Falsche Verbindlichkeit

Ein Lob auf die evangelische Freiheit

Sara Stöcklin Keine Frage: Verbindlichkeit ist ein biblisches Prinzip. Aber auch die Unverbindlichkeit wird in den Evangelien hochgehalten. Das illustriert etwa der Besuch von Jesus bei Maria und Martha. 

 

Martha lädt Jesus und sein Gefolge zum Essen ein. Wir wissen: Das Gebot der Gastfreundschaft wird im Volk Israel gross geschrieben. Dass die Frauen des Hauses für das leibliche Wohl ihrer Besucher zu sorgen haben, entspricht den Regeln des Anstands. Dennoch klinkt sich Marthas Schwester Maria aus, drückt sich vor ihrer Verantwortung, missachtet ihre Pflicht. Sie hilft Martha nicht bei der Zubereitung des Essens, sondern gesellt sich zu den Männern und hört Jesus zu. 

Martha fühlt sich im Stich gelassen. Sie hat mit der Verlässlichkeit ihrer Schwester gerechnet. Doch offenbar kümmert sich Maria nicht um die Erwartungen, die an sie gerichtet werden, sondern entscheidet sich spontan für eine im Moment wichtigere Beschäftigung. Und Jesus gibt diesem Verhalten auch noch seinen Segen: «Martha, Martha», spricht er zu der verärgerten Hausherrin, «du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe, aber notwendig ist nur eines. Maria hat das Bessere gewählt, und das soll ihr nicht genommen werden1.»

 

Verbindlichkeit ist gut – aber nicht ohne Wenn und Aber

Wir wissen nicht, ob Martha live mit dabei ist, als Jesus die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt2. Wenn ja, wird sie vielleicht an die Episode in ihrem Haus zurückdenken und sich nur zu gut mit dem älteren Bruder im Gleichnis identifizieren können, der jahrelang treu, verbindlich und zuverlässig dem Vater gedient hat und am Ende scheinbar ohne Belohnung dasteht. 

Freilich werden die Leistungen sowohl jenes älteren Bruders als auch Marthas durchaus geschätzt. Es wird ihnen nur etwas gegenübergestellt. Verbindlichkeit ist gut – aber nicht ohne Wenn und Aber. Wenn Verbindlichkeit die «Bindung» an Erwartungen, an gefühlte Pflichten, an die Uhrzeit, an Regeln und Konventionen heisst, dann ist sie manchmal fehl am Platz. Denn Menschen wie Martha, die sich durch Verbindlichkeit, durch Treue und Zuverlässigkeit auszeichnen, laufen Gefahr, den Moment des Redens Gottes zu verpassen. Verbindlichkeit heisst in ihrem Alltag, dass nichts «dazwischen kommen» darf. Ihre Aufgaben, Vereinbarungen und Verabredungen werden von ihnen so ernst genommen, auf ihre Pünktlichkeit und Verlässlichkeit legen sie so viel Wert, dass sie kein Ohr mehr haben für die spontane Weisung des Heiligen Geistes, kein Auge für die unmittelbare Not des Gegenübers, keine Flexibilität, um auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Genervt versucht eine Person wie Martha den Nachbarn abzuwimmeln, der sie auf der Strasse in ein Gespräch verwickelt, weil zu Hause ein Berg Wäsche auf sie wartet. Mitten im Streit lässt sie ihren Ehepartner sitzen, um eine wichtige Sitzung nicht zu verpassen. Obwohl sie eine Woche lang abends nicht zu Hause war, lässt sie ihre Familie allein, weil sie die Teilnahme am Gebetsabend nicht absagen will. Das Telefongespräch mit einer Freundin in Not klemmt sie frustriert ab, weil sie versprochen hat, sich um das Abendessen zu kümmern.

Wenn Verbindlichkeit heisst, sich zu verpflichten und die Pflicht über alles zu stellen, dann warnt die Bibel eindringlich davor. Denken wir an den unglückseligen Jeftah im Buch der Richter, der unvorsichtigerweise verspricht, Gott das Erste zu opfern, das ihm bei einem Sieg gegen die Feinde begegnen wird – er sieht sich gezwungen, die eigene Tochter auf den Altar zu legen3. Ähnlich unvorsichtig schwört Herodes im Neuen Testament, die Tochter seiner Geliebten nach ihren Wünschen für einen Tanz zu beschenken, worauf er ihr den Kopf Johannes’ des Täufers liefern muss4. Wenn Jesus das Schwören verurteilt – «Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein»5 – dann lässt sich das durchaus so verstehen: Nehmt euch in Acht vor verbindlichen Aussagen und Zusagen, denn Gott kann und wird eure Pläne immer wieder durchkreuzen. Gerade weil ein Versprechen so viel wiegt, sollte es nicht voreilig gegeben oder von anderen verlangt werden. 

 

Der unverbindliche Jesus 

Was Unverbindlichkeit im besten Sinne bedeutet, lebt uns Jesus beispielhaft vor. Seien wir ehrlich: Der Sohn Gottes ist alles andere als verlässlich, wenn es um Erwartungen, Normen und Konventionen geht. Schon als Zwölfjähriger stürzt er seine Eltern in tiefe Sorge, weil er angeblich im Tempel «sein muss»6. Er lebt im Hier und Jetzt und erwartet auch von seinen Jüngern, dem Ruf Gottes spontan Folge zu leisten, wo und wann auch immer er sie ereilt. Als ihm einer, den er zur Nachfolge ermutigt, zögerlich zur Antwort gibt, er möge ihm erlauben, «zuerst noch nach Hause zu gehen und mich um das Begräbnis meines Vaters zu kümmern», zeigt Jesus erstaunlich wenig Verständnis7. Es gilt, Prioritäten zu setzen – auch wenn die Erwartungen anderer dabei enttäuscht werden. Jesus selbst scheint sogar gegen den eigenen Auftrag zu handeln, wenn es das Gebot der Nächstenliebe erfordert. Als ihn eine Syrophönizierin um Hilfe bittet, wehrt er zunächst ab, weil er eigentlich zum Volk Israel gesandt ist8. Doch ihr Glaube erweicht ihn, so dass er ihrer Tochter doch die erhoffte Heilung schenkt. Vielleicht ärgert sich der eine oder andere seiner Jünger im Stillen darüber – verständlicherweise. Schon der Prophet Jona im Alten Testament hat Mühe, Gottes «Unverbindlichkeit» zu ertragen, nachdem die durch ihn angedrohte Strafe nicht über Ninive hereingebrochen ist9. So treu Gott zu seinem Wort steht, so wenig lässt er sich von den Menschen und ihren Vorstellungen festlegen.

Besonders unverbindlich scheint Jesus freilich zu sein, wenn es um Termine geht. Er drückt sich etwa mit Vorliebe um verbindliche Aussagen über den Zeitpunkt seiner Wiederkehr10. Zudem fällt er durch Unzuverlässigkeit auf. Als sein Team mit dem Boot in einen Sturm gerät, schläft er seelenruhig und treibt seine Jünger zur Verzweiflung11. Sie haben sich doch auf ihn verlassen! Und nun ist er nicht bereit, wenn man ihn braucht! Gross ist das Staunen, als er schliesslich doch noch eingreift, vielleicht aber auch gemischt mit einer leisen Kritik: «Warum denn nicht gleich?» Auch die Erwartung von Maria und Martha, deren Bruder stirbt, wird zunächst enttäuscht12. «Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben», sagt zuerst Martha, dann auch Maria zum «verspäteten» Jesus. Und einmal mehr macht dieser mit einem Wunder klar: Gottes Timing ist nicht unser Timing. Er fühlt sich offenbar nicht an unsere Regeln gebunden und zeigt eher wenig Respekt für die gesellschaftlichen und familiären Verpflichtungen, die wir für so wichtig halten.

 

Das Gebot der Stunde

Ist Unverbindlichkeit also tatsächlich ein biblisches Prinzip? Die Frage ist, auf wen oder was sich die Unverbindlichkeit bezieht. Durchaus «evangelisch» ist die gelegentliche Unverbindlichkeit gegenüber Konventionen, Erwartungen, Terminen, sogar gegenüber Pflichten und Menschen. Wenn aus Verbindlichkeit eine ungesunde Bindung wird, eine Gefangenschaft, wenn daraus Taubheit und Blindheit für das Reden Gottes im Alltag resultiert, dann ist sie keine Tugend. Verbindlichkeit soll
nie davon abhalten, das Gebot der Stunde zu erkennen und zu erfüllen. Manchmal dürfen wir Andere(s) warten lassen, um uns um Wichtigeres zu kümmern – so wie
Jesus.  

 

1  Lk 10,41-42

2  Lk 15,11-32

3  Ri 11,30-40

4  Mt 14,6-11

5  Mt 5,33-37

6  Lk 2,41-51

7  Lk 9,59-60; Mt 8,21-22

8  Mk 7,24-30

9  Jona 4

10  Mt 24,36; Lk 17,20

11  Mt 8,23-27

12  Joh 11,17-37

 

Sara Stöcklin-Kaldewey hat Philosophie und Theologie studiert und ist Doktorandin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Uni Basel.

sara.stoecklin@STOP-SPAM.insist.ch

 

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