aber er nahm die Sehnsucht nach einer Wahrheit ernst.
Ironie ist eine Schutzreaktion des zweifelnden Geistes vor der Entwertung aller Werte. Doch damit ist sie auch ein Klischee, das zu benennen die sehr menschliche Furcht vor «transzendentaler Obdachlosigkeit» (Lukács) freilegt. Wallace gelang es, diese Angst zur Sprache zu bringen und damit auf unsere Menschlichkeit zu verweisen. Wir dürsten nach Wahrheit. Aus dieser Einsicht erwächst Heilung.

Literaturhinweise
David Foster Wallace: «Unendlicher Spass», dt. von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2009.
David Foster Wallace: «Das hier ist Wasser / This Is Water», dt. von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2012.
D. T. Max: «Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte: David Foster Wallace. Ein Leben.» Kiepenheuer & Witsch, 2014.

1  Einzelwesen
2 Das klaustrophobische Gefühl des Im-eigenen- Kopf-eingesperrt-Seins bildet in Wallace’ Werk ein deutliches semantisches Feld. Immer wieder finden sich Bilder wie das der «Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgrossen Königsreichs zu sein, allein im Mittelpunkt der Schöpfung», die mit Angst, Depression und Einsamkeit verbunden sind.

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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