Entwicklungspolitik

«Wichtig ist die gemeinsame Wertehaltung»

Interview: Fritz Imhof In einer Phase der ständigen Auseinandersetzung über Sinn und (Miss)Erfolg der Entwicklungs-Zusammenarbeit und angesichts von parlamentarischen Debatten über die Höhe des Budgets steuert Manuel Sager die «Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit» des Bundes (DEZA) besonnen durch die politischen Stürme. Wir wollten von ihm wissen, wie er mit der aktuellen Debatte umgeht, welche Programme erfolgreich sind und welche Rolle religiöse und spirituelle Faktoren dabei spielen können.

Magazin INSIST: Manuel Sager, die Entwicklungszusammenarbeit ist ein ständiger politischer Zankapfel, besonders wenn es um Ihr Budget geht. Warum ist das so, und wie geht man in der DEZA damit um?
Manuel Sager: Ich sehe die Entwicklungszusammenarbeit nicht als Zankapfel. Die Solidarität mit Menschen in ärmeren Ländern der Welt ist in der Schweizer Bevölkerung tief verankert. Gemäss einer Umfrage vom letzten Jahr möchten zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer, dass wir uns diesbezüglich noch mehr engagieren. Es ist auch nicht nur eine Frage der Solidarität. Die gerechte Verteilung von Wohlstand, Frieden, stabile Gesellschaften und funktionierende Märkte, das alles ist im ureigenen Interesse unseres Landes. Dafür geben wir heute weniger als einen Franken pro Tag und Kopf der Bevölkerung aus.
Richtig ist, dass finanzpolitisch gesehen die Entwicklungszusammenarbeit meist in Konkurrenz steht zu Armee, Landwirtschaft sowie Bildung und Forschung. Das politische Kräftemessen erfolgt dabei in der aktuellen Situation tatsächlich stark zulasten der Entwicklungszusammenarbeit. Ein Viertel der Kürzungen im Bundeshaushalt betreffen die Entwicklungszusammenarbeit, obwohl diese nicht einmal vier Prozent des Budgets ausmacht.

Gewisse Kreise werfen der Entwicklungszusammenarbeit Erfolglosigkeit oder zumindest mangelnde Leistungsausweise vor. Kann die DEZA diese Vorwürfe nachvollziehen?
Nein. Es gibt wohl kaum eine andere Verwaltungseinheit, welche die Wirkung ihrer Tätigkeit so sorgfältig misst und messen lässt wie die DEZA. Alleine 2015 haben wir 120 Projekte extern evaluieren lassen. Wenn Sie unsere Kreditanträge anschauen, werden Sie feststellen, dass wir für jedes einzelne Projekt konkrete Wirkungsziele definieren. Über die Erreichung dieser Ziele berichten wir regelmässig. Diese Berichte sind im Internet zugänglich. So hat zum Beispiel eine unabhängige Analyse die guten Leistungen der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit im Gesundheitsbereich bestätigt: Von 57 Projekten, die zwischen 2000 und 2013 durchgeführt wurden, erwiesen sich 61 Prozent als sehr wirksam und erreichten ihren Zweck, und weitere 28 Prozent haben die angestrebten Resultate teilweise erreicht bzw. sind auf gutem Weg dazu. Wir haben aber den Auftrag des Parlaments verstanden, in Zukunft noch vermehrt auch über Projekte zu berichten, die unsere Erwartungen nicht erfüllt haben.

Die Entwicklungszusammenarbeit kennt viele Hindernisse, die eine Entwicklung hemmen. Ich denke etwa an die Korruption. Wie kann Entwicklungsarbeit dennoch erfolgreich sein?
Der Kampf gegen die Korruption ist tatsächlich in vielen Partnerländern eine zentrale Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit. Dazu gehört, dass wir die lokalen Zivilgesellschaften stärken und sie dabei unterstützen, gute Regierungsführung und Transparenz einzufordern. Wir bilden auch Medienschaffende darin aus, korrupte Machenschaften ans Tageslicht zu bringen oder zum Beispiel organisiertes Verbrechen aufzudecken. Gleichzeitig stellen wir mit strengen Kontrollmechanismen sicher, dass unsere Mittel auch wirklich denjenigen zugute kommen, für die sie gedacht sind. Dass uns das in seltenen Fällen nicht gelingt, liegt in der Natur des Umfeldes, in dem wir arbeiten.
Entwicklungshindernisse sind allerdings nicht nur auf Seiten unserer Partnerländer zu finden: So würde man den Ländern im Süden noch mehr helfen, wenn wir im Norden mehr gegen unlautere Finanzflüsse tun würden, die ein Vielfaches der öffentlichen Entwicklungshilfe ausmachen. Die Schweiz hat diesbezüglich in den letzten Jahren immerhin beachtliche Fortschritte gemacht, wie neulich auch Vertreter des Entwicklungsausschusses der OECD im Rahmen einer Mid-Term Review1 der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit feststellte.

Was hat sich in der Zusammenarbeit mit Partnerländern und -organisationen als Erfolgsfaktor herausgestellt?
Es hat sich gezeigt, dass unsere Zusammenarbeit mit Partnerländern und -organisationen dann am wirksamsten ist, wenn wir unsere Mittel nicht bloss für einzelne Nischenprojekte einsetzen, sondern versuchen, Systemverbesserungen zu erwirken, so zum Beispiel im Gesundheitsbereich oder im Bildungswesen. Wichtig ist dabei, dass wir keine Parallelstrukturen aufbauen, die wieder verschwinden wenn das Entwicklungsprojekt zu Ende ist, sondern dass wir die eigenen Anstrengungen unserer Partnerländer unterstützen.

Wie kann grundsätzlich der kulturelle Graben zwischen der Schweiz und den Partnerländern überbrückt werden?
Kulturelle Unterschiede zwischen der Schweiz und unseren Partnerländern spielen in der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Die DEZA arbeitet bei der Umsetzung ihrer Projekte in erster Linie mit lokalen Partnern zusammen. Auch besteht das Personal in unseren Kooperationsbüros vor Ort grösstenteils aus Lokalangestellten. Unsere lokalen Partner und Angestellten sind kulturelle Brückenbauer, die sehr gut verstehen, wie man den Bedürfnissen der Bevölkerung ihres Landes am wirksamsten gerecht wird.

Wo liegen diesbezüglich die Stärken und Schwächen bei staatlichen und bei privaten Organisationen?

Alle Akteure der Entwicklungszusammenarbeit, ob staatlich oder privat, müssen die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten und Spannungsfelder verstehen und in die Projektarbeit einbeziehen können. Natürlich haben staatliche und private Organisationen meist unterschiedliche politische und finanzielle Handlungsspielräume. Aber wichtiger als die Unterschiede ist die Komplementarität zwischen staatlichen, zivilgesellschaftlichen, privatwirtschaftlichen und akademischen Akteuren. Durch Partnerschaften, wie sie auch die Agenda 20302 vorsieht, werden die Stärken potenziert und die Schwächen relativiert. Die DEZA hat ein solides Netzwerk von Partnerschaften mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und privaten Firmen. Wir wollen dieses Netzwerk in den kommenden Jahren noch ausbauen.

Haben Organisationen, die mit ähnlich gesinnten glaubensbasierten Gruppierungen (FBO3) in Partnerländern zusammenarbeiten, mehr Erfolg bei der Zusammenarbeit?
Religion bestimmt das gesellschaftliche Umfeld, in dem sich die Entwicklungszusammenarbeit abspielt, in grossem Masse mit. Wo verschiedene Religionen nebeneinander existieren, setzt Entwicklungszusammenarbeit deshalb neben Verhandlungsgeschick und thematischen, fachlichen und analytischen Kompetenzen auch interreligiöse Dialogfähigkeit voraus. Lokale FBOs haben kraft ihrer Mission oft einen direkten Zugang zu benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Von diesem Zugang können auch staatliche Entwicklungsorganisationen wie die DEZA profitieren. Grundlage der Zusammenarbeit ist somit nicht die Religion als solche, es sind gemeinsame Zielgruppen und Zielsetzungen. Solche Gemeinsamkeiten sind natürlich immer auch eine Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit säkularen Organisationen. Wichtig ist im einen wie im anderen Fall, dass der Arbeit eine gemeinsame Wertehaltung zugrunde liegt.
 
Mit welchen NGOs arbeiten Sie konkret zusammen? Welchen Stellenwert haben darunter die FBOs?
Die DEZA arbeitet mit schweizerischen, internationalen und lokalen NGOs zusammen, indem sie diese mit der Durchführung von Projekten in Schwerpunktländern der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit beauftragt. Daneben unterstützt sie aber auch schweizerische NGOs mit Beiträgen zur Finanzierung von deren eigenen Programmen und Projekten. Die DEZA arbeitet tatsächlich auch mit verschiedenen FBOs zusammen. Wichtig ist dabei aber, dass nicht die Förderung von Spiritualität oder Religion Gegenstand der Aktivitäten der FBO ist, sondern die Hilfe zugunsten der betroffenen Bevölkerung. Dies natürlich nicht, weil wir etwas gegen Spiritualität oder Religion hätten, sondern weil diese in vielen Ländern, in denen wir arbeiten, eben ein sensibles Thema ist.

Kann die Spiritualität ein Brückenbauer sein, wenn zum Beispiel eine kirchliche Hilfsorganisation in der Schweiz mit einer ihr spirituell verwandten Organisation oder Kirche im Partnerland zusammenarbeitet?

Ja, sicherlich. Solche Verbindungen können eine fruchtbare Basis für eine Zusammenarbeit sein.

Sehen Sie eine Möglichkeit, die Zusammenarbeit mit FBOs in der Schweiz auszubauen, zum Beispiel mit Organisationen innerhalb des Netzwerkes «Interaction»4?
Wie gesagt haben FBOs in gewissen Kontexten besondere Stärken als Partner in der Entwicklungszusammenarbeit. Das gilt aber in der einen oder anderen Form für alle NGOs. Die DEZA erachtet FBOs deshalb nicht als eine Sonderkategorie innerhalb der Schweizer NGO-Landschaft. Wir sind mit «Interaction» im Gespräch und unterstützen das Sensibilisierungsprogramm von «Interaction» in der Schweiz.


1  Bilanz in der Halbzeit einer Überprüfungsperiode
2  Die «Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung» ist der seit 2016 global geltende Rahmen für nationale und internationale Bemühungen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung und Armutsbekämpfung. Die dabei definierten 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung ersetzen die von der UNO formulierten bisherigen Millenniumsentwicklungsziele.
3  Faith Based Organisations
4  Netzwerk von Hilfswerken, das unter dem Dach der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) arbeitet.


Dr. Manuel Sager (61) ist seit 1. November 2014 Direktor der DEZA, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Von 2010 bis August 2014 amtete er als Schweizer Botschafter in den USA. Manuel Sager wurde 1955 in Menziken (AG) geboren und wuchs in Baden (AG) auf. Er schloss sein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich mit dem Doktorat ab und erwarb in einem Zusatzstudium an der Duke University Law School in den USA den «Master of Laws and Letters» (LL.M.). Manuel Sager erwarb das Anwaltspatent im US-Bundesstaat Arizona und arbeitete zwei Jahre als Rechtsanwalt in einer Kanzlei in Phoenix, der Hauptstadt Arizonas. 1988 trat Manuel Sager in den diplomatischen Dienst des EDA ein. Nach dem Stage in Bern und Athen arbeitete er von 1990 bis 1995 als diplomatischer Mitarbeiter in der Direktion für Völkerrecht. Von 1995 bis 1999 war er stellvertretender Generalkonsul in New York und von 1999 bis 2001 Kommunikationschef der Botschaft in Washington. Manuel Sager leitete von 2001 bis 2002 die Koordinationsstelle für humanitäres Völkerrecht der Direktion für Völkerrecht und war anschliessend als Informationschef im EDA sowie ab 2003 in derselben Funktion im Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement tätig. Von 2005 bis 2008 arbeitete Manuel Sager als Exekutivdirektor mit Botschaftertitel bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Anschliessend leitete er von 2008 bis 2010 die Politische Abteilung für sektorielle Aussenpolitiken des EDA.

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