Pädagogik

Welche Schule meinen wir?

Andreas Schmid Das medial vermittelte Bild von Schule und die bildungspolitische Diskussion sind häufig geprägt von vereinnahmenden, holzschnittartigen Vereinfachungen. Hinzu kommt: die eigenen Schulerfahrungen liegen einige Jahre bis Jahrzehnte zurück.

Welche Schule meinen wir also, wenn wir argumentieren? Im Folgenden skizziere ich einige Szenen aus dem Bildungsalltag an einer Pädagogischen Hochschule, nachgezeichnet aus der (natürlich ebenfalls) subjektiven Sicht eines direkt Beteiligten ...

Lernumgebungen gestalten und eigenständiges Lernen anregen

In kleinen Beratungsgruppen werden im Hinblick auf das anstehende fünfwöchige Abschlusspraktikum die vorbereiteten Unterrichtseinheiten gegenseitig vorgestellt, die Umsetzungen diskutiert und Rückmeldungen gegeben. Ich erlebe drei hochmotivierte, differenziert argumentierende Studentinnen, die aufeinander eingehen und gleichzeitig die geplanten Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler sorgfältig analysieren. Am Schluss der eineinhalb Stunden bin nicht nur ich als Mentor angetan bezüglich der Arbeitskultur und den Ergebnissen, auch die angehenden Lehrerinnen freuen sich über die erzielten Fortschritte für die Umsetzungsarbeit mit der Klasse. Und ich freue mich für die Schüler, die einmal solche Lehrerinnen haben werden ...

Schwierige Eltern
Ein Bildungsforscher erläutert die Resultate neuerer Studien zum Bereich «Schule und Familie». Ein Resultat gibt zu denken: Einer der häufigsten Gründe, den Lehrerberuf in den ersten Jahren aufzugeben, sind Schwierigkeiten im Umgang mit Eltern.
Die Befunde werden im anschliessenden Mentorat vertieft. Die teilnehmenden Studierenden absolvieren den berufsbegleitenden Masterstudiengang, sie arbeiten bereits teilzeitlich. Der Wechsel vom Berufsalltag an den Ausbildungsort ermöglicht spannende Fragestellungen und realistische Bezugspunkte. Zur Illustration des Themas bringt ein Student einen Mailwechsel mit Eltern eines Schülers mit. Aufgrund einer Geografieprüfung, die aus Sicht der Eltern zu wenig gut vorbereitet wurde, wird dem Lehrer ein unkonstruktives Verhältnis zur Klasse vorgeworfen. Ich staune über die professionelle Reaktion des Studenten: In einem langen Antwortmail hat er seine methodisch-didaktischen Überlegungen sachlich dargelegt. Der (aufwändige) Versuch, auf diese Weise den Eltern einen Einblick in den Schulalltag zu ermöglichen, scheitert leider weitgehend: zu gross ist deren Sorge, dass der Schulerfolg ihres Sohnes in Gefahr ist; sie sind nicht in der Lage, sich auf die Hintergründe der verwendeten Lernmethoden einzulassen.

Unterrichten in einer städtischen Agglomerationsgemeinde
Das ist eine möglicherweise zu anspruchsvolle Herausforderung für einen Junglehrer, so meine oberflächliche Vormeinung. Interessant die Aussage des Lehrer-Studenten: «Ich wollte hierher unterrichten kommen.» Er hat selber einen Migrationshintergrund und weiss um die speziellen Situationen seiner Schülerinnen und Schüler. Ich beobachte einen überzeugend strukturierten und angeleiteten Unterricht, in dem die Jugendlichen mitziehen. Hat das damit zu tun, dass der Student seine Lehrerrolle schon sehr klar einnimmt und gleichzeitig «den Draht findet» zu seinen Schülern? Im Anschluss zeigt er mir die neu aufgebauten Lernateliers. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, mit den Schülerinnen und Schülern in diesen selbstständigen Arbeitsformen nachhaltige Lernwege zu gestalten. Sie gelingt vor allem auch darum, weil der Lehrerstudent eine ganz erfreuliche Unterstützung seitens der Schulleitung und der älteren Kolleginnen und Kollegen geniesst. Und nicht zuletzt versetzt mich die hohe Sozialkompetenz der Schüler, die sie in ihrem Umgang untereinander an den Tag legen, in Erstaunen. Das wirft Fragen auf zu meinen eigenen vorgefassten Bildern – lehrreich!

Mein Bild der Schule?
Welche Bilder werden bei uns in bildungspolitischen Diskussionen abgerufen? Ich für meinen Teil gewinne die Überzeugung für die Schule von heute und morgen vor allem auch aus solchen Beobachtungen: Wer sind die Menschen darin, und wie gestalten sie ihre Beziehungen und den Berufsalltag? Gehen Sie doch wieder einmal in die Schule und fragen Sie nach – es ist hochspannend! Und möglicherweise relativieren sich einige Bilder ...

 

Andreas Schmid ist Dozent Berufsbildung im Sek I-Studiengang an der PHZ Luzern. Der Erziehungswissenschaftler

leitete zehn Jahre den Bildungs- und Ferienort Campo Rasa. 

aj.schmid@STOP-SPAM.bluewin.ch  

To top