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Die Zukunft neu denken

Hanspeter Schmutz Während die Bekämpfung der weltweiten Armut erste Früchte trägt, ist in der Schweiz die Solidarität zwischen den Generationen in Gefahr. Um das Gute zu sichern und neu zu finden, braucht es ein Umdenken, das sich an christlichen Werten orientiert.

 

Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag! Der «alte» ist in der Bundesverfassung festgehalten und ruht auf drei Säulen: der AHV/IV1, der Pensionskasse und Arbeitslosenversicherung sowie der privaten Vorsorge. Die AHV/IV wird im «Umlegeverfahren» finanziert: die Berufstätigen verschieben einen Teil ihrer Einkünfte zu den Pensionierten. Diese erste Säule soll die Existenz der Senioren sichern und Armut vermeiden. Für die persönliche Pensionskasse sind die Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte verantwortlich. Mit dieser zweiten Säule sollen die Lebenshaltungskosten gedeckt werden. Und für die steuerlich begünstige private Vorsorge ist jeder selbst zuständig. Diese dritte Säule soll mithelfen, den gewohnten Lebensstandard zu sichern. Diese drei Säulen sind brüchig geworden. Und sie gefährden den Generationenfrieden.

Schuld daran sind eigentlich erfreuliche Nachrichten: Wir werden älter2, bleiben länger gesund und sind besser ausgebildet3. Auch wenn es den Sozialversicherungen zur Zeit noch gut bzw. wieder besser geht4, die Zukunft ist wenig verheissungsvoll. Beim AHV-Umlegeverfahren finanzierten 2010 3,6 Berufstätige einen Pensionierten. In 50 Jahren (wenn nicht früher) werden noch 1,8 Berufstätige für einen Pensionierten aufkommen; Berufstätige, die ja auch noch sich selbst und ihre Familien ernähren müssen. «Unsere» Pensionskassen gehören in der Schweiz zu den grössten Investoren. Um genügend hohe Renditen zu erzielen, investieren sie in Aktien, teilweise fragwürdige Finanzkonstrukte und oft auch in teure Liegenschaften. Es ist fraglich, ob sie das eingelegte Geld im erwarteten Rahmen verzinsen können. Und die Banken sind auch nicht mehr als sichere Adressen bekannt.

Wenn der alte Generationenvertrag nicht mehr trägt, brauchen wir einen neuen. Wir werden uns auf ein höheres Rentenalter, höhere Lohnabzüge und (dauerhaft) zusätzliche Mehrwertsteuern einstellen müssen. Geld allein wird aber nicht genügen. Wir werden uns an die frühere Generationen übergreifende Familien-Solidarität erinnern – und deshalb die Familien fördern müssen. In alten, aber auch in neuen Formen. Gefragt sind genossenschaftlich organisierte (und damit nicht an der Rendite orientierte) Mehrgenerationenhäuser; Talent- und Zeitbörsen, in denen Ältere und Jüngere ohne Einsatz von Geld ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Zeit austauschen; altersfreundliche Dörfer und Städte, die gleichzeitig auch familienfreundlich sind sowie Treffpunkte für Alt und Jung5. 

Christen kennen dies schon lange. Ihre Gemeinden und Gottesdienste sind meist Generationen übergreifend. Und ihre Grundwerte orientieren sich an der Gemeinschaft und damit an der Solidarität. Höchste Zeit, dass Christen ihre Erfahrungen und Werte Gewinn bringend in die Gesellschaft tragen.  

 

Es ist so weit: Das Ziel, bis 2015 die Armut im Vergleich zu 1990 zu halbieren, wurde – global gesehen – im vergangenen Jahr erreicht. Damit hat eine Kampagne der UNO und u.a. auch der evangelikalen Kampagne «Stopp-Armut-2015» vorzeitig Früchte getragen. Verantwortlich dafür ist v.a. die Reduktion der Armut in den bevölkerungsreichsten Ländern China, Indien und Brasilien. «Allein in China befreite sich zwischen 1990 und 2008 eine halbe Milliarde Menschen aus der prekären Lage, mit umgerechnet weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen zu müssen, was die UNO als extreme Armut definiert6

Die Erfolgsrezepte heissen: Konsequenter Einsatz von staatlichen Mitteln in die Entwicklung des eigenen Landes, eine langsame Öffnung der eigenen Wirtschaft für den Weltmarkt sowie Investitionen in die Bildung und Gesundheit ärmerer Schichten – insbesondere auch von Frauen. 

Entwarnen wäre aber voreilig. Weltweit leben nach wie vor geschätzte 1,6 Milliarden Menschen in «multidimensionaler Armut». Da gibt es noch viel zu tun – gerade auch für Christen. Denn: Damit die erfreulichen Entwicklungen nicht vom Sauerteig der Habsucht zersetzt werden, müssen sie mit dem Salz der christlichen Ethik gewürzt werden.

 

1  Dazu kommen noch die Ergänzungsleistungen; sie werden staatlich finanziert.

2  Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in der Schweiz zwischen 1970 und 2011 von 70,1 auf 80,3 Jahre (Männer) bzw. von 76,1 auf 84,7 Jahre (Frauen) gestiegen.

3 Eine bessere Ausbildung führt meist zu einer längeren Lebenserwartung.

4  AHV/IV/ALV und Mutterschaftsversicherung erzielen zur Zeit leichte Überschüsse.

5  z.B. Mehrgenerationen-Spielplätze

6  «Der Bund» vom 18.3.13

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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