Nachhaltig leben

Wie die ersten Wochen und Monate das Leben prägen

Fritz Imhof Führt die unsichere Bindung des Kleinkindes später zu einem Mangel an Verbindlichkeit? Die Bindungstheorie erklärt, weshalb die Begegnungen eines neuen Erdenbürgers mit Bezugspersonen am Anfang des Lebens so wichtig sind. 

 

Kleinkinder können sich gegenüber ihrer Mutter oder andern Bezugspersonen höchst unterschiedlich verhalten. Die Psychologie spricht von einem Bindungsverhalten (siehe Kasten S. 27), das davon abhängt, wie sich die Beziehung des Neugeborenen zu seiner wichtigsten Bezugsperson, meistens der Mutter, in den ersten Wochen und Monaten entwickelt hat. Das Kleinkind braucht die enge Bindung, die von Vertrauen, Liebe und Zuneigung erfüllt ist, damit es später in der Lage ist, selbst solche Bindungen an einen andern Menschen zu entwickeln. 

Diese Phase erfordert eine hohe Feinfühligkeit der Mutter. Dabei sind auch Dinge wie der Blickkontakt bedeutend. Der Jugendpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann sagt: «Die Mama schaut mich an.» Für das Kind sei klar: «Ich bin der, als der ich angeschaut werde.» ... «Wenn die Mutter das Kind liebevoll anschaut, durchflutet eine Welle von Nähe und Wärme das Kind.» Sigmund Freud sprach in diesem Zusammenhang von einem «ozeanischen Gefühl».

Das Kind will in dieser ersten Lebensphase anerkannt und angeschaut werden. Es entwickelt eine Beziehung zuerst zur Mutter, dann zu andern Bezugspersonen, dann zu den Objekten in der Umwelt. «Mama schaut – und ich fühle mich ganz», so umschreibt es Bergmann. Und: «Mama spricht zu mir, und ich fühle mich noch mehr ganz.» Das Kind sucht die Einheit mit der Mutter, und es will der Mutter etwas bedeuten.

Wenn das Kind diese Erfahrung nicht macht, entwickelt es Bindungsstörungen, die sich zum Beispiel als ADHS-Störung1 auswirken. Diese hat massiv zugenommen und bereitet in der Schule und bereits im Kindergarten grosse Probleme. 

«Feinfühligkeit» ist überhaupt der Schlüssel des Beziehungsaufbaus der Eltern zum Kind, wenn es nach der deutschen Psychologin und Familienforscherin Monika Wertfein geht. An einer Tagung der Vereinigten Bibelgruppen (VBG) 2011 in Basel sagte sie, idealerweise sei das Familienleben von der Feinfühligkeit der Eltern geprägt. Feinfühlige Eltern nehmen die Gefühle der Kinder wahr und interpretieren sie richtig. So entwickelt sich eine gesunde Bindung. 

 

Am Anfang entsteht die Bindung

Als Vater der Bindungstheorie gilt John Bowlby, der sich vorerst auf die Evolutionstheorie von Charles Darwin bezog und später auch die Forschungsergebnisse von Konrad Lorenz und Nikolas Tinbergen aufnahm. Später wurden seine Erkenntnisse zum Teil korrigiert und differenziert. 

Unter Bindung versteht Bowlby die enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. Bei einem Neugeborenen ist es die ganz spezielle Beziehung zu seinen Eltern oder anderen Bezugspersonen. Die dabei erlebte Bindung ermöglicht ihm, Schutz und Beruhigung bei seinen Bezugspersonen zu suchen, wenn es sich bedroht fühlt oder Angst und Schmerzen empfindet. Als Bezugspersonen bzw. Bindungspersonen gelten die Erwachsenen, insbesondere die Mutter oder andere ältere Personen, mit
denen das Kind den intensivsten Kontakt in seinen ersten Lebensmonaten hatte.

Dieses Bindungsverhalten verändert sich naturgemäss, wenn das Kind heranwächst. Bei älteren Kindern und Erwachsenen ist das ursprüngliche Bindungs- und Explorationsverhalten2 im Sinne von Annäherung und Entfernung zu den Bindungspersonen nicht mehr so offensichtlich. Die Forschung auf der Basis der Bindungstheorie hat jedoch Zusammenhänge zwischen dem frühen Bindungsverhalten und dem Verhalten älterer Kinder,
Jugendlicher und Erwachsener gefunden. Durch die individuellen Unterschiede in der Eltern-Kind-Interaktion in den ersten Lebensjahren werden nach Bowlby «inner working models»3 gebildet. Diese prägen sich im Verlauf der Entwicklung in die Psyche eines Menschen ein. 

So sind zum Beispiel Mütter, die selbst als Kind keine sichere Bindung erfahren haben, kaum in der Lage, ihrem eigenen Kind Bindung zu geben. Dies prägt wiederum das Bindungsverhalten bzw. das soziale Verhalten des Kindes, das oft erst im Kindergarten oder in der Schule als problematisch wahrgenommen wird. Laut einer kanadischen Studie ist die psychische Gesundheit des Kindes bereits bei rund der Hälfte schon im Kindergarten-alter geschwächt, wie der kanadische Hirnforscher Stuart B. Shanker 2008 in Berlin4 erklärte. 

Der Aufbau der Bindung im Kleinkindalter prägt aber laut Shanker nicht nur das spätere Wohlbefinden und Beziehungsverhalten des Menschen, sondern hat auch Auswirkungen auf seine schulische und berufliche Entwicklung. Denn im Bindungsprozess zwischen Mutter und Kind entwickeln sich auch die Hirnstrukturen des Kindes, welche sich später auf die Kreativität und Intelligenz auswirken. Das Gehirn der primären Bezugsperson reguliere und stimuliere die Entwicklung des Gehirns des Kleinkindes in den ersten Lebensmonaten. 

Shanker beruft sich dabei auf Forschungsergebnisse eines Teams an der York University in Toronto unter Professor Stanley Greenspan, die das Verhalten der Kinder vor und kurz nach der Geburt beobachtet und dabei entdeckt hat, dass das kleinkindliche Gehirn noch wenig ausgebildet ist und daher die ersten Wochen und Monate für seine Entwicklung entscheidend sind. Laut Shanker wird hier die Basis für die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen gelegt. Zugespitzt drückte er sich an der Berliner Tagung so aus: «Betrachten Sie alles als irrelevant, was Sie bislang über den Intelligenzquotienten gehört haben.»

Shanker betont: «Es kommt kein böses oder faules Kind zur Welt.» Ganz wesentlich sei daher die intensive Interaktion zwischen Mutter und Kind in den ersten drei bis vier Monaten. Das Kind kenne ihre Stimme, ihren Herzschlag und sei auf die adäquate Reaktion der Mutter angewiesen. Nicht nur, wenn es Bedürfnisse habe, sondern auch wenn es neue Dinge entdecke.

 

Die Bindungstypen des Kindes

Das Bindungsverhalten ist sehr vielfältig und oft individuell unterschiedlich in der Ausprägung. Heute werden bei Kindern meist vier Bindungsqualitäten genannt.

 

Bindungstypen

Abk.

Beschreibung

Sichere Bindung

B-Typ

Solche Kinder können Nähe und Distanz der Bezugsperson angemessen regulieren.

Unsicher vermeidende 

Bindung

A-Typ

Die Kinder zeigen eine Pseudounabhängigkeit von der Bezugsperson. Sie zeigen auffälliges Kontakt-Vermeidungsverhalten und beschäftigen sich primär mit Spielzeug im Sinne einer Stress-Kompensationsstrategie.

Unsicher ambivalente 

Bindung

C-Typ

Diese Kinder verhalten sich widersprüchlich-anhänglich zur Bezugs-person.

Desorganisierte 

Bindung

D-Typ

Die Kinder zeigen deutlich desorientiertes, nicht auf eine Bezugsperson bezogenes Verhalten.

 

1  Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

2  neugieriges Auskundschaften und Erkunden der Umgebung

3  Innere Verhaltensmuster

4  an der Tagung «Bindung – Bildung – Innovation», veranstaltet durch das       «Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie».


Fritz Imhof ist Co-Redaktor beim Magazin INSIST und Chefredaktor bei LIVENET.

fritz.imhof@STOP-SPAM.insist.ch

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