Wohnen

Sorgfältig mit dem Boden umgehen: Verdichtet wohnen

Markus Zahnd / Anne-Lise Diserens1 Seit Beginn der 2000er-Jahre wächst die Bevölkerung in der Stadt Zürich wieder kontinuierlich an — auf heute ca. 400’000 Einwohner. Bis ins Jahr 2030 prognostizieren die Behörden ein Wachstum der Wohnbevölkerung um weitere 10 %. Gleichzeitig ist der durchschnittliche Wohnflächenverbrauch in den letzten 50 Jahren um das Doppelte auf ca. 50 m2 pro Person angestiegen. Das Gebot der Stunde heisst somit: Verdichtung nach Innen, damit die Besiedlung nicht noch mehr in die Agglomeration hinauswuchert. Das Thema betrifft jedoch nicht nur Grossstädte wie Zürich, sondern auch Kleinstädte wie zum Beispiel Langenthal. 


Wir zeigen an zwei städtischen Lösungen und am Beispiel Langenthal, wie verdichtet wohnen attraktiv und von der Bevölkerung gut abgestützt gestaltet werden kann.

Wohn- und Gewerbesiedlung Kalkbreite in Zürich

Die gemeinnützige Genossenschaft Kalkbreite hat in Zürich eine autofreie Siedlung erstellt. Realisiert wurden Wohnraum für 250 Personen und 150 Arbeitsplätze. Dabei wurde ein bestehendes Tramdepot integriert. Die Bewohnerinnen und Bewohner beanspruchen eine Wohnfläche von durchschnittlich 32 m2 pro Person und liegen somit unter dem zürcherischen Durchschnitt von 50 m2 pro Person. Diese Beschränkung wird kompensiert durch die gemeinsame Benutzung von grossen Dachterrassen, gemeinsamen Freiflächen, einem internen Café und einem grosszügigen Eingangsbereich mit einer kleinen Bibliothek. In der Kalkbreite finden auch neuartige Wohnformen Platz: Ein- und Zweipersonenhaushalte wurden zu Clustern2 gruppiert, dabei teilen in einem Grosshaushalt rund 50 Personen eine gemeinsame Infrastruktur mit gemeinsamem Essraum und einer grossen Küche, wo eine Köchin jeweils an den Wochentagen für alle eine Mahlzeit zubereitet.
Zudem wurde auf eine ökologische Bauweise im Minergie-P Standard geachtet. Somit ist diese Überbauung ein sehr gutes Beispiel einer Verdichtung auf allen Ebenen: der baulichen, funktionalen, sozialen wie auch der historischen Verdichtung. Eine vorbildliche Überbauung, die sozial, ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist.


Ersatzneubau in Zürich-Wipkingen3
Viele Siedlungen aus der Zeit der 50er-Jahre können heutigen Wohnansprüchen bezüglich Grösse und Haustechnik nicht mehr genügen. Das führt oft zu einem Abbruch und Neubau. Die Ersatzneubauten der Genossenschaft BDZ in Wipkingen weisen eine originelle Bebauungsstruktur auf – mit sechs zueinander verschränkten, dreiecksförmigen Wohnbauten in Hanglage. Sie nehmen damit Bezug auf die gegebene Bebauungsstruktur mit Einzelbauten und durchgrüntem Stadtraum im Stadtquartier Wipkingen. Die siebengeschossigen Bauten der Neuüberbauung wirken durch ihre horizontale Gliederung in den Fassaden, wie auch in ihrer Farbgebung weder zu massig noch zu hoch. Durch ihre dreiecksförmige Gebäudeform sind originelle Wohnungen für Einpersonen- bis Mehrpersonenhaushalte entstanden. Diagonale Durchsichten, begrünte Freiflächen und eine parallel zum Hang verlaufende Wegstruktur lockern die Bebauung auf. Eine dichte Bebauung, die gelungen ist und in die auch viele ehemalige Bewohner und Bewohnerinnen gerne zurückgekommen sind.

 

Äussere und innere Rahmenbedingungen von Langenthal
Die Kleinstadt Langenthal gilt gemeinhin als «durchschnittlichster Ort» der Schweiz. Mit diesem fraglichen Ruf behaftet unternimmt die Stadt in letzter Zeit jedoch vieles, um Überdurchschnittliches zu erwirken. Dabei steht sie wie andere Gemeinden vor grossen Herausforderungen. Dies gilt auch für die Raumentwicklung. Wie vielerorts in der Schweiz ging man in den letzten Jahrzehnten auch in Langenthal mit den natürlichen Ressourcen grösstenteils wenig haushälterisch um. So war die Stadtentwicklung meist verbunden mit einem relativ gedankenlosen oder zumindest sorglosen Verbrauch von neuem, unbebautem Boden. Trotz Warnrufen wurde erst spät erkannt, dass praktisch kein Boden mehr für eine solche Art von Entwicklung vorhanden ist.
Die äusseren Umstände verstärkten diese Wahrnehmung: Grosse Waldgebiete umranden die Stadt, dazu grenzen grössere Gewässer- und Landschaftsschutzzonen an das heutige Stadtgebiet. Für die Waldflächen wie für diese Gebiete gilt schon lange ein kantonales oder sogar bundesrechtliches Bauverbot. Die grösseren Grünflächen und Brachen, die es in der Stadt gibt, sind wegen Abfällen, die hier früher gelagert oder entsorgt wurden, grösstenteils kontaminiert. Eine finanziell tragbare Überbauung dieser Gebiete wurde so bisher verunmöglicht.
Zu diesen äusseren Umständen kommen seit Kurzem neue «innere» Rahmenbedingungen: die nationalen Vorgaben aus dem Agglomerationsprogramm des Bundes – woran sich die Stadt beteiligt – und die neuen kantonalen Vorgaben als Folge des revidierten Raumplanungsgesetzes4. Beide Bedingungen haben markante Auswirkungen für die Weiterentwicklung der Stadt. Sie ermöglichen aber gleichzeitig auch ganz neue Vorgehensweisen. Das ist wichtig, weil bisherige «Standardlösungen» in der Stadt zumeist nicht mehr zum Ziel führen. Als Folge davon sind eine offenere Sichtweise und eine grössere Bereitschaft zur Zusammenarbeit von Behörden, Planern und Investoren in der Stadt erkennbar. Diese Situation versucht die Stadtbehörde vermehrt zu nutzen, auch wenn neue Umsetzungen in vielerlei Hinsicht sehr he-
rausfordernd bleiben. Die Diskussion mit der Stadtbevölkerung und den Grundeigentümern, welche Kriterien konkret in den einzelnen Fällen gelten sollen und wie diese dann in die Realität umgesetzt werden können, steht erst am Anfang.

Innere Verdichtung – ein vielschichtiges Gebot der Stunde
Auch die Langenthaler Bevölkerung hat sich 2013 in der nationalen Volksabstimmung zur Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG) dafür ausgesprochen, dass der Zersiedelung Einhalt geboten werden soll. Unbestritten ist in der Stadt auch, dass in Zukunft dichter gebaut werden muss. Die Frage ist nur, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Und da gibt es natürlich die unterschiedlichsten Vorstellungen.
Eine grössere bauliche Dichte hat viele Vorteile: Sie hilft, die Zersiedelung zu bremsen, Energie zu sparen und Verkehr zu reduzieren. Doch eine Redewendung besagt, dass alle Verdichtungsprojekte einen gemeinsamen Feind hätten: den Nachbarn. Und den fürchten in dieser Hinsicht alle. Hier gilt es Grenzen zu überwinden und gemeinsame Lösungen zu finden, von denen letztlich auch jede einzelne Person in den betroffenen Gebieten profitiert. So haben die Langenthaler Stadtbehörden der Bevölkerung in diesem Zusammenhang etwas provokativ die Frage gestellt: «Rückt das Nachbarhaus nun einen Meter näher?» Die Behörden wussten dabei, dass «näher» und «höher» für Bauinvestoren meistens auch «profitabler» heisst, während die Bewohnerschaft diese Vorstellungen meistens als «einschränkender» empfinden. Daher hat die Stadtverwaltung der Bevölkerung im Rahmen der zur Zeit laufenden Siedlungsrichtplanung kommuniziert, dass sie die Thematik vielschichtig angehen will. Sie stützt sich dabei im Grundsatz auf vier Verdichtungsebenen5, die zu berücksichtigen sind:

1. Baulich verdichten
Dies ist die geläufigste Art der Verdichtung. Sie bringt – allein betrachtet – meistens nicht viel, weckt aber den Widerstand der Nachbarn und führt zum Zementieren der Situation vor Ort. Wenn verdichtete Bauten überzeugen sollen, müssen sie nicht nur Platz und Energie sparen, sondern auch einen vielfältigen Lebens-, Wohn- und Arbeitsstil im Quartier ermöglichen.

2. Funktional verdichten
Eine nachhaltige Verdichtung bezieht sich nicht nur auf die Gebäude, sondern zum Beispiel auch auf deren dichtere Nutzung. Funktional verdichten meint eine Vielfalt von Aktivitäten in den Häusern und Aussenräumen. Ein dichteres Neben- und Miteinander von verschiedenen, angemessenen Nutzungen in den Quartieren ermöglicht eine Steigerung der Lebensqualität, was oftmals auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile mit sich bringt.

3. Sozial verdichten
Bestehende soziale Netze, etwa funktionierende Nachbarschaften, sind zentral für die Qualität eines Quartiers. Zu ihnen sollte Sorge getragen werden, und sie sind weiter zu stärken. Wenn diese Netze auseinandergerissen und durch Institutionen ersetzt werden müssen – die Nachbarschaftshilfe also durch Pflegeheime und die soziale Kontrolle durch die Polizei – können enorme Kosten für das Gemeinwesen anfallen, die am Schluss wieder alle zu tragen haben.

4. Historisch verdichten
Verdichten bringt Ersatzbauten und neue Menschen in die Quartiere. Beides bedrängt die Anwohnerschaft. Sie sieht die lokale Identität – ihr Heimatgefühl – in Gefahr. In allem Erneuern ist daher der Umgang mit dem Vertrauten ein wichtiges Kriterium. Es darf nicht passieren, dass verdichtete Quartiere überall gleich aussehen. Sie müssen Heimat bleiben und brauchen eine gewisse Einzigartigkeit, sonst werden sie zu «Unorten». Häuser, Räume, Quartiere und Stadtteile haben eine umso stärkere Identität, je mehr Menschen ihre Erinnerungen damit verbinden. Das heisst: Identität braucht Zeit, um zu wachsen.

Gemeinsam die Stadt entwickeln
Ein solches vielschichtiges Vorgehen ist aufwendig und anspruchsvoll, da es dazu keine Vorgehensweisen und Kriterien gibt, die allgemein anerkannt sind. Daher entschied der Gemeinderat als städtische Exekutive, dass er in Zukunft die Stadtentwicklung und insbesondere die
innere Verdichtung situativ angehen will. Er lässt die laufende Siedlungsrichtplanung demgemäss mit einer partizipativ aufgebauten Arbeitsweise erarbeiten; wichtig sind dabei die Projekt-, Steuer- und Begleitgruppen. Dieses Vorgehen enthält verschiedene Bearbeitungsphasen:

1. Raumentwicklungskonzept mit den Inhalten:

  • IST-Analyse
  • Fokusräume
  • Räumliche Entwicklungsstrategie
  • Nachhaltigkeitsziele
  • Siedlungskonzept
  • Entwicklungsgebiete


2. Siedlungsrichtplan mit den Inhalten:

  • Richtplan Siedlung und Landschaft
  • Massnahmenblätter Ebene Siedlung, Landschaft, Verkehr und Qualitätssicherung.


Die daraus entstandene Themenvielfalt wurde möglichst umfassend dargestellt. So wurden u.a. folgende Themen definiert: Massnahmen zum Generationen durchmischten Wohnen, Nutzen von Alltagsräumen, Beleuchtung, infrastrukturschonende Wohnformen, Fördern des freiwilligen Engagements, Lebensraum für möglichst viele Tier- und Pflanzenarten, Mobilitätsverhalten, Öffnen von eingedolten Bachläufen und die Rolle von Quartierzentren. Anfang 2016 hat nun die Bevölkerung Gelegenheit, das umfangreiche Dokument in einer öffentlichen Mitwirkung zu diskutieren, zu beurteilen und weitere Anregungen zu machen. In Schulprojekten, Ausstellungen und öffentlichen Präsentationen soll die Diskussion vielschichtig weitergeführt werden.
Die Stadtbehörde von Langenthal ist sich bewusst, dass der erfolgreiche Weg für eine deutlich nachhaltigere Nutzung des Stadtbodens noch lang ist und viele Hürden kennt. Letztlich gilt es, immer wieder in jedem einzelnen Kontext die Bevölkerung und ihre Gesellschaft (Wirtschaft, Politik, Grundeigentümer- und Nutzerschaften) vom nachhaltigen Gewinn für alle Beteiligten und Betroffenen in einem partizipativen Prozess zu überzeugen. Dazu müssen stadtseitig von den privaten Planern, Entwicklern und Investoren die entsprechenden Qualitäten beim Angehen der jeweiligen Situation immer wieder angemessen eingefordert werden. Gelungene Beispiele (siehe Bilder) zeigen, dass dieser Weg gangbar ist und und zu guten Ergebnissen führt.

1   Zürich: Anne-Lise Diserens; Langenthal: Markus Zahnd
2  Cluster = Kreuzung zwischen einer Wohngemeinschaft (WG) und einer Kleinwohnung. Jede Person hat ihr eigenes Zimmer, die Küche gehört allen. Anders als bei einer WG verfügt jedes Zimmer über Bad und Kochnische. Man kann für sich allein sein und doch Gemeinschaft pflegen. Das ist eine neue WG-Wohnform, die unserer heutigen individualistischen Zeit angepasst ist.
anleitung.kalkbreite.net/wohnen/wohnformen > Wohnformen
4  siehe unsern Beitrag auf S. 19
5  Weidmann, Ruedi. «Vierfach Verdichten.» In: Tec 21. Ausgabe 9/2013 (Heftreihe «Dichte»)


Anne-Lise Diserens, dipl. Architektin ETH, SIA, Erwachsenenbildnerin SVEB ist Mitglied im Leitungsteam des VBG Fachkreises Architektur, Architekturvermittlerin und Organisatorin von Kulturreisen, www.atour.ch 

Markus Zahnd, Dr., dipl. Ing. Arch. ETH/SIA

ist Leiter Fachbereich Stadtentwicklung im
Stadtbauamt der Stadt Langenthal.

 

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