Bibel

Auch Namenslisten haben eine Botschaft

Felix Ruther Etwas vom Langweiligsten in der Bibel sind wohl die Namenslisten, mit denen aufgrund von Ahnentafeln der Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt wird. So sah es bis vor kurzem auch unser Kolumnist. Er hat seine Einschätzung aber geändert.

Im alttestamentlichen ersten Buch der Chronik hat es eine ganze Menge von solchen Listen. Aus irgendeinem Grund wurde gerade dieses Buch in unserer Gemeinde für eine Predigtreihe ausgewählt. Und mich traf der Auftrag, ausgerechnet etwas zu den Namenslisten zu sagen. Ich machte mich mit einem Satz von N. T. Wright im Kopf an die Vorbereitung meiner Predigt. Er schrieb einmal1: «Bereits das blosse Lesen der Bibel mit dem Verlangen, von Gott geprägt und geformt zu werden, ist an sich schon ein Akt des Glaubens, ein Akt der Demut und Geduld.» Meine Geduld wurde gefördert – und auch belohnt. Beim aufmerksamen Lesen dieser vielen Kapitel fiel mir auf, dass es zwischen all den unaussprechbaren Namen kleine Bemerkungen gibt. Sie haben mich ins Nachdenken gebracht und auch zum Gebet angeregt. So lege ich hier einfach ein paar meiner diesbezüglichen Funde und Gedanken vor.

Den Segen verpassen
Wenn man bedenkt, dass damals eine grosse Zahl von Söhnen als Zeichen von Gottes Segen verstanden wurde, dann begegnet man immer wieder einzelnen Tragödien. In 1. Chronik 2,30 steht lakonisch: «Seled starb kinderlos.» Im Gegensatz dazu David. Ihm werden sechs Söhne in Hebron geboren und weitere neun in Jerusalem2. Noch gesegneter scheint Schimi zu sein, er versammelt 16 Söhne und sechs Töchter3. In Kapitel 8 wird inmitten der Namen erwähnt, dass Schacharajim seine beiden Frauen entlassen und dann mit einer neuen Frau sieben Söhne gezeugt habe. Vermutlich waren die entlassenen Frauen unfruchtbar. Welch eine Tragödie – aufgeschrieben in einem einzigen Satz!
Diese grossen Unterschiede in den einzelnen Lebensschicksalen liessen mich im Gebet gerade an jene denken, die scheinbar ganz neben dem Segen Gottes stehen oder es zumindest so empfinden.

Das Gebet des Jabez
In 1. Chronik 4,9 steht dann das berühmte Gebet von Jabez: «Und Jabez rief den Gott Israels an und sprach: ‹Dass du mich doch segnen und mein Gebiet mehren mögest und deine Hand mit mir sei und schafftest, dass mich kein Übel bekümmere!› Und Gott liess kommen, worum er bat.» Ich erinnere mich noch an ein Büchlein zu diesem Thema. Alle guten Christen hatten es gelesen, auch wir im Zürcher «Männerstamm» der VBG. Unser Urteil dazu war klar: «Scheussliche Theologie, aber gute Anregung zum Gebet. Also lasst uns um Gottes Segen beten.» Da ich bei der Bibellektüre erst einmal Zuhörer der früheren Geschehnisse bin, kann ich das Erleben von Jabez nicht einfach auf mich übertragen. Was ich aber kann, ist täglich um den Segen Gottes beten – nicht nur für mich und meine Familie, sondern auch für andere Menschen, die mir Gott aufs Herz legt.

Kämpfe, Gottesbegeisterung und gute Berater

In Kapitel 5 hat mich die folgende Wendung angesprochen: «Sie siegten, denn sie schrien im Kampf zu Gott, und er liess sich von ihnen erbitten, da sie auf ihn vertrauten.» Ich habe mich gefragt, wie meine derzeitigen Kämpfe aussehen, und ob ich in ihnen Gott wirklich vertraue.
In den späteren Kapiteln werden die Sänger und Musiker aufgezählt. Hier entzündete ein Wort in mir eine neue Sehnsucht. In meiner Übersetzung4 steht: «Asaph spielte gottbegeistert Loblieder ... und Jedutun spielte gottbegeistert auf der Zither.» – «Gottesbegeisterung», das ist etwas, was mir oft fehlt. Möge doch der Heilige Geist in mir immer wieder diese Gottesbegeisterung wecken. Und vielleicht noch eine letzte kleine Bemerkung. In Kapitel 12 werden Davids Kriegsleute erwähnt. Darunter Issachars Söhne, die die Zeit zu beurteilen verstanden und wussten, was Israel tun musste. Und von Jehonatan, dem Berater Davids heisst es5, er sei ein einsichtiger und schrifterfahrener Mann. Gesegnet, wer solche Berater um sich hat. Lasst uns nach ihnen Ausschau halten. Oder noch besser, lasst uns dafür sorgen, dass Berater heranwachsen, welche die Schrift kennen und auch genügend wach die Zeit beurteilen können.
Ein ganz wichtiges Thema, das hier nicht mehr Platz finden kann, ist der Hinweis, dass die Namenslisten auf den Gott der Geschichte verweisen. Gott ist keine theologische Abstraktion, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

1  in «Glaube — und dann?», S. 224
2  Kap. 3
3  Kap. 4
4  25,2.3
5  27,32


Felix Ruther ist freier Mitarbeiter bei den Vereinigten Bibelgruppen VBG und Mitbegründer des Instituts INSIST.

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