Pädagogik

Auch Lehrerinnen und Lehrer brauchen Entwicklung

Beat Urs Spirgi Im Februar 2012 verabschiedete die Schulleitung der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern ein für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wegweisendes Dokument. Es nennt sich «Orientierungsrahmen»1 und zeigt auf, für welche beruflichen Handlungsfelder2 angehende Lehrpersonen Kompetenzen erwerben sollen.

Sehr ähnlich wie im neuen Lehrplan 21 ist mit «Kompetenz» die Fähigkeit gemeint, mit der eine Lehrperson in einer konkreten beruflichen Situation komplexe Anforderungen und Aufgaben erfolgreich bewältigen kann. Ob eine Lehrerin oder ein Lehrer kompetent ist, zeigt sich also erst in der Lösung konkreter Probleme. Deshalb geht es bereits in der Grundausbildung angehender Lehrpersonen nicht bloss um den Erwerb von theoretischem Wissen, sondern auch von beruflichem Können.

Phasen der Entwicklung
Es wäre aber zu hoch gegriffen, davon auszugehen, dass unsere Abgängerinnen und Abgänger bereits im eben beschriebenen Ausmass kompetent sind. Selbstverständlich weiss das auch die Schulleitung der PH Bern. Daher bringt sie im erwähnten Orientierungsrahmen den Begriff «Entwicklung» ins Spiel. Damit sollen bereits seit Längerem bekannte Ergebnisse der berufsbiografischen Forschung berücksichtigt werden3. Den Absolventen und Absolventinnen der PH Bern wird zugestanden, dass sie in ihrer professionellen Entwicklung verschiedene Phasen durchlaufen: die Phase der Grundausbildung, die Berufseinstiegsphase und die Phase der selbstständigen Ausübung des Berufes. In jeder dieser Phasen stellen sich in Bezug auf die Entwicklung beruflicher Kompe-tenzen bestimmte Aufgaben4. Wer diese bewusst angeht und darin die eigenen Kompetenzen weiterentwickelt, wird nach und nach in ein Stadium der Berufsausübung gelangen, in der er oder sie die oben erwähnten komplexen beruflichen Anforderungen als Experte oder Expertin meistern kann.

Sich Zeit nehmen
Die Idee der beruflichen Entwicklung halte ich für etwas Ermutigendes, denn sie besagt, dass eine Lehrperson nicht schon von Beginn weg alles souverän meistern muss. Zwar entlastet sie Lehrpersonen nicht von ihrem persönlichen Engagement, aber sehr wohl von zu hohen und damit falschen Ansprüchen. Eine Lehrperson darf sich Zeit nehmen, eine gute Lehrperson zu werden. Ermutigend ist dieser Ansatz auch, weil er dazu einlädt, den Erfahrungsaustausch mit anderen Kolleginnen und Kollegen zu suchen. Die eigenen Schwierigkeiten werden dabei relativiert, und es lassen sich Bewältigungsstrategien für berufliche Probleme entwickeln. Entwicklung ist in jeder Phase der Berufsbiografie angesagt. Auch Lehrpersonen mit jahrelanger Praxis werden nicht allein aufgrund ihrer Erfahrung, sondern durch die lebenslange Reflexions- und Lernbereitschaft kompetenter. Nur diese Haltung vermag blinder Routine entgegenzuwirken. Wer Bereitschaft zur Entwicklung zeigt, ruht nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern optimiert die persönlichen Kompetenzen in Richtung Expertentum. Unsere Schulen und insbesondere die Schülerinnen und Schüler brauchen Lehrpersonen, die sich in diesem Sinne in Entwicklung befinden.
 
1 www.phbern.ch/ueber-die-phbern/portraet/orientierungsrahmen.html (Zugriff am 29.9.2016)
2  Unterrichtsplanung und -durchführung, Beurteilung und Diagnostik, Beratung und Begleitung, Klassenführung, Zusammenarbeit, Organisation und Administration, Unterrichts- und Schulentwicklung, persönliche und profes-sionelle Weiterentwicklung
3  Vgl. z.B. Messner Helmut & Reusser Kurt (2000): Die berufliche Entwicklung von Lehr-personen als lebenslanger Prozess. In: Beiträge zur Lehrerbildung 18 (2), S. 157-171
4  In Bezug auf die Berufseinstiegsphase vgl. Keller-Schneider, Manuela (2009): Beanspruchungen im Berufseinstieg. Eine Frage der Berufsphase oder der Persönlichkeit? In: Päd Forum: unterrichten erziehen 37/38, (3), S. 108-112


Beat Urs Spirgi ist Pädagoge und Dozent für Erziehungs- und Sozial-wissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Bern.

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