Verbindlichkeit in der Kirche

Die Angst vor der christlichen Gemeinde

Interview: Hanspeter Schmutz Im Gegensatz zu den Landeskirchen gelingt es den meisten Freikirchen, ihren Bestand an «Mitgliedern» einigermassen zu halten. Allerdings wird es immer schwieriger, Menschen verpflichtend in die christliche Gemeinschaft einzubinden. Aufgrund von schlechten Erfahrungen oder im Zeichen der grösseren Freiheit wollen immer mehr Christen ihr Christsein ausserhalb der christlichen Gemeinde leben. Was sagt das aus über ihre Verbindlichkeit und über den Zustand der herkömmlichen Gemeinden? Ein Gespräch mit Menschen, die von diesem Spannungsfeld unterschiedlich betroffen sind.

 

Magazin INSIST: Deborah Finger, Sie schreiben an einer Diplomarbeit zum Thema «Der Gemeinde entwachsen?» und verwenden darin den Begriff «Gemeindeloser Glaube». Gibt es den christlichen Glauben ohne Gemeinde?

 

Deborah Finger: Glaube an sich ist nicht losgelöst von der Gemeinde. Der Glaube bindet uns sehr stark aneinander und an Gott. Ich benutze den Begriff im Zusammenhang mit Christen, die nicht einer institutionellen Gemeinde angeschlossen sind. 

Wahrscheinlich gibt es Menschen, die in einer Gemeinde dabei sind und trotzdem gemeindeloser leben als solche, die nicht mehr einer Gemeinde angeschlossen sind. Die Ausgetretenen suchen vielleicht Gemeinschaft auf eine andere Art. 

 

In der Landeskirche gibt es dieses Phänomen ja schon länger: Die meisten Leute engagieren sich nicht wirklich in der Kirche; sie zahlen einfach Kirchensteuer und benutzen die Kirche nur dann, wenn sie es für nötig halten. Ist das auch eine Art von gemeindelosem Glauben?

 

Regina Pauli: In unserm Zusammenhang kann man das so sagen. Man muss die Landeskirche aber in einem grösseren Rahmen sehen. Nach dem Krieg war es noch üblich, dass man in diese Gemeinschaft eingebettet war; der Glaube war etwas Selbstverständliches. Das hat sich seither geändert, die Form der Kirche ist aber ziemlich gleich geblieben. 

Ich möchte aber nicht über den Glauben von Menschen urteilen, die sich in der Kirche nicht mehr aktiv beteiligen. Und ich weiss auch nicht, ob dies weniger gottgemäss ist. Vielleicht sind sie ja an einem andern Ort eingebettet.

 

Gibt es auch in den Freien Evangelischen Gemeinden (FEG) das Phänomen des gemeindelosen Glaubens?

 

Peter Schneeberger: Wir erleben, dass sich sehr viele Menschen am Gemeindeleben beteiligen: von Kindern über Jugendliche bis zu Erwachsenen, die sich alle als Teil der Mitarbeiterschaft sehen. Wir sehen, dass die Ehrenamtlichen einen wichtigen Platz haben und nicht der Pastor die Hauptrolle spielt. 

Leute verlieren wir vor allem bei natürlichen Brüchen im Leben, die oft mit einem Wohnwechsel verbunden sind: Kinder beginnen eine Ausbildung, Jugendliche heiraten, junge Erwachsene gründen eine Familie, oder eine Ehe bricht auseinander. In solchen Situationen kommt es immer wieder vor, dass Menschen die Gemeinde verlassen und den Weg zurück in eine FEG-Gemeinde nicht mehr finden.   

 

Für dieses Interview habe ich Christen gesucht, die ihren Glauben ausserhalb der institutionellen Gemeinden leben. Ich hatte Mühe, Leute zu finden, die bereit sind, sich zu ihrer Situation zu bekennen. Warum ist das so schwierig?

 

Deborah Finger: Viele dieser Menschen haben sich in der Regel schon ein paar Mal die Finger verbrannt. Sie haben sich an andern aufgerieben und die Hoffnung aufgegeben, dass man sie überhaupt verstehen kann. Vielleicht können sie ihre Schwierigkeiten mit der Gemeinde auch nicht formulieren oder wollen sich schlicht nicht der Kritik aussetzen. 

 

Peter Schneeberger: Die Gemeinden – gerade auch die FEGs – hatten lange Zeit ein sehr einheitliches Erscheinungsbild, das man oft mit einer Sekte in Verbindung brachte. Dieses «Sektenimage» der Freikirchen wird zum Teil auch heute noch in den Medien sehr gepflegt. Wer diesem Rahmen nicht entspricht und aussteigt, fühlt sich als Ausgestossener. Das verstehe ich. Dieses Bild stimmt aber nicht mit den heutigen Freikirchen überein. Sie sind heute bedeutend weniger vereinnahmend.

 

Was tun Sie, wenn jemand aussteigt?

 

Peter Schneeberger: Meistens geschieht dies ja nicht Knall auf Fall, sondern in einer langsamen Entwicklung. Wenn dieser Schnitt bewusst gemacht wird und wir dies rechtzeitig merken, versuchen wir, diese Person nach einem Austrittsgespräch segnend in die neue Situation zu begleiten. Das ist natürlich auch immer mit Schmerzen verbunden.

 

Unsere Zeit ist sehr individualistisch ausgerichtet. Ist das ein Hauptgrund für solche Entwicklungen? Gibt es die Angst, sich irgendwo einbinden zu lassen?

 

Regina Pauli: Das ist in der Tat nicht nur ein kirchliches Problem sondern auch eine Zeiterscheinung in der Gesellschaft generell. Die Landeskirche erfährt dies vielleicht noch mehr als die Freikirchen. Oft sind die kirchlichen Rahmenbedingungen halt immer noch relativ starr. Wenn sich dann Gemeindeglieder auf ihre Weise aktiv beteiligen und eigene Meinungen einbringen wollen, können Konflikte zwischen der Gemeindeleitung und den Mitgliedern entstehen. 

 

Peter Schneeberger: Tatsächlich bilden häufig Konflikte den Hintergrund einer Trennung. Die Gemeindeleitung ist in der Regel ausgerichtet auf einen Auftrag, auf ein Ziel, das sie erreichen will. Gleichzeitig gibt es – ich nenne als Beispiel den Bereich Musik – Künstler, die Anbetungszeiten sehr «weitherzig» leiten. Das kann Konflikte auslösen. Wenn zielorientierte Menschen auf Leute treffen, denen die Vielfalt wichtig ist, ziehen meistens die künstlerisch Orientierten den Kürzeren.

Es gibt aber auch noch andere Gründe. Bei reiferen Christen kann die Lücke zwischen dem, was sie für ihr geistliches Leben brauchen und dem, was im Gottesdienst angeboten wird, immer grösser werden. Es kann der Eindruck entstehen, dass ihnen die Gemeinde nichts mehr bringt, und sie steigen deshalb aus. Sie suchen dann andere Formen, vielleicht kleinere Gruppen oder Angebote im Fernsehen oder Internet, die ihnen weiterhelfen. 

Nach meiner Beobachtung verlieren wir aber am meisten Leute, wenn Christen einen ungläubigen Partner heiraten.

 

Jesus hat Menschen ganz persönlich in seine Nachfolge gerufen. Seine engsten Jünger hat er dabei grösstenteils herausgelöst aus ihrer bisherigen Umgebung und ihrem Beruf. Und war nachher drei Jahre lang mit ihnen unterwegs. Ist eine solche Gemeinschaft auch heute noch ein Vorbild für Verbindlichkeit?

 

Regina Pauli: Jesus hat diese Menschen in eine Verbindlichkeit gerufen, aber nicht in ein fixes Programm. Er war mit ihnen unterwegs und hat das gemacht, was im Moment und an diesem Ort gerade dran war. Begegnungen mit Gott und mit Menschen standen im Zentrum. Und er hat die Jünger gemäss ihren Möglichkeiten eingesetzt. 

 

Deborah Finger: Jesus hat seine Nachfolger an sich und damit an Gott gebunden. Es ging ihm um eine Beziehung. Und genau das brauchen wir heute ganz besonders. Wir leben in einer enorm komplexen Welt mit vielen Anforderungen. Wir müssen uns dauernd positionieren und Entscheidungen fällen, weil es so viele Möglichkeiten gibt. In dieser Vielfalt müssen wir auswählen, wo für uns eine Investition Sinn macht. Hier gibt uns der Glaube an Jesus und die Bindung an ihn eine Verankerung. Jede zusätzliche Verpflichtung, die man von aussen messen will, ist nicht angemessen; sie ist ein Versuch, Kontrolle auszuüben. Dies drückt Misstrauen aus und stösst die Menschen eher ab.   

 

Die Beziehung zu Jesus ist entscheidend. Aber: Wieviel Gemeinde braucht es, damit diese Beziehung gefördert werden kann?

Peter Schneeberger: Sehr viel! Das Leben in der Gemeinde ist nicht möglich ohne das geistliche Leben zu Hause und im Alltag. Und das geistliche Leben zu Hause funktioniert nicht ohne die Gemeinschaft. Ich sehe beides als Ergänzung. 

Auch Jesus hat beides gelebt: das Pflegen der Beziehung zu Gott in der Einsamkeit, aber auch das Leben mit seinen Jüngern und das gemeinsame Erreichen von Zielen. Jesus hat nie das Ziel aus den Augen verloren. Er war sehr leistungsorientiert und gab auch kurz vor seinem Tod im Garten Gethsemane nicht auf. Diese Kombination aus persönlichem Glauben und dem Eingebundensein in eine Gemeinschaft schwebt mir vor.  

 

Kann es auch eine Chance sein, wenn jemand seinen Weg ohne Gemeinde gehen will?

 

Regina Pauli: Für die Kirche kann es eine Chance sein, wenn sie bei dieser Gelegenheit z.B. die aktuellen Formen und Verbindlichkeiten hinterfragt. 

 

Peter Schneeberger: Dem kann ich zustimmen. Leute, die weggehen, haben sich oft etwas überlegt und kämpfen für die eigene Überzeugung. Das gefällt mir. Einfach dabei sein, weil sich das so gehört, das ist zu wenig. Das «Hinausgehen» ist aber nicht der beste Weg. Es braucht aber die Auseinandersetzung mit den Werten und mit dem Programm der Gemeinde.

 

Deborah Finger: Ein selbstverantwortetes Leben ist in
der heutigen Zeit mit einem gewissen Individualismus verbunden, und das ist nicht schlecht. Wir werden
dauernd vor Entscheidungen gestellt. Diese Entscheidungen können wir selber fällen oder an andere delegieren. Man kann sich sehr gut hinter einer Gemeinde
als Ort des Rückzuges und Schutzes verstecken und
das Leben auf den Entscheiden anderer aufbauen.
So können wir aber in unserer Gesellschaft nicht bestehen. 

 

Wahrscheinlich gibt es Phasen, in denen der Schutz sehr wichtig ist und andere, in denen man die Gemeinde weniger braucht. Aber brauchen nicht die Gemeinden gerade diese reifen Christen?

 

Deborah Finger: Sie würden sie brauchen. Darum sollten sie sich etwas mehr darum bemühen, den Prozess der Auseinandersetzung, der Fragen und Zweifel eines Menschen als wichtige Zeit und Möglichkeit zu neuem Wachstum zu verstehen – für diesen Menschen und die Gemeinde. 

 

Wie kann eine Gemeinde auf solche Menschen eingehen?

 

Peter Schneeberger: Es ist eine schmale Gratwanderung zwischen dem Eingehen auf diese Fragen und dem Blick auf die Andern, die in diesen Fragen an einem andern Ort stehen. Dafür braucht es sehr viel Weisheit. Solche Fragen in öffentlichen Foren auszusprechen und zu diskutieren braucht sehr viel Mut und eine gute Gesprächskultur. In der Regel ist es einfacher, dies im direkten Gespräch mit der Leitung zu klären.

 

Die reformierten Kirchen in der Schweiz haben nicht mal ein Bekenntnis. Sie verpflichten also sozusagen niemanden zu nichts.

Eigentlich ideal für unsere unverbindliche Zeit. Warum können die Landeskirchen ihre Leute trotzdem nicht halten?

 

Regina Pauli: Die Frage nach dem Bekenntnis wird in der reformierten Kirche wieder vermehrt gestellt. Man ringt um ein Bekenntnis, möchte sich aber nicht auf ein einziges festlegen. In der Kirchenliturgie gibt es das apostolische Glaubensbekenntnis, und es wird empfohlen, dieses Bekenntnis im Gottesdienst einzusetzen.

 

Was aber nur selten getan wird.

 

Regina Pauli: Es wird selten gebraucht, das ist möglich. Das apostolische Glaubensbekenntnis muss man heute erklären. Nur mit dem Benutzen des Glaubensbekenntnisses kann man die Leute aber nicht bei der Stange halten.

 

Warum treten die Leute aus der Landeskirche aus, obwohl doch so wenig von ihnen verlangt wird?

 

Regina Pauli: Entscheidend ist, was in der Kirchgemeinde vor Ort geschieht, und das ist sehr verschieden. Wir müssen wegkommen von einem Einheitsbild der Landeskirche. Ich kenne verschiedene lebendige Kirchgemeinden, in denen Nachfolge gelebt wird. Solche Kirchgemeinden suchen neue Formen, um die Werte zu pflegen, die bleiben müssen. Diesen Weg müssen alle Kirchen suchen – nicht nur die Landeskirchen.

 

«Freie Evangelische Gemeinden» – das tönt sehr frei und passt damit eigentlich gut in die heutige Zeit.

 

Peter Schneeberger: Das ist so und war ursprünglich auch so gedacht: frei vom Staat und frei von einer übergeordneten Kontrolle. Als Verband können wir nicht in eine örtliche Gemeinde eingreifen. Darum steht für uns die Mitbeteiligung im Vordergrund. Alle sollen sich in der Gemeinde vor Ort verantwortlich fühlen. 

Weniger frei sind wir in Sachen Bekenntnis. Wir haben ein klares Bekenntnis zu Jesus und zur Bibel. Das gibt uns auch eine Einheit im FEG-Bund. 

 

Zusammenfassend: Was muss eine Gemeinde tun, um ihre Leute in einer verbindlichen Gemeinschaft zu halten?

 

Deborah Finger: Die Gemeinden wären eigentlich angewiesen auf die Leute, die weggehen. Um sie zu behalten, müssten die Gemeinden aber ihre

Kultur ändern. Fragen müssten einen wichtigen Platz haben, Antworten vorsichtiger und zurückhaltender gegeben werden. Turbulenzen, Zweifel und Kritik sollten wertgeschätzt werden als Möglichkeit zu weiterem Wachstum. Die Vielfalt der Meinungen müsste Platz haben, weil man einander so he-rausfordern kann. 

 

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung eines Zoom-Talks bei Radio Lifechannel vom 6.3.13, siehe: www.lifechannel.ch  

 

Gesprächsteilnehmer

Regina Pauli ist Erwachsenenbildnerin, Sozialdiakonische Mitarbeiterin (SDM) und Mitglied der ev.-ref. Landeskirche. regina.pauli@STOP-SPAM.gmx.ch 

Deborah Finger ist Familienfrau und Studentin am Institut für Gemeindebau und Weltmission (IGW); sie ist aufgewachsen in der Gemeinde für Christus (GfC) und besucht heute die Gottesdienste der ev.-ref. Kirche. c.d.finger@STOP-SPAM.sunrise.ch 

Peter Schneeberger ist Pastor und Leiter des Bundes Freier Evangelischer Gemeinden (FEG). peter.schneeberger@STOP-SPAM.feg.ch 

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