Beispiel Casappella

Verbindlich gemeinsam leben

Silvianne Bürki Die reformierte Kirchgemeinde Ittigen (BE) geht mit der Casappella neue Wege: Hier leben Christinnen und Christen Verbindlichkeit im gemeinsamen Wohnen und Feiern. Tag für Tag, freiwillig und (meistens) freudig.

 

Worblaufen, in der Berner Agglomeration: Zwischen Hochhäusern, Bahngleisen und Autobahn fällt das weisse Gebäude mit dem kleinen Glockenturm auf. Seit knapp vier Jahren steht sie hier, die Casappella. Casa und Cappella: Der Name deutet auf eine enge Verflechtung von Wohnen und Feiern, Alltag und Sonntag hin. Architektonisch kommt diese Verbindung zum Ausdruck durch ein Gebäude, das drei private Wohneinheiten und eine öffentliche Kapelle zu einem organischen Ganzen verbindet. In der Mitte befindet sich ein kleiner Innenhof, eine moderne Interpretation des Kreuzgangs: ein lebendiger Ort der Begegnung.

 

Verbindlichkeiten ...

Zur Zeit bilden 13 Erwachsene und 4 Kinder die Hausgemeinschaft der Casappella (inklusive dem angrenzenden dazu gehörenden Pfarrhaus). Diese Gemeinschaft einigt sich jedes Jahr neu auf eine Reihe von «Verbindlichkeiten»: Regeln, die dem Zusammenleben Struktur geben. Diese Verbindlichkeiten beinhalten beispielsweise, dass alle «Casappellos» einmal wöchentlich gemeinsam essen, monatlich zusammen einen Hausabend mit Sitzung, Austausch und Gebet verbringen, den allsonntäglichen öffentlichen Gottesdienst in der Casappella mittragen, sich regelmässig zum schlichten Nachtgebet in eben dieser Kapelle treffen und immer wieder kleine Projekte im Quartier organisieren.

Fast alle, die in die Casappella zogen, haben sich vorher gefragt: Kann ich das alles leisten? Wird es mir nicht zu viel? Engen mich die Verbindlichkeiten nicht ein? Tatsächlich scheint die Liste der Verbindlichkeiten auf den ersten Blick lang und das entsprechende Engagement aufwändig. Die Erfahrung zeigt aber: Verbindlichkeit engt nicht ein. Erstaunlich bald gehören die durch die Verbindlichkeiten geregelten Fixpunkte im Alltag wie selbstverständlich dazu. Ja, ihre Regelmässigkeit schafft Sicherheit und Heimat.

 

... mit Frustpotenzial

Natürlich hat die gegenseitige Verbindlichkeit auch
Frustpotenzial: Jemand fühlt sich in einem Entscheid übergangen. Jemand findet, andere würden die gemeinsamen Abmachungen zu lasch auslegen. Jemand hat ein schlechtes Gewissen, weil er von sich glaubt, zu wenig in die Gemeinschaft zu investieren. Hier braucht es von allen Seiten immer wieder viel Grossherzigkeit, Ehrlichkeit und Feingefühl. Unverzichtbar ist auch der klare Blick «von aussen»: Ein Sozialdiakon der reformierten Kirchgemeinde Ittigen, zu der die Casappella gehört, ist für die Casappella zuständig und zumindest an der jährlichen Retraite in Diskussionsprozessen klärend und moderierend mit dabei. 

 

Ja zum gemeinsamen Leben

Jährlich werden die Verbindlichkeiten an dieser Retraite in einem aufwändigen Prozess diskutiert und neu ausgehandelt. Was hat sich bewährt? Was macht Freude, was Mühe? Ziel ist, dass schliesslich alle von Herzen Ja zu einem weiteren Jahr gemeinsamen Lebens sagen können. 

Dieses Ja ist die zentrale Voraussetzung dafür, dass Verbindlichkeiten nicht zu einem Korsett werden. Sie sind kein Müssen, sondern ein Wollen – und werden zum Dürfen. Wer in der Casappella lebt, möchte mehr als eine Mietwohnung. Mehr auch als «nur» gute Nachbarschaft (auch wenn diese allein das Projekt schon wert wäre). Wer in der Casappella lebt, möchte Leben und Glauben teilen. Und immer wieder dürfen er oder sie die Kraft erfahren, die von diesem gemeinsamen Leben ausgeht: Kraft, um einander und andere in Gebet und Engagement zu tragen. So steht es auch sichtbar eingemeisselt im Grundstein der Casappella: «Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen1.» 

 

www.refittigen.ch/gemeindeleben-von-a-bis-z/casappella-wohnen-und-feiern.html 


Silvianne Bürki ist Doktorandin in Theologie und lebt seit 2009 in der Casappella.

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