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Liebe ist mehr als ein Wort

Hanspeter Schmutz Die Kirche sollte weniger Moralin verabreichen, verlangt der Soziologe Hans Joas. Und mehr von der Liebe reden. Ganz im Gegenteil zur Popmusik. Hier wird dauernd von Liebe gesungen. Aber immer auf dieselben zwei Weisen. Hier könnte ein Schuss Moral den Appetit wecken auf das, was die Liebe ausmacht.

Der Berliner Soziologe Hans Joas möchte, dass die Kirche mehr ist als eine Moralagentur. Sie soll sich aus politischen Diskussionen möglichst heraushalten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil christliche Ethik nicht immer zu eindeutigen Schlüssen führt. Das zeige sich etwa in der Flüchtlingspolitik oder im Begründen bzw. Ablehnen von kriegerischen Auseinandersetzungen.
Die Kirche solle primär missionieren und nicht moralisieren. Moral als solche ist laut Joas nicht attraktiv und fordert Verzicht. Viel begeisternder sei dagegen das christliche Liebesethos. «Wir Christen leben im Wissen, dass wir selbst von Gott geliebt werden. Das setzt unsere Liebeskräfte für Gerechtigkeit und Engagement für den Nächsten frei. Moralische Appelle fordern uns dagegen auf: ’Tu das, weil es geboten ist’1.» Allerdings kann man die Liebe nicht befehlen. Deshalb muss für Joas das Handeln für den Nächsten «aus der enthusiastischen Erfahrung der Liebe» kommen. Anders gesagt: Die Ethik muss – wie bei einer Freundschaft – aus der Beziehung kommen.
Seine Argumentation erinnert an die Diskussion der Evangelikalen, ob die Christen nun missionieren oder besser sozialdiakonisch handeln sollten. Diese Auseinandersetzung ist wohl unterdessen entschieden: Der Hungrige und Durstige braucht zuerst ein Stück Brot und einen Becher Wasser, bevor ihm das Brot und Wasser des Lebens verkündigt werden kann. Es wäre aber Verrat am Evangelium, wenn die lebensverändernde Botschaft von Jesus Christus im Zeichen des diakonischen Handelns verschwiegen würde. Dabei gilt: alles
zu seiner Zeit.
Der Denkansatz von Joas führt – ähnlich wie die evangelikale Diskussion – zur klassischen Frage nach dem Huhn und dem Ei: Kommt die Ethik aus der Liebe oder die Liebe aus der Ethik? Die Antwort heisst: Das eine darf nicht vom andern getrennt werden, sonst wird das Ganze unfruchtbar. Allerdings – und hier folge ich Joas – wird die Kirche in der Öffentlichkeit heute wohl eher als Moralagentur wahrgenommen und weniger als Gemeinschaft von Menschen, die vom dreieinen Gott geliebt ihren Herrn zurücklieben und diese Liebe untereinander und mit kirchenfremden Menschen teilen. Hier braucht es wohl tatsächlich eine Kurskorrektur – vorwärts in die Mitte des Evangeliums.

Die Popmusik folgt – unabhängig vom Stil – inhaltlich meist demselben Muster: Es geht um ersehnte Liebe oder um eine Liebe, die gerade in Brüche gegangen ist. Dass Liebe noch ganz andere Facetten hat, wird dabei verschwiegen. Ausnahmen wie «Dann heirat’ doch dein Büro, du liebst es ja sowieso» von Katja Ebstein, die sich mit dem wahren Liebesleben beschäftigen, sind da die Ausnahme.
Auch der Philosoph Alain de Botton stört sich an der verengten Sicht auf die Liebe. Und hat einen «nüchternen Liebesroman» geschrieben. Er empfiehlt, nicht den perfekten Partner zu suchen, sondern Beziehungsarbeit zu leisten. Die sexuelle Revolution von 1968 ist aus seiner Sicht «eine Illusion – und eine schädliche dazu»2. Die meisten Menschen könnten auch heute noch nicht über ihre Sexualität reden ... Einfach «weil Sex eine komplizierte, problembeladene Angelegenheit ist». Der Autor plädiert in seinem Buch für die monogame Ehe. «Wir werden so oder so leiden, ganz egal, welche Beziehungsform man als ideal betrachtet.» Aber die monogame Ehe habe – nicht zuletzt auch in emotionaler Hinsicht – viele Vorteile. «Seitensprünge sind in den allermeisten Fällen Ausdruck von Beziehungsproblemen und Frustrationen», betont der Autor. Deshalb: Egal ob verheiratet oder ledig, ohne Beziehungsarbeit gibt es keine Liebe. Und darüber dürfte ruhig mehr gesungen werden.


1  «Reformiert» Nr. 12/16
2  «Der Bund», 10.10.16


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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