Musik

Déjà vu

Jean-Daniel von Lerber Letzten Sommer hat mich Albino Montisci überrascht. Der italienische Cantautore hat im Mai 2014 still und heimlich ein neues Album mit dem Titel «Giorni Infiniti» aufgenommen und veröffentlicht. Frei übersetzt heisst das «Ewig andauernde Tage». Dies ist das erste Studioalbum mit neuen, alltagsbezogenen Songs seit 10 Jahren! Dahinter steht eine eindrucksvolle Geschichte.


Seit über 35 Jahren spielt Albino Montisci öffentlich auf seiner Gitarre. Cinzia, seine Frau, schreibt die Texte zu seinen Liedern. Ich bin
dem kleinen, filigranen Sarden zum ersten Mal in Holland begegnet. Als Stagemanager des Christian Artists Seminars gehörte es zu meinen Aufgaben, mit allen auftretenden Bands die Soundchecks durchzuführen und allfällige «Spezialitäten» ausfindig zu machen, die für die Produktion des Abends wichtig waren. Da stand sie nun erstmals vor mir – die kleine Gruppe von Italienern, ausgerüstet mit Gitarren, Cellos, Flöten und Violinen. Sie sprachen kein Wort Englisch – und ich kein Wort Italienisch. Wir verständigten uns deshalb mit Händen und Füssen.

Eine ganz besondere Formation

Schon bei den ersten Tönen war klar: Da steht eine besondere Mixtur von Musikern auf der Bühne. Die mediterranen Lieder, umrahmt von einem Cello und Flötenklängen von Luca Genta, zogen die 1500 Besucher schnell in ihren Bann. Und als Albino dann sogar noch zu tänzeln begann, war das Eis endgültig gebrochen. Ich erlebte einen Musiker, der mit seinen Liedern die Grösse Gottes und die Schönheit der Schöpfung besingt, und der klangmässig stark an Angelo Branduardi erinnert.
In den 80ger-Jahren wurde Albino Montisci zu einem gern gesehenen Gast auf vielen Bühnen Europas, vor allem auch in der Schweiz. Sein Auftritt am legendären Vindonissa Festival – er trat damals mit einem kleinen Orchester auf – markierte den Beginn seiner vielen Schweizer Konzerte im Laufe der folgenden Jahre. Die legendäre Formation mit Luca und Marco Genta und Emmanuele Saladino an den Drums hat viel zu den Erfolgen Montiscis beigetragen.
Es folgten diverse Studioaufnahmen. 1996 tourte er durch Europa mit seinem Album «Dietro l’Anima» (Hinter der Seele), welches zuvor in der Toscana aufgenommen worden war. Die Band spielte zusammen mit einigen Gastmusikern alle Songs in einem wunderschönen Landhaus inmitten von Olivenhainen und Weinbergen ein. Noch mehr «Mediterranità» war kaum mehr möglich …

Engagement vor Ort

Dann wurde es ruhiger um Albino. Nicht etwa, weil er die Musik an den Nagel gehängt hätte. Nein, er begann, sich intensiv am Aufbau ei-
ner Jugendarbeit in Turin, seinem Wohnort, zu engagieren, die er heute noch leitet. Viele Jugendliche haben durch diese Arbeit den Zugang zu einer christlichen Gemeinde und zu Christus gefunden.
Natürlich hatten sich in der Zwischenzeit die Musikstile selber wie auch der Musikgeschmack verändert. Er aber blieb seiner Musik über all die Jahre treu. Sie ist inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden. Aber: Sie ist nicht mehr «en vogue».

Ein Zeichen der Hoffnung
Dass jetzt dieses neue Album erscheint, ist in keiner Weise selbstverständlich.
Bekanntlich hat die Wirtschaftskrise Italien stark durchgeschüttelt. Künstler sind davon besonders hart betroffen. Gagen gibt es kaum noch, Spesen für Konzerte werden auch nur noch zum Teil vergütet. Die Jugend, und darunter fallen auch die drei erwachsenen Kinder von Albino, hat kaum Berufschancen, 40% sind arbeitslos.
«Giorni Infiniti» trägt die Handschrift der ganzen Familie Montisci. Die Töchter Naomi und Damaris spielen Violine und Harfe; Josiah, der Sohn, ist zum Drummer geworden und Cinzia hat ihr verstaubtes Cello wieder ausgepackt. Dass dabei die Vorliebe der Jungen für irische Musik mit eingeflossen ist, tut den Kompositionen nur gut. Sie kommen frisch und zuversichtlich daher. Und sie spiegeln die Atmosphäre der Tage, die ewig andauern werden.

 

Jean-Daniel von Lerber ist seit 30 Jahren Kulturagent; er leitet PROFILE Productions in Richterswil ZH.

jean@STOP-SPAM.profile-productions.ch 

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