Erziehung

Gibt es eine Erziehung zur Verbindlichkeit?

Interview: Fritz Imhof Besonders in der Jugendarbeit wird immer wieder die mangelnde Verbindlichkeit der Jugendlichen als Problem angesprochen. Werden Jugendliche nicht mehr zur Verbindlichkeit erzogen? Kann man das überhaupt? Wir stellten unsere Fragen dem Pädagogischen Leiter der Stiftung Gott hilft, Martin Bässler. 

 

Magazin INSIST: Martin Bässler, gibt es eine Erziehung zur Verbindlichkeit?

 

Martin Bässler: Es gibt keine Erziehung zur Verbindlichkeit, aber man kann Verbindlichkeit im Alltag fördern und fordern. Wie weit ein Kind Verbindlichkeit lernt, hängt auch von der Erziehung ab, aber nicht nur. Sie ist auch Teil des Charakters und der Wesensart. Es gibt die gewissenhaften Kinder und auch solche, denen das Abenteurertum näher liegt. Andere verhalten sich mehr chaotisch. 

 

Was verstehen Sie unter Verbindlichkeit bei Kindern und Jugendlichen?

Verbindlichkeit bedeutet für mich, dass ein Kind längere Zeit an einer Sache, zum Beispiel einem Spiel, dranbleibt und nicht permanent von einer Sache zur nächsten wechselt. Ein weiterer Punkt ist auch, dass sich das Kind an Regeln und Abmachungen halten kann. Wie weit das Kind dazu in der Lage ist, hängt jedoch stark von seiner Entwicklung und seinem Alter ab. Verbindlichkeit hat auch mit Verantwortung zu tun. Sie ist ein wesentlicher Teil des Familienalltags. Wichtig ist, dass ein Kind darin wächst.

 

Sie haben sowohl als Familienvater wie als professioneller Pädagoge Erfahrungen gemacht und damit Vergleichsmöglichkeiten. Welche Unterschiede stellen Sie fest?

Die Unterschiede sind bei einzelnen Kindern gross,
bei andern klein. Entscheidend ist die frühkindliche
Entwicklungsphase des Kindes. Sich auf Verbindlich-
keit einlassen zu können, hängt stark mit dem Urvertrauen zusammen. Hat das Kind das Grundvertrauen «Es kommt gut»? Oder das Vertrauen zur Erziehungsperson «Sie meint es gut mit mir»? Kinder, welche diese Verlässlichkeit im frühen Kindesalter nicht erlebt haben – weil
sie zum Beispiel spät oder unregelmässig versorgt wurden, werden sich später im Kindergarten, in der Schule und im Jugendalter anders verhalten. Wichtig ist, dass Erziehende unterscheiden können, ob Defizite in der Verbindlichkeit im Wesen des Kindes liegen oder in Entwicklungsdefiziten, die aus negativen Erlebnissen resultieren. 

 

Hat Verbindlichkeit etwas mit Bindung im frühen Kindesalter zu tun?

Ja, Verbindlichkeit beginnt mit dem Lernen am Vorbild. Das Kind ahmt vieles nach. Wer eine unsichere Bindung erlebt hat, zum Beispiel Eltern, die oft den Partner oder die Arbeitsstelle gewechselt haben, ist von einem negativen Modell geprägt. Ein gutes Modell ist entscheidend für das eigene spätere Verhalten. Aber ein schlechtes Vorbild muss auch nicht bedeuten, dass es für das Kind keine Hoffnung mehr gibt. Hier kommt das Thema Resilienz1 zum Zug. Es gibt Kinder, die schlechte Erfahrungen über Erwarten gut verarbeiten können. Auch Kinder mit einer schwierigen Vergangenheit sind dafür offen, positiv geprägt zu werden. Es ist möglich, auch wenn wir es mit erschwerten Umständen zu tun haben. Wenn ein Kind unter Traumata leidet, kann es seine Verhaltensweise oft nicht mehr steuern und versteht gar nicht, weshalb es sich so oder so verhält. Weshalb habe ich die Beziehung abgebrochen? Warum bin ich so wütend geworden? Um in diesen Fällen richtig zu reagieren, braucht es profes-sionelle Unterstützung. 

 

Wie gehen Sie mit solchen Kindern um?

Ein Kind muss sich erst mal angenommen fühlen. Es muss spüren: «Wir haben dich gerne. Du hast ein Recht auf Annahme trotz deiner wechselvollen Geschichte.» Dass ein Kind das erleben kann, ist entscheidend. Wichtig ist das Zusammenspiel von Annahme, Wohlwollen, Beziehung, bleibender Zuwendung und klaren Regeln, Grenzen und Konsequenzen. Das Kind braucht ein Spielfeld mit klaren Spielregeln. Gerade Kinder aus unsicheren Verhältnissen benötigen klare Strukturen, auf die sie sich verlassen können. Einen sicheren Ort, wo sie wissen, was passieren wird – auch am Mittwochnachmittag oder am Wochenende. Wir können viel dazu beitragen, dass das Kind einen sicheren Ort erlebt, wo es den Erwachsenen – und sich selbst – vertrauen kann. Denn sein Misstrauen richtet sich ja auch gegen sich selbst. 

Häufig wird vom Grundsatz «Beziehung vor Erziehung» gesprochen. Ich sage lieber: Erziehung mit Beziehung. Beides muss zusammengehen, es braucht die Balance. Darin besteht die pädagogische Kunst. 

 

Gibt es Charaktere, denen Verbindlichkeit immer schwer fallen wird?

Es gibt die Kinder mit Pioniergeist und Abenteuerlust. Das ist nicht an sich negativ. Solche Kinder und Menschen werden es aber schwerer haben, sich in verbindliche Strukturen zu integrieren. Auch Erwachsene mit krea-tiven oder gar chaotischen Zügen sind immer wieder herausgefordert, sich mit ihrer Umgebung zu verständigen, so nach dem Motto: «Ich muss mich besser strukturieren, damit ich zuverlässiger werde.» Wer sehr verlässlich und korrekt ausgerichtet ist, muss sich zugestehen können, auch mal nicht ganz zur richtigen Zeit am Treffpunkt zu sein. Oder die Verspätung bzw. Inkorrektheit nicht gleich tragisch zu nehmen, im Wissen, dass «das mal passieren kann». Wir sind alle unterschiedlich unterwegs. 

Auch Kinder gehen sehr unterschiedlich mit dem Erlebten um. Die einen bleiben rebellisch, ständig in der Provokation. Die andern sind die Angepassten, dauernd korrekt, sie stören nie. Solche Kinder können aber mit der Zeit auf Rückzug gehen – und dann unter psychischen Störungen oder Essstörungen leiden. Sie müssen ermutigt werden, auch mal aus sich herauszukommen. Oder dass die Aufgaben für einmal nicht absolut korrekt gemacht sein müssen. 

Wir dürfen uns nicht zu fest auf pädagogische Rezepte verlassen. Wir müssen auf jedes Kind individuell eingehen und immer wieder unsere Haltungen gegenüber dem Kind überprüfen. Was für das eine Kind das Richtige ist, kann für das andere genau das Falsche sein.

 

Es gibt also auch in einer Institution nicht nur rebellische und chaotische Kinder, sondern auch die ganz gewissenhaften?

Ja. Die Ursachen, weshalb ein Kind in eine Institution gegeben wird, sind ja auch sehr unterschiedlich. Oft ist das familiäre Umfeld und nicht das Kind selber ausschlag-gebend für eine Fremdunterbringung. 

 

Welche Rolle spielt das Vorbild von Eltern und Erziehenden?

Für mich ist zentral, dass ich durch mein Vorbild erziehe. Es ist eindrücklich, wie Kinder durch Beobachtung lernen. Wenn ich ein Kind anweise, das Geschirr vorzuspülen, und es sieht, dass ich es ungespült in den Geschirrspüler stecke, wird es schnell mein Vorbild kopieren. Wir sind Vorbilder von morgens bis abends. Und Kinder lieben die Vorbilder! Sie spüren auch sehr schnell, ob jemand etwas sagt, aber nicht danach lebt. Sie nehmen die Widersprüche bei den Erziehenden sofort wahr. Kinder müssen auch in schwierigen Situationen wissen können: Dieser Erzieher bleibt mir zugewandt. Gerade wenn wir an Grenzen kommen und bei schwierigem Verhalten müssen wir glaubwürdig bleiben. Wenn wir die Fassung verlieren und herumschreien, stimmen wir schlicht nicht mehr mit dem überein, was wir vorgeben. 

 

Kann Erziehung zur Verbindlichkeit auch mit Druck und Angst verbunden sein? Bringt sie dann noch etwas?

Verbindlichkeit hat mit unserer Lebenstauglichkeit als Erwachsene zu tun. Es braucht sie in der Schule, im Berufsleben, in der Familie. Ein wenig Druck, vielleicht sogar ein wenig Angst gehören manchmal dazu. Meine Tochter muss damit umgehen können, dass ihr eine bevorstehende Prüfung Angst bereitet. Sie muss das aushalten können, denn es ist ein Teil ihres Lebens. Es bringt unseren Kindern nichts, wenn wir sie vor allen Problemen zu bewahren versuchen. Ein Kind muss mit Druck und Angst umgehen können. Das gehört auch zur Verbindlichkeit. Es darf aber keinen manipulativen Druck oder Angstmacherei geben. Das löst Stress mit negativen Folgen aus: zum Beispiel Panik, Schlafprobleme und andauernden Gewissensdruck. Das kann zur Verweigerung führen, sich anzustrengen, nach dem Motto: Lieber nichts wagen, es könnte ja etwas schief gehen. Kinder müssen auch lernen, etwas auszuprobieren und dabei zu scheitern. Sie müssen erleben, dass sie «selbstwirksam» sind. 

 

Wie sieht verbindliches Verhalten entwicklungspsycho-logisch aus?

Ein kleines Kind braucht zur richtigen Zeit die emotionale Grundversorgung. Darauf wächst Urvertrauen. In jedem Alter gibt es neue Lernfelder, die das Kind kennenlernen muss. Die Eltern und Erziehenden müssen wissen, was jetzt dran ist. Sie dürfen das Kind weder unter- noch überfordern und sollten sich immer wieder fragen: «Was ist heute angemessen?» Dazu gehört manchmal auch der Druck, in einer Sache durchzuhalten, auch wenn es für das Kind immer wieder mit Frustration verbunden ist.

 

Welche Konsequenzen gibt es für unverbindliches Ver-halten?

Sie sind wiederum je nach Kind sehr unterschiedlich. Es darf nicht sein, dass wir unverhältnismässig reagieren. Die Konsequenz muss innerhalb des «Spielfeldes» umgesetzt werden, sie soll direkt etwas mit dem Fehlverhalten zu tun haben und schon vor dem «Spiel» bekannt sein. Für eine liebevolle Erziehung mit Strukturen und Konsequenzen muss eine positive Kultur vorhanden sein, die auch in anspruchsvollen Situationen tragfähig bleibt. 

 

1 Widerstandsfähigkeit


Martin Bässler (37), verheiratet, vier Kinder, ist Sozialpädagoge HF mit einem Nachdiplomstudium in «Management of Social Services». Er leitet die vielfältigen pädagogischen Angebote der Stiftung «Gott hilft» und ist auch Vorsitzender der Konferenz der Kinder- und Jugendheime im Kanton Graubünden. Zuvor hatte er die Jugendstation «ALLTAG» aufgebaut, eine Institution für straffällig gewordene Jugendliche.

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