Literatur

«Der Riss, durch den das Licht eindringt …»

Alexander Arndt Der diesjährige Literaturnobelpreis ging an Bob Dylan. Und doch gebietet ein trauriger Anlass, den Blick auf einen anderen Sänger zu richten, dessen Texte Dylan selbst als «Gebete» bezeichnet hat — Leonard Cohen, gestorben am 7.11.2016.

Im Unterschied zu Dylan war Cohen tatsächlich in erster Linie Dichter und erst dann Musiker. Viele seiner Liedtexte sind Gedichte, die vertont wurden. Seinen Ruf begründen weniger Cohens stimmliche Fähigkeiten als vielmehr die melancholisch-spirituelle Sinnsuche in seinen
Texten, die zwischen Eros und Thanatos1, zwischen Klage-Psalmen und Hoheslied schwanken. In seinem vielleicht berühmtesten Stück «Hallelujah» skizziert das zentrale Bild die berüchtigte Widersprüchlichkeit König Davids, laut der Bibel «einem Mann nach dem Herzen Gottes», dessen Herz aber auch von Lust und Begehren getrieben wurde.

Der gebrochene Mensch ist auf der Suche
Die Gebrochenheit des Menschen sowie die spirituelle Suche sind Leitmotive von Cohens Oeuvre, zu dem Romane wie «Beautiful Losers» (1966), Gedichtbände wie das «Book of Longing» und seine Musik zählen. «There is a crack in everything, that’s how the light gets in»2 heisst es in einem Lied des Albums «The Future», das die Nachwendezeit von 1989 verarbeitet – als ob er die düstere Prophezeiung des Titelsongs, der das zerrissene Amerika der Gegenwart zu beschreiben scheint, nicht ganz ohne Hoffnung ausklingen lassen möchte. «Every heart to love will come, but like a refugee3.»

Jüdische Anspielungen
Als Enkel eines Rabbis 1934 in Montreal geboren, fand Cohen seine erste poetische Inspiration in der Bibel sowie der Liturgie der Synagoge. Obschon er sich im Alter über viele Jahre in ein Kloster zurückzog, um als Mönch säkulare Zen-Meditation zu praktizieren, bekannte er sich doch zu seinem jüdischen Glauben sowie dem jüdischen Erbe, das im Christentum fortlebt. Die Figur Jesu habe ihn wie keine andere berührt. Als Israel im Yom-Kippur-Krieg 1973 in seiner Existenz bedroht wurde, eilte er an die Front, um mit seiner Musik den Soldaten Mut zu machen. «Born in Chains» von seinem vorletzten Album «Old Ideas» widmet sich thematisch der Sklaverei des Volkes Israel, der Befreiung, der Suche, der Irritation, um schliesslich zwischen allen Zeilen des Heiligen im Gebrochenen gewahr zu werden. Traditionelle jüdische Gebete wie das «Unetanneh Tokef»4 oder die Anrufung Gottes «Ken Yehi Ratzon»5 standen Pate für die bedächtig-minimalistischen Arrangements in «Who by Fire» und «If It Be Your Will».

Vorbereitung auf den Tod
Das soeben erschienene «You want it Darker» ist im Wesentlichen eine Meditation über den Frieden vor dem Ende des Lebens und klingt nach dem Tod Cohens wie eine spirituelle Vorbereitung seines Abgangs. Cohen zitiert das biblische «Hineni» – «Hier bin ich Herr, ich bin bereit». Er lässt das jahrtausendealte Ringen mit der Theodizee in die letzten Fragen an Gott einfliessen und verweist auf Liebe und Leid als condition humaine, Schuld und Sühne, Gnade und Vergebung als mögliche, wenn auch rätselhafte Antworten. Einer seiner letzten, bislang unveröffentlichten Texte endet mit: «Listen to the mind of God, Don’t listen to me6.»
Es hiess, Cohen habe uns unzeitgemäss verlassen. So als würden die US-Wahlen ein Zeitalter einläuten, das auf seine Stimme als Trost und Ermahnung nicht verzichten könne. Als bedürfe es eines weiteren Front-einsatzes des «Field Commander» Cohen. Doch das letzte Album ist ein Plädoyer für einen inneren Frieden, der nicht von dieser scheinbar orientierungslos gewordenen Welt ist. «Steer your way [...] and say the Mea Culpa that you gradually forgot, year by year, month by month, day by day, thought by thought7.»
Im Unterschied zum Dichter Dylan Thomas, der seinerzeit forderte, das Alter dürfe «nicht gelassen in die gute Nacht» gehen, sondern müsse «den Tod des Lichts mit aller Macht» verfluchen, hält es Cohen mit der Grösse, die seine späten Livekonzerte auszeichnete: Er gibt sich einsichtig in die eigene Fragilität, demütig erfreut über das Geschenk eines gelebten Lebens und zum Abschied leise lächelnd.

1  Todestrieb
2  «Nichts ist ohne Riss. Durch diesen dringt das Licht ein.»
3  «Schliesslich wird jedes Herz zur Liebe finden, doch dies wie ein Flüchtling.»
4  «Lasst uns von der Grösse sprechen.» Ein
liturgisches Gedicht, das als Gebet während
der Gottesdienste zu Rosh Ha’Shanah und Yom Kippur gelesen wird.
5  «Möge es Gottes Wille sein.»
6  «Hört auf die Gedanken Gottes, hört nicht auf mich.»
7  «Bleib auf Kurs [...] und bekenne die Schuld, die du allmählich vergessen hast, Jahr um Jahr, Monat um Monat, Tag um Tag, Gedanke um Gedanke.»


Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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