Religionen

Interreligiös ehrlich?

Georg Schmid Warum verlasse ich interreligiöse Gespräche oft mit gemischten Gefühlen? Solche Gespräche sind in einer Zeit der weltweiten religiösen Konflikte dringend nötig. Die sogenannten Religionsvertreter sind in der Regel höflich und nett, oft sogar ausgesprochen nett. Niemand wird verletzt. Jede und jeder kann sich ausdrücken und ihre, bzw. seine Religionsgemeinschaft im besten Licht präsentieren.


Bei diesen Treffen gibt es einige typische Elemente. Zum besseren gegenseitigen Verstehen werden dem durchaus verständigungsbereiten Publikum jeweils ein paar ermunternde Zitate aus den heiligen Schriften der diversen Gemeinschaften vorgelesen. Fremdenfeindliche Tendenzen in unserer Gesellschaft werden an den Pranger gestellt. Auch die Spitze dieser Tendenzen, das Minarettverbot, kommt gerne mit ungebrochener Entrüstung zur Sprache. Das anwesende Publikum sonnt sich einen Abend lang in seiner Weltoffenheit und Toleranz.
Kurz – interreligiöse Gespräche sind denkbar harmonische Anlässe. Alle sind glücklich. Die anderen, die weniger Toleranten, sitzen gar nicht im Publikum. Warum aber, wenn alle Anwesenden nach einem Gesprächsabend glücklich sind, warum bin ich nicht ebenso glücklich und zufrieden?

Irritationen
Vielleicht traue ich unseren interreligiösen Gesprächen noch zu wenig. Vielleicht treibt mich die peinliche Differenz um, die sich zeigt, wenn ich die Voten mancher Religionsvertreter mit den Meinungen vergleiche, die sie intern, in ihrer eigenen Gemeinschaft vertreten. Was das verständigungsfrohe Publikum hört, ist eben nicht immer das, was der gläubigen Gemeinschaft vorgetragen wird. Vielleicht ärgert mich die Unfähigkeit mancher Religionsvertreter, zu den Abgründen zu stehen, die – wie in der Geschichte jeder Religion so auch in ihrer – aufgebrochen sind und aufbrechen.
Vielleicht irritiert mich eines der grössten Tabus unserer Zeit: Wir dürfen zwar auch in der Öffentlichkeit jede Religion kritisch besprechen und tun dies vor allem im Blick auf die Bibel und das Christentum oft auch intensiv. Aber diese Freiheit gilt nicht im Blick auf den Koran und
den Islam. Unsere muslimischen Freunde empfänden unsere kritischen Voten rasch als Blasphemie – als Lästerung ihrer Religion. Und wie die radikalsten Moslems auf Blasphemie reagieren, wissen wir. Wie aber kann ein ehrliches interreligiöses Gespräch gelingen, wenn mit verschiedenen Ellen gemessen wird, wenn also Kritik an einer der anwesenden Religionen von vornherein ein Tabu ist?
Ehrlich werden
Hier liegt wahrscheinlich der eigentliche Grund für den schalen Geschmack, den interreligiöse Gespräche nicht selten in mir hinterlassen. Ich finde, dass wir aus lauter Respekt und Höflichkeit dazu neigen, uns gegenseitig hinters Licht zu führen. Um ein altes Wort wieder aufzugreifen: Gut gemeint aber schlecht beraten «heucheln» wir interreligiös. Wir sagen uns nicht, was wir wirklich voneinander denken und berufen uns auf Publikationen, die genau dasselbe tun.
Wer kann sich da wundern, wenn die sogenannten interreligiösen Gespräche – so dringend nötig sie wären – im Kern der religiösen Gemeinschaften wenig verändern? Wir müssen im interreligiösen Gespräch ehrlicher, offener und angstfreier aufeinander zugehen. Wir müssen einander auch harte, kritische Fragen zumuten. Sonst wird aus den interreligiösen Gesprächen zuerst ein skurriles Hobby der grundsätzlich Toleranten und anschliessend sofort das Drama der verpassten Chancen. In einer Welt voller religiöser Konflikte ist es höchste Zeit, dass wir einander ehrlicher begegnen.

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@STOP-SPAM.swissonline.ch 

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