Gegen den Strom der Zeit

Gefährten des Lichts

Dominik Klenk In unserer beschleunigten und virtuellen Gesellschaft ist es immer schwieriger geworden, verbindliche Gemeinschaft zu leben. Der Autor ist ehemaliger Leiter der Kommunität «Offensive Junger Christen». Er analysiert den Zerfall unserer Gesellschaft und zeigt Wege aus der Sackgasse der Vereinzelung.

 

Wie eigentlich kann Gemeinschaft gelingen? Ich meine wirklich gelingen. Nicht nur als Zweck-Wohngemeinschaft, nicht nur als unverbindliche Übergangslösung und schon gar nicht als fromme Gruppenstunde, die einmal in der Woche stattfindet und mich danach wieder in die Ich-Einsamkeit meines Alltags verschwinden lässt? 

So oder ähnlich habe ich dutzende Anfragen in den letzten Monaten gehört. Und zwar quer durch die Altersriegen und von Männern und Frauen, Verheirateten und
Ledigen, Intro- und Extravertierten. Nicht nur, aber besonders für junge Menschen scheint auf seltsam verborgene Weise gerade das schwer zu sein, was eigentlich nahe liegt und was sich alle wünschen: verbunden zu sein, dazuzugehören, gehalten und in Gemeinschaft geborgen zu sein. 

 

Absturzpanik?

Man kann das Unbehagen in der Sache fühlen, man kann es auch untersuchen und versuchen, es zu erklären. Die Shell-Jugendstudie stellt fest, dass «Freiheit» einerseits und «Familie» andererseits höchste Werte für die junge Generation sind. Eben das zeigt die verfahrene Lage, denn «tun, was ich will und wann ich will» passt kaum zusammen mit dem Ferment, das Familie schafft: Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Rücksicht um des Anderen willen. Auch die Rheingold Jugendstudie hilft uns in dieser Sache nicht wirklich weiter: Die grosse Freiheit im Gewand allgegenwärtiger Multioptionalität1 führt in gewaltige Höhen, wo dann, so hat man entdeckt, vor allem die Absturzpanik zur treibenden Kraft für junge Menschen wird. Bloss kein Looser sein. Um dem zu entgehen, wird kräftig Kompetenz gehamstert, damit man sich gegenüber anderen absetzen kann. Trotzdem will man natürlich dazugehören, «die Community pflegen», wie man heute sagt. Eigentlich ist hier Gemeinschaft gemeint, aber gefüllt wird dieses Miteinander vor allem durch flüchtige Netzkontakte. Das Smartphone wird zur Inkarnation der Gemeinschaft, die ich mit mir trage: Solange Strom unter dem Bildschirm fliesst, macht sich die Illusion breit, verbunden zu sein.

 

Kontaktreiche Beziehungsarmut!

Und so macht sich ein seltsames Paradox breit, das sich inzwischen wie Mehltau über uns niedergelassen hat: Wir leben in einer kontaktreichen Beziehungsarmut. Wir haben immer mehr funktionale Teilkontakte, leben in ständig wechselnden Teilkommunikationen, sind an immer mehr Orten gleichzeitig: Wir simsen, während wir uns unterhalten; wir arbeiten, während wir telefonieren; wir beantworten E-Mails im Minutentakt, während wir im Geiste schon wieder ganz andere Dinge bewegen, die uns beschäftigen. Wir werden zu Simultanten. Denn wir sind immer seltener da, wo wir gerade wirklich sind, weil eine dauernde mediale Hintergrundstrahlung, eine Art «second world» mitläuft, der unsere Aufmerksamkeit stets mindestens einen «Stand-by-Modus» widmet. Gleichzeitig scheinen die realen Beziehungsräume mit tiefen, tragfähigen und vertrauten Beziehungen rar zu werden.

 

Beschleunigtes Leben

Mit noch einem Schritt mehr Abstand auf dieses Szenario entdecken wir den Grund dafür in einer sich beschleunigenden Gesellschaft, der wir uns nur schwer entziehen können.

Globalisierungsforscher haben durch Untersuchungen und Querschnittanalysen festgestellt, dass sich der Speed, die Geschwindigkeit unseres Lebens, in den letzten 60 Jahren alle 20 Jahre verdoppelt hat. Das können wir leicht nachvollziehen, wenn wir überlegen: Wie oft hat vor 40 Jahren die Oma ihr Dorf verlassen, wie oft die Mutter vor 20 Jahren – und wie oft verlassen wir es heute? Wie viele Telefonkontakte täglich hatten wir vor 40 bzw. vor 20 Jahren – und wie viele haben wir heute? Wie viel Post bekamen wir vor 20 Jahren täglich – wie viele E-Mails und Kurznachrichten erreichen uns heute?

Immer mehr Informationen und Aktionen strömen in dieser beschleunigten Gesellschaft in unser Leben. Muskulär droht der Krampf, beziehungsmässig landen wir im besagten Paradox: Wir leben kontaktreich und beziehungsarm.

 

Diabolische Kräfte und die Formation des Siegers

Stellen wir uns die beschleunigte Gesellschaft als Drehscheibe vor. Je schneller die Geschwindigkeit und das Drehmoment sind, desto stärker wirken die Fliehkräfte nach aussen. Je schneller der Speed unseres gesellschaftlichen Lebens ist, desto mehr haben wir es mit diesen zentrifugalen Kräften zu tun, die uns auseinander treiben. Weil sich die Drehgeschwindigkeit langsam und nicht auf einen Ruck erhöht, nehmen wir diese Veränderungen kaum wahr. 

Diese Beschleunigung hat auch eine geistliche Dimension. Es ist ja die Formation der Gemeinschaft, die den Heiligen Geist in besonderer Weise herbeiruft, denn: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen2», sagt Jesus. In Gemeinschaft miteinander und in Gemeinschaft mit Christus finden wir die richtige Formation als Gefährten gegen die Mächte der Vereinzelung und der Zerstörung. Machen wir uns das ruhig in aller Deutlichkeit klar: Gott ist der Dreieine. Drei in eins: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das ist die Formation des Siegers. Und wir sind geschaffen zu seinem Bilde, also geschaffen zum Leben in Gemeinschaft. «Den Menschen» gibt es also recht verstanden nur im Plural. Als isoliertes, aus der Gemeinschaft herausgefallenes Wesen, verliert er seine Kraft und seine Bestimmung, er wird zum Spielball der Mächte der Zerstörung. Der Widersacher Gottes trägt den Namen Diabolos. Das griechische diabolein heisst durcheinanderwerfen. Die Spielform der beschleunigten Gesellschaft ist eine diabolische Spielform, die das Ferment und den Zusammenhalt menschlicher Beziehungen in Freundschaften, Ehen und Gruppen strapaziert und gefährdet. Wir drohen dabei auseinandergerissen und vereinzelt zu werden. Der Blick in die Beziehungswirklichkeiten und den Zerbruch um uns herum lässt uns ahnen, welche Kräfte hier am Wirken sind.

Wenn wir nicht nur langsam zusehen wollen, wie auch die letzten innigen Verbindungen, Gemeinden und Gemeinschaften auseinander gerissen werden, müssen wir uns dringend neu ausrichten und die Formation unserer Beziehungen stärken. Es braucht eine Re-Formation. Das ist möglich, aber es gelingt nicht selbstverständlich. Wie aber kann so ein Prozess beginnen? 

 

Kapitulation und Eingeständnis

Die grösste Schwierigkeit auf dem Weg zur Neuformation in Gruppen und Gemeinschaften ist das Eingeständnis des eigenen deformierten, aus der schöpferischen Formation geratenen Zustandes. Wo die Schwierigkeiten und ihre Gründe nicht auf den Tisch kommen, da unterbleibt Veränderung. Anders herum gesagt: Veränderung kann dort beginnen, wo ich mich bedürftig zeige. Nur die Menschen, Ehepaare oder Gemeinden können einen Schritt auf Gott und aufeinander zu machen, die sich eingestehen, dass sie die Dinge nicht mehr im Griff haben. Und dass das Tempo und die Richtung, in der sie unterwegs sind, keinen fruchtbaren Weg mehr ermöglichen. Eine der grössten Ressourcen und zugleich das engste Nadelöhr geistlicher Erneuerung ist der bleischwere Satz: «Es ist auch meine Schuld und es tut mir leid.» Auszusprechen, was unter unserer eigenen Beteiligung nicht gut war, ist eine Zumutung für den Narzissten3 in uns, aber immer auch eine Befreiung für den gottesbedürftigen Geliebten, der wir auch sind. 

 

Konspiration und Nähe

Das Eingestehen und das Mitteilen der Situation schafft einen neuen Raum: einen Raum der Konspiration. Konspiration – von lateinisch «conspirare» – bedeutet «miteinander atmen». Eben solcher konspirativen Räume bedarf es, um aus den verfahrenen und gewohnten Funktionsszenarien des «Zuviel» und des «Zu-Unklar» auszusteigen und sich geschwisterlich zusammenzureden. Im Raum der Konspiration riskiert man Nähe. Und dieses Risiko ist real. Wer sich anvertraut, der vertraut, dass er gehört und wahrgenommen wird. Es gibt Beziehungen, in denen sich eine Atmosphäre der distanzierten Freundlichkeit breit gemacht hat. Man ist nett zueinander, man tut seine Pflicht, aber die Leidenschaft, miteinander unterwegs zu sein und für ein gemeinsames Ziel zu brennen, ist längst erkaltet. Es ist nicht leicht, in so eine Situation hinein Nähe zu riskieren; aber eben nur dieser Vertrauensvorschuss kann die eingespurten Funktionswege überspringen und das gemeinsame Atmen, dem sich der Atem des Heiligen Geistes beimischen kann, ermöglichen.

 

Kontemplation und Stille

«Der erste Schritt zu dir, ist allein zu sein mit mir – den Kampf der Überwindung zu bestehn.» Sehr treffend fasst der Liedermacher Martin Pepper hier zusammen, worauf es ankommt: Allein sein vor Gott, einfach sein, nichts tun – das ist vielleicht eine der schwersten Übungen heute. Offline sein. Nicht erreichbar, nicht im Stand-by-Modus potenzieller Nachrichten, die auf uns warten könnten.

Wir müssen verstehen, dass wir von unserem Wesen her Empfangende sind. Das heisst, dass wir das Wesentliche unseres Lebens nicht in uns selbst tragen, sondern darauf angewiesen sind, dass die wirkliche Kraft und Würde unseres Seins immer wieder neu in uns hineinfliesst. Dag Hammarskjöld beschrieb es einmal so: «Jeden Morgen unsere Hände Gott wie eine leere Schale hinhalten.» 

Für mich ist es, als ob Gott manchmal zu mir sagen würde: «Halt doch endlich mal still, damit ich dich ganz in mein Licht stellen kann.» – «Geistliches Sonnenbaden» nannte ein Freund das einmal. Die Welt wirbt um unsere Aufmerksamkeit, doch unsere Seele dürstet danach, angeschaut zu werden. Von diesen Augen-Blicken Gottes kommen Ruhe und Richtung in unser Leben. Wir müssen nichts dafür tun, einfach nur da sein. Gott wartet auf uns. 

 

Konjugation und Neuordnung

Unser komplexes Leben hat seine eigenen Regeln. Vielleicht kennen wir sie gar nicht, spüren aber deutlich, wie die Dinge eben funktionieren oder zu funktionieren haben. Aber wer macht eigentlich diese Regeln? Und nach welchen Vorgaben gestalten wir unser Leben? Es ist spannend, sich diese Fragen zu stellen und mal zu erspüren, welche Kräfte, Zwänge und Prägungen uns da konjugieren: Was lässt uns aktiv oder passiv werden, was bindet uns an die Vergangenheit oder schickt uns in die Zukunft?!

Wie also – das war unsere Eingangsfrage – kann verbindliche Gemeinschaft gelingen unter den beschleunigten Voraussetzungen, wie wir sie heute in unserer Kultur vorfinden? Fest steht, dass sich lebendige Gemeinschaft immer wieder erneuern muss, um nicht zu erstarren. Einfach «machen» kann man sie nicht, und Regeln sind zwar ein Baustein, aber bei weitem zu wenig, um das
Fluidum zu erzeugen, das eine Gemeinschaft ausmacht und Menschen beieinander beheimatet. 

 

Gefährten werden!

Die alten Klöster haben mit ihren Ordensregeln strenge, aber sehr weit tragende Ordnungen gefunden, um in einer sich verändernden Kultur das Leben um die Mitte ihres Herrn Jesus Christus nicht zu verlieren. Aber Klöster sind Gemeinschaften zö-libatär4 lebender Gefährten. Kirche braucht diese Form gemeinschaftlicher Zuordnung, aber sie braucht noch viel mehr die Zuordnung von Gefährten, die familiär zusammen leben. Männer und Frauen, verheiratete und unverheiratete, alte und junge, die mit ihrem Leben bezeugen, dass das Leben mit Jesus Christus nicht nur Privatsache ist, sondern eine gesellschaftliche Dimension hat. Gefährten, die sich mit einer Kultur der kontaktreichen Beziehungsarmut nicht zufrieden geben, sondern die bereit sind, Neues zu wagen, und die wissen, dass Verbindlichkeit ein Zeichen gelebten Christseins ist. 

Im angelsächsischen Raum hat man diese «fresh expressions of church5» längst erkannt und in den USA finden sich Gemeinschaften mit starker sozial-missionarischer Ausrichtung zusammen in Gemeinschaften, die sich selbst «a new monastacism6» nennen. Verbindliche Gemeinschaften in ganz unterschiedlicher Zuordnung – das ist die Zukunft von Kirche in einer Zeit immer stärkerer Fliehkräfte. Gefährten, die sich zu-sammenfinden und ernst machen. Menschen, die bereit sind zu experimentieren. Gemeinschaften müssen konjugiert werden, um lebendig zu bleiben. Es braucht ein Fragen und ein Hinterfragen dessen, was man dort tut. Dieses lebendige Sprachgeschehen braucht einen «grammatischen» Rahmen – grundlegende Absprachen, die einen Raum eröffnen, der Menschen anspricht, weil er vom Geist Gottes inspiriert ist. Um diesen müssen wir ringen, damit wir als Christen heute erkennbar und beieinander bleiben. Denn, so sagt Jesus Christus, «daran wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid, weil ihr Liebe und

Gemeinschaft untereinander habt7». 

 

 

1 die grosse Auswahl an Möglichkeiten

2 Mt 18,20

3 Narzissmus = Selbstverliebtheit

4 unverheiratet

5 neue Formen von Kirche

6 neue Formen klösterlichen Lebens

7 Joh 13,35

 

Dr. Dominik Klenk ist Publizist. Früher war er Handballprofi und Unternehmer. 2000–2012 leitete er die ökumenische Kommunität «Offensive Junger Christen» (OJC) in Deutschland. Seit 1968 lebt, baut und arbeitet die OJC als verbindliche Lebensgemeinschaft. Die OJC ist ein christlicher Think-Tank, der Christen für ein aktives Engagement in der Gesellschaft ausrüsten will. Sitz der Gemeinschaft ist Reichelsheim (D), wo über 100 Menschen mit leben.  Zum Freundeskreis der Gemeinschaft gehören über 20 000 Christen in der ganzen Welt. 

Heute ist Dominik Klenk Verlagsleiter beim Brunnen-Verlag in
Basel. 

www.ojc.de 

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