Theater

The Civil Wars

Adrian Furrer Im Hintergrund ertönt Bach. Dazu das Gemurmel der Zuschauer. Letzte Verrichtungen auf der noch dunklen Bühne. Eine Ständerlampe wird eingeschaltet. Nun wird im warmen Licht eine bürgerliche Allerweltsstube sichtbar, ein ältliches Sofa und ein gepolsterter Hocker. Über dem Wohnzimmer eine Leinwand, auf die ein klassischer Theatervorhang projiziert ist.

Ein hagerer Mittdreissiger betritt beiläufig die Bühne, setzt sich auf den Hocker und wartet. Denkt nach, kratzt sich am Kopf, setzt sich nochmals anders hin. Etwas nervös bemerkt er sein eigenes Gesicht, das jetzt live und übergross auf der Leinwand erschienen ist. Nochmals ein Kratzen, ein Zögern, doch dann beginnt er zu sprechen: «kunstlos», genau und konzentriert. Und wir sind mitten drin im wohl verstörendsten Kapitel unserer Gegenwart.

Nachgestellte Ereignisse

Der Mittdreissiger: «Vielleicht erinnern Sie sich an das Video, in dem ein Beamter Assads von jungen Djihadisten öffentlich hingerichtet wird. Sie schneiden ihm mit einem Messer die Kehle durch. Ein i-Phone nimmt alles auf. Und im Hintergrund hört man ‚oep sen beuck, oep sen beuck!’ – ‚auf den Bauch, auf den Bauch’ auf Flämisch. Mitten im syrischen Kriegsgebiet.»
 «The Civil Wars1» heisst die neueste Produktion des Schweizer Theatermachers Milo Rau und seiner Produktionsgesellschaft IIPM, dem «International Institute for Political Murder2». Bekannt wurde er durch seine sogenannten Reenactments, minutiös nachgestellte Ereignisse der jüngsten Geschichte: «Die letzten Tage der Ceausescus», «Die Moskauer Prozesse» (gegen die feministische Punkband Pussy Riot) und «Hate Radio», eine Rekonstruktion des ruandischen Völkermordradios durch Überlebende des Genozids. Diese «Wiederaufführungen» brachten Milo Rau beste Kritiken, internationale Anerkennung, Auszeichnungen – und ein Einreiseverbot in Putins Russland.

Scheiternde Lebensläufe
So war man also sehr gespannt auf die Premiere seines neuen Projekts am letztjährigen «Zürcher Theaterspektakel». Und wurde aufs Spannendste enttäuscht. Nicht die dramatisch scheiternden Lebensläufe von salafistisch verführten Immigranten standen im Mittelpunkt des Abends, sondern die implodierenden Familienbiografien der Schauspieler. Im Verlauf der Recherche zur Frage, wie es geschehen kann, dass immer mehr westlich-konsumistisch geprägte Jugendliche das genaue Gegenteil ihrer Sozialisation suchen, wurde den Beteiligten je länger desto mehr klar, dass dieser Hang zum Extremistischen zwar ein Symptom ist, dass aber die Gründe und Erklärungen andernorts gesucht werden müssen.
«Ein im Wachtraum gefangenes Europa» diagnostiziert Milo Rau und findet Gründe dafür in den Lebensgeschichten der Schauspieler, die für ihn exemplarisch sind für die Ortlosigkeit des europäischen Bewusstseins mit seinen Brüchen und Abbrüchen, seiner Utopielosigkeit. Und er fand alles, was er bei den Familien der Dschihadisten antraf, in anderer Form bei den Schauspielern wieder: den Extremismus, die Verzweiflung, den Wahnsinn, das Gefühl, seine Wurzeln verloren zu haben und – als ein Leitmotiv des Abends – das Fehlen von Vaterfiguren.

Konstruktiv leben in der Apokalypse

«Eine apokalyptische Grundstimmung» hat Milo Rau bemerkt und
zitiert den belgisch-libanesischen Politaktivisten Dyab Abou Jahjah: «Entweder wir finden eine gemeinsame Erzählung, oder wir haben in wenigen Jahren einen Bürgerkrieg in Europa.» Und Rau setzt noch einen drauf: «Und das ist meiner Meinung nach noch eher optimistisch formuliert. Gemäss einer Nasa-Studie ist die ökologische Katastrophe nicht mehr abzuwenden. Wer sich für eine mehr oder weniger zutreffende Schilderung dessen interessiert, was ab Mitte des Jahrhunderts auf unseren Planeten zukommt: Man findet das alles ziemlich genau in der Apokalypse des Johannes beschrieben.»
Trotz dieses dramatischen Befundes: Pessimismus ist Milo Raus Sache nicht. Er plädiert für ein entschiedenes ökologisches und gesellschaftliches Engagement. Und in diesen Kontext verortet er auch seine Theaterarbeit: «Für mich ist die Postmoderne vorbei, es gibt keinen Zustand, es gibt überhaupt nichts mehr, was dekonstruiert werden muss mit irgendwelchen Derrida- oder Adornotricks3. Es hat sich auskritisiert, es hat sich ausdekonstruiert. Vielmehr muss etwas konstruiert werden aus dem ideologischen Trümmerfeld, vor dem wir stehen. Das ist der Zugriff, der mich interessiert.»

1 Bürgerkriege
2 Internationales Institut für politischen Mord
3 Jacques Derrida gilt als Begründer der «Dekonstruktion», eines Denkens, das alle Gewissheiten hinterfragt; Theodor W. Adorno ist ein wichtiger Vertreter der «Frankfurter Schule», die eine neo-marxistische Gesellschaftskritik vertrat.

 

Adrian Furrer ist Schauspieler und Regisseur und wohnt in Henggart ZH.

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch  

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