Psychologie

Wenn Menschen schlecht verwurzelt sind

Interview: Fritz Imhof Als Menschen brauchen wir Boden, um uns verwurzeln zu können. Diese Verwurzelung ist heute mehr denn je in Frage gestellt. Das hat auch Folgen für die Seele. Was macht einen verwurzelten Menschen aus? Was geschieht, wenn die Verwurzelung nicht erfolgt ist oder wenn ein Mensch entwurzelt wird? Wir sprachen darüber mit dem Psychiater Josef Konrad.

Magazin INSIST: Josef Konrad, was bedeutet es, verwurzelt zu sein?
Josef Konrad: Verwurzelung hat mit dem Bild des Baumes zu tun, der im Boden gut verwurzelt ist. Dort ist er fest verankert. Wenn ein Sturm kommt, kann ihm das nichts anhaben. Psychologisch gedeutet: Der Mensch braucht eine Verwurzelung. Diese wird vor allem durch die Beziehung zur Mutter gefördert. Auch der Vater ist wichtig, aber die Mutter ermöglicht es dem Baby und Kleinkind, später als Erwachsener in die Welt hinauszugehen und Verantwortung zu übernehmen.

Ist Verwurzelung ein Synonym für Bindung? Oder für Heimat?
«Verwurzelung» heisst in der Psychologie «gesunde Bindung». Aber es geht auch darum zu sagen, was das Kind vornehmlich braucht, nämlich: Liebe. Ein Mensch, der in seinem Leben wenig Liebe bekommen hat, ist nicht verwurzelt, er lebt unsicher und unstet.
Wenn wir von Heimat sprechen, denken wir heute an Flüchtlinge, die ihre nächsten Angehörigen, ihr Lebensumfeld und ihr Land verlassen mussten. Diese Erfahrung kann sehr traumatisch sein. Psychologisch gesehen ist die Verwurzelung aber eine Folge der Liebe, die uns von der Mutter und den nächsten Angehörigen entgegengebracht wurde.

Welchen Stellenwert hat dieser Begriff in der Psychologie?
Verwurzelung ist in der Psychologie kein gängiger Begriff. Man fragt hier danach, ob der Mensch Liebe, Annahme und Interesse von andern Menschen bekommen hat. Hat er von dieser «Grundnahrung» so viel bekommen, dass er im Leben sicher sein kann?

Wie spürt man, ob ein Mensch in seinem Umfeld gut verwurzelt worden ist?
Vom Bild her ist das paradox: Wer gut verwurzelt worden ist, kann seine Eltern verlassen und eigenverantwortlich ins Leben gehen. Er kommt auch mit den Widerwärtigkeiten des Lebens zurecht, sie machen ihn stärker, und er kann sich trotz Widerständen weiterentwickeln. Ein verwurzelter Mensch kann Enttäuschungen wegstecken bzw. verarbeiten, Schwierigkeiten überwinden und Durststrecken durchstehen, in denen er keinen Erfolg hat. Er zerbricht nicht daran, weil er genug Sicherheit hat und grundsätzlich weiss, dass alles gut wird.

Ist er auch angenehmer im Umgang?
Dem verwurzelten Menschen ist es auch möglich, umgänglich zu sein. Er ist in der Lage, mir entgegenzukommen und Kompromisse einzugehen. Er ist aber fähig, auch seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und freiwillig auf diejenigen Anderer einzugehen. Eine schwache Seite beim mangelhaft geliebten Kind kann aber auch die Neigung sein, sich zu stark anzupassen und zu allem ja zu sagen. Ein schlecht verwurzelter Mensch lässt sich auf die Bedürfnisse und Wünsche der Andern ein, kommt aber dabei selbst zu kurz. Es ist ihm wichtig, dass der Partner zufrieden ist, sonst fühlt er sich nicht erfolgreich. Wesentlich ist, dass der als Kind geliebte Mensch zwar anpassungsfähig ist, sich aber nicht jeder
Situation anpasst. Er ist insgesamt unabhängiger von den Umständen und Erwartungen Anderer.

Welche Auswirkungen hat Entwurzelung?
Ein nicht verwurzelter Mensch ist ungenügend «genährt». Er ist generell unsicher und schwankend im Leben. Er empfindet immer wieder Unzulänglichkeiten und Defizite und versucht krampfhaft, diese zu kompensieren. Er muss sich sehr bemühen, seine Bedürfnisse einigermassen zufrieden zu stellen. Aber das gelingt ihm nie im gewünschten Ausmass, es sei denn auf seine eigenen Kosten.

Und er sucht immer wieder neue Kontakte und geht neue Beziehungen ein?
Ja, er knüpft relativ viele Kontakte. Aber er pflegt mit diesen Menschen keine tiefere Beziehung. Sie bleibt oberflächlich, obwohl er sich tiefere Beziehungen wünscht. Die Beziehungen wechseln relativ rasch und sind wenig verbindlich. Oft erlebt er auch Enttäuschungen durch
andere Menschen. Seine eigene Unsicherheit führt zu unsicheren Beziehungen. Unsichere, nicht ausreichend «genährte» Menschen suchen ständig nach Liebe und
Anerkennung und müssen immer wieder neue Ent-
täuschungen verdauen. Einige können das lange wegstecken, bis sie zum Schluss kommen, dass sie eine Therapie brauchen. Oft sind sie so von Traurigkeit befallen, dass sie sich in der Therapie ausweinen müssen. Sie entladen so das angestaute Defizit an guten und tiefen Beziehungen.

Sind Ehen unter diesem Vorzeichen vom Scheitern bedroht?
Ja. Das gilt insbesondere, wenn sich zwei Menschen mit gegensätzlichen Defiziten verbinden, zum Beispiel ein angepasster mit einem bestimmenden Partner. Jeder muss dann die Bedürfnisse des andern erfüllen. Solange der Bestimmende auch bestimmen kann, geht es lange gut. Hier handelt es sich aber um eine Negativbindung. Sie funktioniert nur so lange, wie der angepasste Partner mitspielt. Wenn aber Belastungen auftreten, bekommt diese Beziehung Risse.

Steigt dann der angepasste Partner aus der Beziehung aus?
Es kann auch der andere sein. Die Enttäuschung kann bei beiden eintreten. Die latent vorhandene Krise bricht dann offen aus, verbunden mit dem Gefühl, dass man so nicht weiterleben kann.

Wie kann einem solchen Paar geholfen werden?
Die Hilfe besteht darin, dass beide zur Einsicht kommen, dass sie so nicht weiterkommen. Der eine Partner muss zur Erkenntnis kommen, dass die Beziehung nur so lange funktioniert, wie sich der andere seinen Wünschen unterordnet. Der andere muss merken, dass seine angepasste Haltung aus einem früheren Mangel an Liebe und Zuwendung resultiert. Beide müssen erkennen, dass sie selbst aus einem destruktiven Muster heraus handeln, und dass nicht nur der Partner das Problem ist. Auf dieser Grundlage können dann gesunde neue Beziehungsstrategien entwickelt werden. Die beiden Partner müssen das bisherige destruktive Muster bewusst verlassen und sich darin üben, nicht mehr zurückzufallen, sondern eine neue Beziehungsgestaltung zu leben.

Wie kann ein entwurzelter Mensch wieder verwurzelt werden?

Er muss seine eigene persönliche Geschichte aufarbeiten. Daraus kann dann abgeleitet werden, was sich ändern muss. Wenn die früheren Beziehungsabläufe aufgedeckt worden sind, kann eine reifere Haltung entwickelt werden. Ratsuchende werden dabei darauf sensibilisiert zu merken, ob sie wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen; so können sie bewusst an ihrer neuen Haltung arbeiten.

Handelt es sich hier oft um Menschen, die den Eindruck haben, dass sie von ihren Eltern nicht gewollt waren?
Das ist ein extremer Fall. Die Ursache kann auch in einer Überforderung der Eltern liegen, allen Kindern in einer Grossfamilie gerecht zu werden. Wenn zum Beispiel eines oder mehrere Kinder besondere Zuwendung benötigen, kann eines oder können mehrere der Geschwister zu kurz kommen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn ein Kind behindert ist und die Aufmerksamkeit der Eltern überdurchschnittlich in Anspruch nimmt. Die Geschwister leiden dann unter mangelnder Zuwendung, während sie sich selbst für das behinderte Geschwister engagieren müssen. Sie vermissen Aufmerksamkeit, Lob, Vertrauen und Interesse der Eltern. Solche «Schicksals-
situationen» können zu Defizitmustern führen. Das Kind nimmt dann gar nicht mehr wahr, dass sich die Eltern an ihm freuen. Es vermisst die Botschaft der Eltern: «Du bist uns wichtig, wir haben dich gerne.»

Wie können Lebensstrategien entwickelt werden, die helfen, sich nicht von Defiziten bestimmen zu lassen?
Zum einen gilt es, mit den Defiziten leben zu lernen; zum andern suchen wir in der Therapie nach Erfahrungen im Leben des Ratsuchenden, die positiv bewertet werden können. Jeder Mensch hat trotz Defiziten immer auch gute Erfahrungen gemacht. Man muss sie oft suchen, aber interessanterweise zeigen sie sich im Therapiegespräch immer wieder. Ein anderer Weg besteht darin, Orte der Geborgenheit zu suchen. Das können Bilder oder bestimmte Orte sein: zum Beispiel eine Bank am Waldrand oder ein Ort am Wasser, in dem sich Schiffe und Berge spiegeln. Geborgenheits- und Anerkennungssituationen haben eine positive, erfüllende und wertschätzende Wirkung. Sie können in die Therapie eingebaut werden, indem sie wiederholt als innere Vorstellung aufgerufen werden. Diese Übung kann durch Wiederholung ihre Wirkung entfalten. Statt sich von den Defiziten aus der Kindheit bestimmen zu lassen, können diese positiven Erfahrungen immer wieder aufgerufen werden.

Mangelnde Verwurzelung kommt auch bei Kindern von Managern vor, die in einer globalen Firma arbeiten, und deshalb ihren Arbeitsort häufig wechseln müssen.
Ja, sie bekommen nicht die Gelegenheit, sich an einem Ort genügend zu verwurzeln, obwohl sie Eltern und Geschwister und oft eine gute Umgebung mit allen Privilegien haben. Wenn sich die Eltern ihren Kindern genügend zuwenden und Interesse an ihrem Ergehen zeigen, wird aber auch der häufige Wohnortswechsel die Verwurzelung nicht ganz verhindern. Dasselbe gilt auch für Flüchtlinge. Wer zuhause die Grunderfahrung der Zuwendung und Verwurzelung gemacht hat, kann auch eine Flüchtlingssituation besser bewältigen. Die frühere positive Grunderfahrung der liebenden Zuwendung im Verhältnis Vater-Mutter-Kind ist dabei wesentlich.

Gibt es in christlichen Gemeinden viele Menschen mit mangelnder Verwurzelung?

Ja, sogar überdurchschnittlich viele. Christliche Gemeinden haben eine Grösse, in der man gute Kollegen finden kann, ähnlich wie andere sie in der Arbeitswelt finden können. Die Gemeinde hat eine familiennahe Qualität, hier fühlt man sich zuhause und zugehörig. Die Kirche vermittelt mit ihrer Botschaft auch die Hoffnung, dass man hier Hilfe findet.

Wie kann die Gemeinde entwurzelten Menschen helfen?
Eine gute Einrichtung sind zum Beispiel Kleingruppen. Hier kann man miteinander austauschen, gemeinsam Erlebnisse machen, gegenseitige Annahme und Wertschätzung erfahren und füreinander beten. Das sind starke Erfahrungen. Sie können Beheimatung und Verwurzelung fördern. Zum andern haben viele Gemeinden auch Kontakt mit guten Beratern und Seelsorgern. Viele Christen haben sich in der letzten Zeit zu ehrenamtlichen Seelsorgern und Seelsorgerinnen ausbilden lassen und können hier Unterstützung anbieten. Oder sie können Betroffene in eine professionelle Therapie weiterleiten.

Was geschieht, wenn schwach verwurzelte Menschen in Verantwortung stehen oder in Gremien mitarbeiten?
Das kann katastrophal sein. Wenn Leiter mit wesentlichen Defiziten in eine Leitungsverantwortung kommen, neigen sie dazu, ihren Leitungsstil aufgrund ihrer Defizite zu gestalten. Das kann zum Herrschen über andere führen – bis hin zum geistlichen Missbrauch; es kann sich aber auch in mangelndem Einfühlungsvermögen gegenüber den Untergebenen zeigen. Ein solcher Führungsstil kann eine Gemeinde in Probleme führen und sie sogar spalten. Natürlich wirkt sich nicht jedes Defizit gleich aus. Jeder hat gewisse Defizite in einem bestimmten Bereich. Wichtig ist, dass der Leiter seine eigenen Schwächen und Defizite kennt. Wenn ein Leiter etwa merkt, dass er immer wieder in ähnlicher Weise aneckt oder Freunde, Mitglieder und andere ihm wiederholt dieselbe Rückmeldung geben, dann tut er gut daran, sich im stillen Kämmerchen konstruktiv zu hinterfragen und sich so Raum zur Selbsterkenntnis zu geben. Damit wird dies seine Chance zur eigenen Veränderung und Förderung. Dieser Umgang ist eine Stärke des Leitenden.

Ist das ein vernachlässigtes Problem?
Leiter mit solchen Problemen sind oft allein. Ihre Defizite wirken sich aber auf die andern aus. Solche Leiter kompensieren beim Leiten oft unbewusst ihre Defizite. Ihnen wäre zu raten, dass sie eine gute Supervision beanspruchen. Sie brauchen eine Vertrauensperson, die ihnen den Spiegel vorhält und Wege zur Verarbeitung und zum Umgang mit Defiziten aufzeigt.

Welches ist die biblische Botschaft für Menschen mit mangelnder Verwurzelung?
Ich denke an Epheser 3,16. Hier bittet Paulus für die Christen von Ephesus, «dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt. Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet.» Dieses Gebet ist mir sehr wichtig. Ich denke auch an das Wort von Jesus: «Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken1.» Auch in Psalm 23 wird uns Erfrischung und das Geführtwerden auf der rechten Bahn verheissen. Wir können Gott unsere Lasten bringen, er trägt sie für uns und hilft uns beim Tragen.

 

1  Mt 11,28


Dr. med. Josef Konrad, 66, ist seit 1987 in eigener Praxis als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH tätig und arbeitet seither eng mit dem christlichen Therapiezentrum in Gümligen bei Bern zusammen. Er ist verheiratet mit Marlies und hat drei erwachsene Kinder. Über zehn Jahre war er im Vorstand Gebetsseelsorge Schweiz und in Seelsorgeseminaren aktiv. Er arbeitet weiterhin teilzeitlich in seinem Beruf.

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